LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Pig, die Entscheidung über das neue Direktor:innen-Führungsteam ist im August gefallen. Wie gestalten sich nun die operative Zusammenarbeit und die Vorbereitung auf die Amtsübernahme ab 2027, um historisch gewachsene Silos im Haus nachhaltig aufzubrechen?
Clemens Pig: Das Onboarding der neuen Direktor:innen ist sehr erfolgreich angelaufen. Wir haben ein starkes Führungsteam, das bereits intensiv an den gemeinsamen Prioritäten für 2027 arbeitet. Entscheidend ist, dass wir von Beginn an über Bereichsgrenzen hinweg denken: Programm, Plattformen, Technologie, Finanzen und Landesstudios müssen als ein ORF zusammenarbeiten. Der ORF ist programmlich stark und erreicht täglich Millionen Menschen. Aber angesichts der finanziellen und digitalen Herausforderungen brauchen wir eine Reform an Haupt und Gliedern, keine kosmetischen Korrekturen. Unser Ziel ist ein ORF, der digital stärker, publizistisch klarer, organisatorisch einfacher und öffentlich überprüfbarer wird.
LEADERSNET: Als ehemaliger APA-Chef stehen Sie wie kaum ein anderer in der Branche für technologische Innovation und digitale Transformation. Welche konkreten News-Tech- und KI-Projekte möchten Sie als Erstes im ORF umsetzen – und wie nehmen Sie dabei die Mitarbeiter:innen mit?
Pig: Digitalisierung und künstliche Intelligenz sind für mich keine Selbstzwecke, sondern Werkzeuge für besseren Journalismus, bessere Angebote und effizientere Abläufe. Priorität haben gemeinsame technologische Grundlagen, intelligente Produktions- und Distributionsprozesse sowie der verantwortungsvolle Einsatz von KI – etwa bei Rechercheunterstützung, Archivsuche, Transkription und der barrierefreien Aufbereitung von Inhalten. Redaktionelle Verantwortung, Faktenprüfung und Transparenz bleiben dabei immer beim Menschen. Wir müssen Ressourcen dort freispielen, wo sie den größten Nutzen für unser Publikum stiften: im originären österreichischen Programm. Die Mitarbeiter:innen nehmen wir mit, indem wir offen über Veränderungen sprechen, Qualifizierung ermöglichen und die besten Ideen aus den Redaktionen und Teams einbeziehen.
LEADERSNET: Bei der aktuellen Programmpräsentation für 2027 stand das Thema "Vertrauen" im Mittelpunkt. Wie wollen Sie die starke lineare Basis bewahren und gleichzeitig Formate für jüngere Zielgruppen – etwa auf ORF On oder Social Media – weiter ausbauen?
Pig: Unsere starken Radio- und Fernsehprogramme bleiben ein Fundament des ORF – gerade bei Information, Kultur, Sport und Live-Ereignissen, österreichischer Unterhaltung und heimischen Filmen und Serien. Zugleich wächst eine Generation heran, die den ORF zuerst oder ausschließlich digital kennenlernt. Für sie brauchen wir nicht nur die digitale Verlängerung linearer Sendungen, sondern eigenständige Digital-first- und Digital-only-Angebote. ORF On, orf.at und unsere Präsenz auf relevanten Plattformen müssen konsequent aus Sicht des Publikums weiterentwickelt werden. Dazu gehören bessere Auffindbarkeit, eine klare Markenführung und Formate, die junge Menschen in ihrer Lebenswelt erreichen. Unser Anspruch ist, aus einem erfolgreichen Rundfunk eine öffentlich-rechtliche Plattform der Gesellschaft zu machen.
LEADERSNET: Der Verband Österreichischer Privatsender warnt vor weiteren Belastungen für heimische Medien und fordert mehr Freiraum für Kooperationen sowie eine ORF-Reform, die den gesamten Medienstandort stärkt. Wo sehen Sie konkrete Chancen für Partnerschaften mit den Privaten?
Pig: Ich stehe für einen starken ORF in einem starken gemeinsamen österreichischen Medienmarkt. Unsere eigentliche Herausforderung ist nicht der Wettbewerb unter österreichischen Medien, sondern die wachsende Marktmacht globaler Plattformen. Deshalb habe ich mit "Media Connect" ein Modell vorgeschlagen, das Kooperation und faire Koexistenz verbindet. Gemeinsam nutzbare Technologie, Infrastruktur, Innovation, Daten- und KI-Kompetenz oder geeignete Formen des Rechteerwerbs sind mögliche Felder. Gleichzeitig müssen publizistische Eigenständigkeit, fairer Wettbewerb und die unterschiedlichen Aufträge gewahrt bleiben. Dafür suchen wir den Dialog mit Verlagen und Privatsendern; bei manchen Vorhaben braucht es auch zeitgemäßere gesetzliche Rahmenbedingungen.
LEADERSNET: Die politische Diskussion rund um den ORF reißt nicht ab – die FPÖ fordert die Abschaffung der Haushaltsabgabe zugunsten einer Budgetfinanzierung und kritisiert Gehaltsstrukturen. Wie begegnen Sie dieser Debatte und wie wollen Sie skeptische Bürger:innen überzeugen?
Pig: Über das Finanzierungsmodell entscheidet der Gesetzgeber. Für mich sind zwei Prinzipien unverzichtbar: die wirtschaftliche Unabhängigkeit des ORF und eine langfristig verlässliche Finanzierung, die nicht bei jedem politischen Machtwechsel infrage steht. Entscheidend ist daher nicht nur die Form, sondern die tatsächliche Absicherung dieser Unabhängigkeit. Vertrauen kann man nicht verordnen, man muss es täglich verdienen – durch objektive, ausgewogene und nachvollziehbare Berichterstattung, durch Nähe zum Publikum und durch einen transparenten Umgang mit Beitragsmitteln. Gerade in Zeiten von Desinformation braucht Österreich starke, unabhängige öffentlich-rechtliche Medien. Ebenso klar ist: Offene Compliance-Fragen müssen konsequent aufgearbeitet werden.
LEADERSNET: Die Nachwehen rund um den Rücktritt Ihres Vorgängers Roland Weißmann zeigen, wie sensibel Compliance, Machtstrukturen und Kulturwandel im Haus sind. Nach welchen Prinzipien wollen Sie Governance und Transparenz neu aufstellen?
Pig: Es braucht einen klaren Schnitt mit problematischen Praktiken der Vergangenheit und eine neue Kultur der Verantwortung. Offene Compliance-Fälle werden konsequent und rechtsstaatlich sauber aufgearbeitet. Wirtschaftliche Altlasten wollen wir transparent gesondert ausweisen, damit Fortschritte beim Neustart sichtbar werden. Zugleich müssen Entscheidungen nachvollziehbar, Zuständigkeiten eindeutig und Kontrollmechanismen wirksam sein. Mittelfristig halte ich ein Vorstandsmodell mit Vier-Augen-Prinzip und gemeinsamer Verantwortung für sinnvoll; dafür wäre eine gesetzliche Änderung nötig. Schon innerhalb des geltenden Rahmens werde ich auf Teamentscheidungen bei wesentlichen Fragen und auf klare interne Kontrollen setzen. Unabhängigkeit beginnt auch bei der Führungskultur.
LEADERSNET: Ab 2027 stehen dem ORF trotz stabiler Beitragsstruktur spürbare wirtschaftliche Konsolidierungen und Sparvorgaben bevor. Wo sehen Sie Effizienzpotenziale, ohne dass die Qualität des öffentlich-rechtlichen Kernangebots leidet?
Pig: Die wirtschaftliche Lage ist ernst. Deshalb müssen wir jeden Euro noch stärker am öffentlich-rechtlichen Auftrag messen. Sparen darf nicht heißen, den ORF einfach kleiner zu machen; wir müssen ihn besser organisieren. Dazu gehören schlankere Führungsstrukturen, weniger Doppelgleisigkeiten, eine Überprüfung der Konzernarchitektur und der Sachkosten sowie moderne, technologiegestützte Produktionsweisen. Gerade bei Führung und Verwaltung müssen wir zuerst ansetzen. Was wir dadurch gewinnen, soll in das fließen, was uns unverwechselbar macht: unabhängige Information, österreichische Kultur und Unterhaltung, Sport, Regionalität, Filme und Serien aus Österreich und Angebote für junge Menschen. Das ist kein reines Sparprogramm, sondern ein Umbau mit klarem Programmziel.
LEADERSNET: Die ORF-Landesstudios gelten als Herzstück der Verankerung in den Bundesländern und erzielen hohe Reichweiten. Welche Rolle spielen die Regionen in Ihrer langfristigen Strategie?
Pig: Regionalität wird weiter an Bedeutung gewinnen. In einer Welt voller austauschbarer und zunehmend KI-generierter Inhalte sind verlässliche, originäre Geschichten aus Österreich ein besonderer Wert. Die Landesstudios kennen die Menschen, Themen und Lebensrealitäten vor Ort. Sie schaffen Nähe und Vertrauen – mit Gesichtern und Stimmen, die das Publikum kennt. Wir wollen mehr österreichisches und regionales Programm auf allen Kanälen, auch digital und für jüngere Zielgruppen. Die Perspektive darf nicht allein aus Wien kommen. Der ORF muss die Vielfalt des Landes abbilden und ein gemeinsamer Resonanzraum für die demokratische Mitte sein.
LEADERSNET: Woran soll die österreichische Öffentlichkeit in einigen Jahren messen, dass der ORF unter Ihrer Führung einen erfolgreichen, modernen und verbindenden Kulturwandel vollzogen hat?
Pig: Daran, dass die Menschen dem ORF vertrauen, seinen unabhängigen Journalismus schätzen und in seinen Angeboten ihre eigene Lebenswirklichkeit wiederfinden – unabhängig von Alter, Wohnort oder Weltanschauung. Daran, dass wir jüngere Zielgruppen gewinnen, ohne unsere treuen Zuschauer:innen und Hörer:innen zu verlieren. Daran, dass wir mit Beitragsmitteln verantwortungsvoll umgehen, transparenter entscheiden und im österreichischen Medienmarkt als Partner wirken. Vor allem aber daran, dass der ORF wieder stärker jener gemeinsame Resonanzraum ist, in dem Information, Kultur, Sport, Vereine, Regionen und gesellschaftliche Debatten zusammenfinden. Das ist der Kern meines Leitbilds: "Ein ORF, dem Österreich vertraut. Vom Rundfunk zur Plattform der Gesellschaft."
LEADERSNET: Vielen Dank.
www.orf.at
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