Katharina Koßdorff im Interview
"Wenn nur noch der billigste Preis zählt, verlieren wir den heimischen Standort"

Im LEADERSNET-Interview spricht Katharina Koßdorff, GF Fachverband der Lebensmittelindustrie der WKO, über die Herausforderungen durch internationale Regulatorik, den Teuerungsschub bei Rohwaren und Energie sowie den Kostendruck am Standort Österreich. Zudem beleuchtet sie Trends wie personalisierte Ernährung durch KI oder proteinreiche Produkte und plädiert für weniger Bürokratie.

LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Koßdorff, das Recht rund um die Lebensmittelindustrie hat Sie Ihr Leben lang begleitet – an der Universität, bei Vorträgen und in Ihrer heutigen Funktion. Wie sind Sie zu diesem Fachgebiet gekommen und was regelt das Lebensmittelrecht im Kern?

Katharina Koßdorff: Zum Lebensmittelrecht bin ich eigentlich durch Zufall gekommen. Nach dem Studium in Graz und einem Traineeprogramm in der Wirtschaftskammer Österreich landete ich im Fachverband der Lebensmittelindustrie und habe dort das Lebensmittelrecht betreut. Das Lebensmittelrecht regelt im Grunde alles, was Lebensmittel betrifft: Was drinnen sein darf, was draufstehen muss, ob und wie ich werben darf. Es ist ein extrem breites, dichtes und streng reguliertes Feld.

LEADERSNET: Viele Menschen setzen heute stark auf Gesundheit und Lifestyle. Welche neuen Trends – etwa auch getrieben durch den Hype um Abnehmspritzen – verändern das Angebot in der Lebensmittelindustrie?

Koßdorff: Wir merken einen ganz starken Trend zur Selbstoptimierung und zur sogenannten "Longevity" – also dem Wunsch, lange gesund zu leben. Neben Bewegung spielt die Ernährung dabei eine zentrale Rolle. Der Trend rund um Abnehmspritzen, der in den USA und Großbritannien bereits massiv spürbar ist, führt dazu, dass betroffene Personen weniger einkaufen und gezielt zu anderen Produkten greifen. Der Fokus liegt hier stark auf proteinangereicherten Produkten, weil man zwar abnehmen, aber keine Muskelmasse verlieren möchte. Da werden wir ein stark verändertes Lebensmittelangebot sehen.

LEADERSNET: Die Lebensmittelbranche sieht sich aktuell einer wahren Flut an Vorschriften gegenüber. Sind wir in diesem Bereich überreguliert?

Koßdorff: Absolut überreguliert! Jeder Punkt und Beistrich bei Lebensmitteln hat eine europäische Richtlinie oder Verordnung. Da Lebensmittel im Binnenmarkt frei zirkulieren müssen, stammt das Lebensmittelrecht zu 99 Prozent aus Brüssel und gilt europaweit – von der Kennzeichnung bis zur Hygiene. In letzter Zeit ist zudem eine massive Welle an neuen Regulierungen hinzugekommen: vom Lieferkettengesetz über die Nachhaltigkeitsberichterstattung bis hin zur Entwaldungsverordnung.

LEADERSNET: Die Teuerung ist für Konsument:innen spürbar. Woher kommt dieser Preisschub bei Lebensmitteln konkret?

Koßdorff: Die Teuerung hat alle Lebensbereiche erfasst, auch die Lebensmittelindustrie. Das kommt einerseits stark aus der Energieecke, denn höhere Energiekosten verteuern die gesamte Produktion. Hinzu kamen die Inflationsspirale, höhere Löhne und die ausufernde Regulatorik. Ein entscheidender Faktor sind zudem die Rohwaren: Durch den Klimawandel gab es in den letzten Jahren viele Missernten und Pflanzenkrankheiten. Wir haben dadurch viel Teuerung nach Österreich importiert – man denke an Kaffee, Kakao, Tee oder Südfrüchte wie Orangen, die für die Weiterverarbeitung zwingend benötigt werden und massiv im Preis gestiegen sind.

LEADERSNET: Konsument:innen fordern Frische, Regionalität und gleichzeitig ganzjährige Verfügbarkeit. Warum gerät die österreichische Lebensmittelindustrie dabei international unter Druck?

Koßdorff: Frische steht in allen Umfragen an erster Stelle. Gegenwärtig dominiert jedoch der Preis, was uns große Sorge bereitet. Die österreichische Lebensmittelindustrie schleppt im Vergleich zu internationalen Mitbewerbern einen viel schwereren Kostenrucksack mit. Wir verlieren an preislicher Wettbewerbsfähigkeit – sowohl im Inland als auch im Ausland –, weil die Standortkosten für Energie, Personal und Regulatorik bei uns zu hoch sind. Wir bräuchten dringend ein Standort-Kostenreduzierungsprogramm.

Wenn in der öffentlichen Wahrnehmung nur noch der billigste Preis zählt, verlieren wir den heimischen Standort, da "billig" anderswo besser kann. Unser Worst-Case-Szenario ist, dass Österreich seine Lebensmittel komplett importieren muss, um die Versorgung zu sichern. Das müssen wir mit aller Kraft verhindern und dafür sorgen, dass Unternehmen hierzulande faire Rahmenbedingungen vorfinden.

LEADERSNET: Werden wir uns also dauerhaft an höhere Preise bei Lebensmitteln gewöhnen müssen?

Koßdorff: Ja, das werden wir müssen, denn das Preisniveau vor der Krise aus dem Jahr 2019 wird nicht mehr zurückkommen. Die Welt hat sich diesbezüglich verändert.

LEADERSNET: Was ist Ihr zentraler Appell an den Gesetzgeber, um den Wirtschafts- und Produktionsstandort zu entlasten?

Koßdorff: Eine Verschlankung und Vereinfachung! Mehr Wohlstand geht in der jetzigen Phase aus meiner Sicht nur noch mit weniger Regulatorik. Es liegen viele konkrete Vorschläge zur Entbürokratisierung auf dem Tisch – sie müssen schlichtweg umgesetzt werden.

LEADERSNET: Wie wird sich der Lebensmitteleinkauf in den kommenden zehn Jahren durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern?

Koßdorff: Wir werden mehr Digitalisierung, KI-Begleitung und eine personalisierte Ernährung sehen. Durch den Trend zur Selbstoptimierung wird KI dabei helfen, maßgeschneiderte Einkaufslisten oder proteinangereicherte Produkte ganz individuell nach den eigenen Ernährungsbedürfnissen zu generieren – im Grunde "tailormade" vom Feld direkt ins Regal. Auch der heimische Kühlschrank wird künftig dank KI selbstständig erkennen, wenn das Lieblingsjoghurt zur Neige geht, und eigenständig Nachschub ordern.

LEADERSNET: Bleibt angesichts dieses digitalen Vormarschs der klassische stationäre Handel erhalten?

Koßdorff: Ich plädiere nach wie vor klar für den analogen Handel vor Ort. Lebensmittel sind Genussmittel und Einkaufen ist ein echtes Genusserlebnis – das kann ich nur direkt im Geschäft und nicht vor dem Bildschirm erleben.

LEADERSNET: Die heimische Lebensmittelindustrie leistet Enormes. Was möchten Sie den Produzent:innen an dieser Stelle mitgeben?

Koßdorff: Man kann gar nicht oft genug Danke sagen! Die Lebensmittelindustrie sorgt dafür, dass Konsument:innen jeden Tag eine breite Produktpalette in bester Qualität und jeder gewünschten Verpackungseinheit vorfinden. Daher ein herzliches Dankeschön an unsere Produzent:innen.

LEADERSNET: Abschließende Frage: Dürfen wir uns auf die Zukunft freuen oder müssen wir ihr mit Sorge begegnen – vor allem in Anbetracht der drohenden Proteinshakes?

Koßdorff: Die proteinreichen Shakes schmecken mittlerweile auch gut – insofern bleiben wir absolut optimistisch!

LEADERSNET: Vielen Dank!

www.wko.at

Zur Person

Katharina Koßdorff ist Geschäftsführerin des Fachverbands der Lebensmittelindustrie in der Wirtschaftskammer Österreich (WKO). Nach ihrem Studium in Graz und einem Traineeprogramm in der Wirtschaftskammer hat sie sich tiefgehend auf das europäische und nationale Lebensmittelrecht spezialisiert.

In ihrer Funktion vertritt sie die Interessen der heimischen Lebensmittelhersteller, setzt sich vehement für den Abbau überbordender EU-Regulierungen sowie Entbürokratisierung ein und begleitet die Branche engagiert durch den digitalen und strukturellen Wandel.

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Katharina Koßdorff ist Geschäftsführerin des Fachverbands der Lebensmittelindustrie in der Wirtschaftskammer Österreich (WKO). Nach ihrem Studium in Graz und einem Traineeprogramm in der Wirtschaftskammer hat sie sich tiefgehend auf das europäische und nationale Lebensmittelrecht spezialisiert.

In ihrer Funktion vertritt sie die Interessen der heimischen Lebensmittelhersteller, setzt sich vehement für den Abbau überbordender EU-Regulierungen sowie Entbürokratisierung ein und begleitet die Branche engagiert durch den digitalen und strukturellen Wandel.

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