Wie kann Österreich seinen Wohlstand bewahren, wenn wirtschaftliche Unsicherheit, steigende Kosten und internationale Krisen Unternehmen wie Bevölkerung gleichermaßen beschäftigen? Dieser Frage widmet sich die aktuelle Ausgabe von "Peter & Paul".
Im Raiffeisen Haus Wien am Donaukanal begrüßte Paul Leitenmüller, CEO Opinion Leaders Network, Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und Martin Hauer, Generaldirektor der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien und der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien. Im Mittelpunkt des Gesprächs standen die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts, notwendige Investitionen und die Frage, welche Rolle Digitalisierung und künstliche Intelligenz bei der Absicherung des Wohlstands spielen können.
Österreich droht einen Investitionszyklus zu verpassen
Dass die wirtschaftliche Lage angespannt ist, darüber herrschte zwischen den beiden Gesprächspartnern Einigkeit. Mikl-Leitner verwies auf internationale Krisen sowie steigende Energie- und Treibstoffpreise, deren Auswirkungen die Menschen unmittelbar spüren würden. Gleichzeitig erinnerte sie daran, dass Österreich über ein leistungsfähiges Gesundheits- und Sozialsystem sowie eine starke wirtschaftliche Basis verfüge. Dieser Wohlstand sei allerdings keine Selbstverständlichkeit. "Wohlstand kann nicht vom Staat verteilt werden, sondern muss hart erarbeitet werden", betonte die Landeshauptfrau.
Hauer beobachtet die wirtschaftliche Unsicherheit aus der Perspektive der Finanzwirtschaft. Besonders die anhaltende Zurückhaltung bei Unternehmensinvestitionen bereitet ihm Sorgen. Österreich drohe einen wichtigen Investitionszyklus zu versäumen, während in anderen Ländern bereits wieder deutlich mehr investiert werde. Auch bei Privatkund:innen zeigten sich die Folgen der angespannten Situation: Die Sparquoten seien weiterhin hoch, gleichzeitig würden Ersparnisse teilweise für den täglichen Konsum verwendet.
Die Ursache sieht der Generaldirektor weniger in mangelnder Risikobereitschaft als in fehlender Zuversicht. "Zu wenig Vertrauen ist Gift für eine erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung", brachte Hauer seine Einschätzung auf den Punkt.
Weniger Bürokratie, mehr Planungssicherheit
Für Mikl-Leitner liegt ein wesentlicher Schlüssel zur Stärkung des Standorts in besseren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Sie sprach sich gegen zusätzliche Abgaben und Vermögenssteuern sowie gegen eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich aus. Unternehmen benötigten vor allem Planungs- und Investitionssicherheit. "Nicht mehr Bürokratie, sondern weniger Bürokratie, nicht mehr Abgaben, sondern weniger Abgaben", lautete ihre Forderung.
Als Beispiel für konkrete Maßnahmen nannte die Landeshauptfrau die Verwaltungsreform in Niederösterreich, durch die nach ihren Angaben bereits jedes sechste Landesgesetz entbürokratisiert worden sei. Eine neu eingerichtete "Taskforce Wirtschaft" solle Unternehmen zudem bei langwierigen Verfahren und bürokratischen Hürden unterstützen. Reformbedarf ortete sie allerdings auch auf Bundes- und EU-Ebene, etwa bei regulatorischen Vorgaben für Unternehmen.
Hauer sieht es ähnlich, ergänzte jedoch, dass bessere politische Rahmenbedingungen allein nicht ausreichen würden. Auch die Unternehmen selbst müssten bereit sein, bestehende Geschäftsmodelle zu hinterfragen, effizienter zu werden und neue Wege zu beschreiten. Die Banken könnten diesen Wandel durch Finanzierung, Beratung und eigene Investitionen unterstützen. Sie seien gewissermaßen der "Treibstoff für den Wirtschaftsmotor", erklärte der Generaldirektor.
Künstliche Intelligenz als Chance für den Wirtschaftsstandort
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war die Frage, wie Digitalisierung und künstliche Intelligenz zur Wettbewerbsfähigkeit beitragen können. Hauer zeigte sich überzeugt, dass Unternehmen durch den frühzeitigen Einsatz von KI entscheidende Vorteile erzielen könnten. Voraussetzung sei allerdings, die Beschäftigten entsprechend zu schulen und aktiv in den Veränderungsprozess einzubinden.
Bei Raiffeisen setze man deshalb darauf, dass Mitarbeiter:innen selbst Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung erkennen und Prozesse weiterentwickeln. Innovation dürfe nicht ausschließlich von der Führungsebene vorgegeben werden, sondern müsse auch innerhalb der Organisation entstehen.
Mikl-Leitner wiederum betonte, dass insbesondere kleine und mittlere Unternehmen Unterstützung bei der Digitalisierung benötigten. Als Beispiel nannte sie den Standort für Digitalisierung in Tulln, der Betrieben und Bevölkerung die Einsatzmöglichkeiten neuer Technologien näherbringen soll. Gerade in Tourismus, Gastronomie und Handwerk könnten digitalisierte Abläufe administrative Tätigkeiten erleichtern und damit mehr Zeit für die eigentliche Kundenbetreuung schaffen.
Auch die niederösterreichische Landesverwaltung nutze bereits KI, etwa zur Unterstützung bei Sachverständigengutachten. Die Verantwortung für die Überprüfung der Ergebnisse müsse jedoch weiterhin beim Menschen liegen.
Zusammenarbeit statt Einzelkämpfertum
Neben Innovation und Reformen sprachen beide Gäste über die Bedeutung von Leistung und Eigenverantwortung. Johanna Mikl-Leitner bezeichnete Leistung, Eigenverantwortung und Hausverstand als jene Tugenden, die wesentlich zum wirtschaftlichen Erfolg Österreichs beigetragen hätten. Martin Hauer unterstrich, dass Leistung nicht nur anerkannt werden, sondern sich auch finanziell auszahlen müsse.
Zugleich plädierte der Bankmanager für eine engere Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Branchen. Gerade bei Digitalisierung und KI könnten Betriebe voneinander lernen und gemeinsame Lösungen entwickeln. Österreich sei zu klein, als dass jedes Unternehmen sämtliche Entwicklungen im Alleingang vorantreiben sollte. Kooperationen seien daher ebenso wichtig wie eine positive wirtschaftliche Grundstimmung.
Bildung und Forschung als Investition in die Zukunft
Zum Abschluss richtete sich der Blick auf die kommenden Jahrzehnte. Mikl-Leitner sprach sich dafür aus, weiterhin gezielt in Wissenschaft und Zukunftsbranchen zu investieren. Forschung schaffe die Grundlage für neue Technologien, Innovationen und Arbeitsplätze. Ihr Ziel sei es, Niederösterreich als Land mit guten Chancen und hoher Lebensqualität weiterzuentwickeln.
Hauer setzte einen zusätzlichen Schwerpunkt auf Bildung. Österreich müsse deutlich mehr in Kinder und Jugendliche investieren, sowohl im Bildungsbereich als auch bei der beruflichen Ausbildung. Er warnte davor, dass junge Menschen ihre beruflichen Chancen andernorts suchen müssten, wenn hierzulande entsprechende Perspektiven fehlten.
Trotz aller wirtschaftlichen Herausforderungen blickten beide Gäste optimistisch in die Zukunft. Während Hauer auf die Chancen verwies, die große gesellschaftliche und technologische Veränderungen historisch eröffnet hätten, zeigte sich Mikl-Leitner überzeugt, dass Leistung, Eigenverantwortung, Hausverstand und Mut auch künftig entscheidend sein würden.
Welche konkreten Erwartungen Johanna Mikl-Leitner und Martin Hauer an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft noch richten und wie sie die Zukunft des Wohlstands einschätzen, sehen Sie im LEADERSNET.tv-Video und hören Sie im Podcast. Zwischen den Themenblöcken gibt es im Video wie gewohnt ein Business-Event, dieses Mal von der Women's Business Lounge im GCC Brunn am Gebirge.
Alle "Peter & Paul"-Folgen zum Nachschauen finden Sie hier.
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