Interview mit Florian Geiger
"Nachhaltige Verpackungen müssen Prozesssicherheit und Wirtschaftlichkeit vereinen"

Im LEADERSNET-Interview spricht Florian Geiger, CEO der Perlen Papier AG, über innovative Papierflaschen als nachhaltige Alternative zu Glas und Kunststoff, die Chancen auf dem österreichischen Markt und die Herausforderungen bei Recycling und industrieller Produktion. Zudem erklärt er, welche Rolle faserbasierte Verpackungen für die Zukunft des Unternehmens spielen.

LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Geiger, die Perlen Papier AG ist seit über 150 Jahren als traditioneller Papierhersteller bekannt. Was hat Sie dazu bewogen, mit der Pulpex-Technologie nun voll in das Segment der dreidimensionalen Faserverpackungen und Papierflaschen einzusteigen?

Florian Geiger: Wir sind überzeugt von der Holzfaser als nachhaltigem und recycelbarem Werkstoff. Über unser angestammtes Geschäft mit grafischen Papieren hinaus bieten wir mit beschichteten Spezialpapieren vielfältige Lösungen für nachhaltigere flexible Verpackungen. Dreidimensionale, faserbasierte Verpackungen sind der logische nächste Schritt. Dieses neue Geschäftsfeld bauen wir schrittweise auf. Die von der britischen Firma Pulpex entwickelte "Papierflasche" ist dabei ein wichtiger Bestandteil unserer strategischen Weiterentwicklung. Wir verfügen über umfassendes Know-how im Umgang mit Papierfasern, Recycling und industriellen Produktionsprozessen. Diese Kompetenz wollen wir künftig verstärkt für neue Anwendungen nutzen. Wir übertragen damit unsere Erfahrung aus der klassischen Papierherstellung auf eine neue Generation von Verpackungen. 

LEADERSNET: Die Faserflasche soll etablierten Verpackungen aus Glas und Plastik Konkurrenz machen. Wie schaffen Sie es technisch, dass eine Flasche aus Zellulosefasern flüssigkeitsdicht, kühlschrankfest und bis zu 24 Monate haltbar ist, ohne dabei auf klassische Kunststoffe zurückzugreifen?

Geiger: Der einteilige Flaschenkörper wird aus Zellulosefasern im Nassformverfahren hergestellt und anschließend getrocknet. Die Innenseite erhält eine mehrfach patentierte, lebensmittelechte und plastikfreie Barriere-Beschichtung, die den Inhalt vor Feuchtigkeit und Sauerstoff schützt. Dadurch ist die Flasche wasserfest und beispielsweise auch für die Lagerung im Kühlschrank geeignet. 

LEADERSNET: Bei Papierverpackungen mit Barriere-Beschichtung sind Konsument:innen und Umweltschützer:innen oft skeptisch, ob diese am Ende wirklich im Altpapier landen dürfen. Wie garantieren Sie, dass die Barriere im normalen Papierrecycling nicht zu Problemen führt und die Flasche nicht am Ende doch in der Müllverbrennung landet?

Geiger: Als größter Altpapierrecycler der Schweiz verfügen wir über langjährige Erfahrung und umfassende Expertise im Papierrecycling. Die Recyclingfähigkeit der Faserflasche ist für uns deshalb von zentraler Bedeutung. Sie wurde sowohl nach der 4evergreen-Testmethode von CEPI, dem europäischen Verband der Papierindustrie, als auch von uns selbst umfangreich geprüft. Die Tests bestätigen, dass die Flasche über bestehende Papierrecyclingströme verarbeitet werden kann. Unser Ziel ist es, die eingesetzten Fasern möglichst lange im Kreislauf zu halten. Dazu gehört auch, die Kund:innen davon zu überzeugen, die Papierflasche nach Gebrauch im Altpapier zu entsorgen.

LEADERSNET: Ein Hauptargument für die Faserflasche ist der ökologische Fußabdruck – rund 90 Prozent weniger im Vergleich zu Glas und 30 Prozent weniger als bei PET. Welche Rolle spielen hierbei das geringe Gewicht und die Einsparungen in der Transportlogistik?

Geiger: Das geringe Gewicht ist ein wesentlicher Vorteil. Dadurch lassen sich Transportaufwand und Logistikkosten reduzieren. Eine sogenannte Cradle-to-Gate-Betrachtung, die sämtliche Emissionen von der Rohstoffgewinnung bis zum Verlassen des Werks berücksichtigt, gibt zudem Aufschluss über den CO₂-Fußabdruck der Flasche. Aber für Markenhersteller zählen nicht nur ökologische Aspekte. Eine Verpackung muss auch bei Produktschutz, Haltbarkeit und Wirtschaftlichkeit überzeugen.

LEADERSNET: Sie halten die exklusiven Produktionsrechte für die Schweiz, Österreich, Italien und Süddeutschland. Wie konkret ist das Interesse am österreichischen Markt wirklich, und gibt es bereits Abnehmer:innen aus der Getränke-, Kosmetik- oder Lebensmittelbranche, die verbindlich umsteigen wollen?

Geiger: Österreich ist für uns bereits im grafischen Papierbereich ein wichtiger Markt. Wir beliefern das Land seit Jahren mit Zeitungs- und Magazinpapier. Nun wollen wir unser Angebot gezielt um faserbasierte Verpackungslösungen erweitern. Die Anwendungsmöglichkeiten reichen von Getränken über Lebensmittel bis hin zu Kosmetikprodukten. Vom Schweizer Standort aus können wir unsere Kund:innen in Österreich auch aus geografischer Nähe beliefern. Aktuell erfreuen wir uns über großes Interesse aus Österreich.  

LEADERSNET: Der Umstieg auf eine völlig neue Verpackung ist für Abfüllbetriebe oft mit hohen Kosten und Risiken verbunden. Wie praxistauglich sind die Flaschen auf bestehenden Hochgeschwindigkeits-Abfüllanlagen wirklich, oder drohen Kund:innen hier teure Umrüstungen und Ausfälle?

Geiger: Für uns ist klar: Eine nachhaltigere Verpackung wird sich nur dann durchsetzen, wenn sie auch den Anforderungen der Industrie gerecht wird. Vor allem hinsichtlich Prozesssicherheit und Wirtschaftlichkeit. Unsere "Papierflaschen" sind mit gängigen Abfüllverfahren kompatibel und können grundsätzlich gut integriert werden. Jedoch sind die Prozessanforderungen in jedem Einzelfall zu prüfen.  

LEADERSNET: Aktuell sind die Flaschen bereits verfügbar, die eigene Produktion im Schweizer Stammwerk Perlen soll aber erst Ende 2027 anlaufen. Warum dauert dieser Schritt bis 2027, und welche Kapazitäten wollen Sie dort aufbauen?

Geiger: Für die Herstellung im industriellen Maßstab muss unser Standort Perlen in der Zentralschweiz erst umgerüstet werden, das benötigt entsprechend Zeit. Wir verfügen dort aber über eine bestehende Infrastruktur, die wir zunehmend auch für Verpackungslösungen nutzen wollen. Aus heutiger Sicht ist ein Start ab Ende 2027 realistisch. Gleichzeitig eröffnet Pulpex derzeit ihren ersten Produktionsstandort in Glasgow. Diese Erfahrungen wollen wir in unser Anlagendesign einfließen lassen.

LEADERSNET: Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft. Die klassische Print- und Papierbranche steht seit Jahren unter Druck. Ist der Wandel hin zu faserbasierten 3D-Verpackungslösungen für die Perlen Industrieholding nur ein Nischenprodukt oder der zentrale Rettungsanker für die nächsten Jahrzehnte?

Geiger: Ich würde hier weder von einer Nische noch von einem Rettungsanker sprechen. Wir sehen in faserbasierten Verpackungen vielmehr die Möglichkeit, unsere bestehenden Kompetenzen für neue Geschäftsfelder zu nutzen und das Unternehmen damit breiter aufzustellen. Unsere Erfahrung mit Papier, Recycling und industrieller Produktion bietet dafür eine gute Grundlage. Wir sind überzeugt von der Holzfaser als Werkstoff und vom Zukunftspotenzial nachhaltiger, recyclebarer Verpackungen. 

LEADERSNET: Vielen Dank!

www.perlen.ch

Über die Person

Florian Geiger ist seit Mai 2025 CEO der Perlen Industrieholding AG. Zuvor war er seit 2013 in verschiedenen Führungspositionen bei der Swiss Steel Group in Luzern tätig, zuletzt als Chief Commercial Officer für Qualitäts- und Edelbaustähle sowie als Mitglied der Konzernleitung. Davor leitete er als CEO die Steeltec AG in Emmenbrücke. Seine berufliche Laufbahn begann Geiger bei der Unternehmensberatung Roland Berger in München. 

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Über die Person

Florian Geiger ist seit Mai 2025 CEO der Perlen Industrieholding AG. Zuvor war er seit 2013 in verschiedenen Führungspositionen bei der Swiss Steel Group in Luzern tätig, zuletzt als Chief Commercial Officer für Qualitäts- und Edelbaustähle sowie als Mitglied der Konzernleitung. Davor leitete er als CEO die Steeltec AG in Emmenbrücke. Seine berufliche Laufbahn begann Geiger bei der Unternehmensberatung Roland Berger in München. 

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