Ein bisschen Skincare, mehr Muskeln, die richtige Frisur: so weit, so harmlos. Doch manchen jungen Männern reicht das längst nicht mehr. Um ihrem vermeintlichen Idealbild näherzukommen, greifen sie sogar zum Hammer und schlagen sich damit gezielt ins Gesicht. Was absurd klingt, hat in sozialen Netzwerken einen Namen: "Bone Smashing". Die Hoffnung dahinter: Durch wiederholte Verletzungen sollen Wangenknochen und Kiefer markanter werden. Eine wissenschaftliche Grundlage dafür gibt es nicht. Stattdessen drohen bleibende Schäden.
Die verstörende Praxis ist eine extreme Ausprägung eines Trends, der aktuell vor allem unter männlichen Jugendlichen, aber auch jungen Erwachsenen Anhänger findet: "Looksmaxxing". Dahinter steckt die Vorstellung, das eigene Aussehen mit genügend Disziplin, den richtigen Methoden und notfalls drastischen Eingriffen nahezu beliebig verbessern zu können.
Vom Beauty-Tipp zum gefährlichen Selbstversuch
Doch was bedeutet diese Wortschöpfung eigentlich? der Begriff setzt sich aus den englischen Wörtern "looks" und "maximizing" zusammen. Gemeint ist die möglichst umfassende Optimierung der eigenen Attraktivität. In einschlägigen Online-Communitys wird dabei zwischen zwei Varianten unterschieden: "Softmaxxing" umfasst vergleichsweise harmlose Maßnahmen wie Hautpflege, Sport oder einen neuen Haarschnitt. Beim "Hardmaxxing" geht es deutlich weiter.
Hier kursieren Methoden, die nicht "nur" fragwürdig, sondern mitunter aucg gesundheitsschädlich sind. Neben dem sogenannten Bone Smashing gehört dazu etwa "Mewing". Dabei wird die Zunge bewusst gegen den Gaumen gedrückt, um angeblich die Kieferpartie zu verändern. Dass sich dadurch bei Erwachsenen die Gesichtsform gezielt modellieren lässt, ist wissenschaftlich nicht belegt. Bei falscher Anwendung können hingegen Beschwerden im Kieferbereich entstehen.
Noch gravierender sind freilich die möglichen Folgen gezielter Schläge ins Gesicht. Knochenbrüche, Verletzungen des umliegenden Gewebes und dauerhafte Deformierungen zählen zu den Risiken. Eine kontrollierte Verschönerung des Gesichts lässt sich dadurch nicht erreichen.
Schönheit als vermeintlicher Schlüssel zum Erfolg
Problematisch ist allerdings nicht nur die körperliche Selbstoptimierung, sondern auch das Weltbild, das manche Looksmaxxing-Communitys vermitteln, wie Expert*innen konstatieren. Attraktivität wird darin zur entscheidenden Voraussetzung für Anerkennung, Selbstbewusstsein und Erfolg beim Dating erklärt.
Die Botschaft lautet vereinfacht: Wer nicht gut aussieht, hat sich nicht ausreichend angestrengt. Wer seine Gesichtszüge, seinen Körper und seinen Stil konsequent verbessert, könne dagegen auch sein soziales Leben verändern Gerade für Jugendliche ist diese Vorstellung problematisch. Ihr Körper befindet sich häufig noch in der Entwicklung, während das eigene Selbstbild erst entsteht. Veränderungen des Gesichts, die während der Pubertät ganz natürlich stattfinden, werden in sozialen Netzwerken mitunter als Ergebnis bestimmter Optimierungsmethoden präsentiert. Dazu kommen Vorher-nachher-Bilder, deren Aussagekraft fragwürdig ist. Unterschiedliche Kamerawinkel, Lichtverhältnisse, Posen und digitale Filter können Veränderungen suggerieren, die mit der beworbenen Methode wenig zu tun haben.
Wenn der Algorithmus die Unsicherheit verstärkt
Dass idealisierte Körperbilder die Wahrnehmung des eigenen Aussehens beeinflussen können, ist auch wissenschaftlich untersucht. Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen der häufigen Konfrontation mit solchen Darstellungen in sozialen Medien und einer größeren Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. m Extremfall kann daraus ein problematischer Kreislauf entstehen: Je intensiver sich junge Menschen mit vermeintlichen Schönheitsidealen beschäftigen, desto kritischer betrachten sie ihr eigenes Aussehen. Die ständige Suche nach dem nächsten Makel kann psychische Belastungen verstärken und mit einem erhöhten Risiko für Essstörungen einhergehen.
Dazu kommt auch eine gesellschaftliche Dimension. Fachleute weisen auf Überschneidungen zwischen Teilen der Looksmaxxing-Szene und der sogenannten "Manosphere" hin, worunter man unterschiedliche Online-Communitys, in denen traditionelle Männlichkeitsvorstellungen, Selbstoptimierung und teilweise frauenfeindliche Einstellungen verbreitet werden, versteht. Nicht jede Beschäftigung mit Looksmaxxing ist diesem Milieu zuzuordnen, problematisch werde es Expert*innen zufolge jedoch dort, wo jungen Männern vermittelt wird, ihr persönlicher Wert hänge vor allem von ihrer körperlichen Attraktivität ab.
Wo Selbstoptimierung aufhören sollte
Dass sich junge Männer zunehmend mit Hautpflege, Fitness und ihrem Aussehen beschäftigen, sei grundsätzlich nichts Negatives. Entscheidend ist vielmehr, welche Erwartungen damit verbunden sind und welche Mittel eingesetzt werden.
Eine gesunde Lebensweise, Bewegung und bewusste Körperpflege können das Wohlbefinden unterstützen. Die eigene Gesichtsform mit Gewalt verändern zu wollen, hat damit allerdings nichts mehr zu tun.
Looksmaxxing zeigt damit auch eine neue Seite des Schönheitsdrucks: Längst sind es nicht mehr nur junge Frauen, die sich an unrealistischen Körperidealen messen.