Beim Wirtschaftsabend von Swiss Life Select Österreich diskutierten OeNB-Gouverneur Martin Kocher und Top-Ökonom Marc Brütsch über Konjunktur, Geldpolitik und geopolitische Risiken. LEADERSNET.tv fragte bei Finanzexpert:innen nach den Folgen für Wirtschaft, Immobilienmarkt und Anleger:innen.
Auf Einladung von Christoph Obererlacher, CEO von Swiss Life Select Österreich, kamen rund 90 Gäste zu einem Wirtschaftsabend in Wien zusammen. Im Mittelpunkt standen die europäische Geldpolitik, die wirtschaftlichen Perspektiven Österreichs und des Euroraums sowie die Auswirkungen geopolitischer Entwicklungen auf Finanzmärkte und private Vermögensentscheidungen.
Zu den zentralen Gesprächspartnern zählten Martin Kocher, Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), und Marc Brütsch, Chief Economist der Swiss Life Gruppe. Nach einer Keynote von Kocher diskutierten die beiden unter der Moderation von Nicole Stern (DiePresse) über aktuelle Herausforderungen und langfristige Entwicklungen.
OeNB erwartet wirtschaftliche Erholung
In seiner Keynote zeichnete Kocher das Bild einer sich allmählich erholenden österreichischen Wirtschaft. Nach Einschätzung der OeNB dürfte sich die bereits für das zweite Halbjahr 2026 erwartete Belebung im kommenden Jahr deutlicher niederschlagen. Für 2027 rechnet die Nationalbank mit einem Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent. Gleichzeitig soll die Inflation zurückgehen und sich der Abstand zum Euroraum weitgehend schließen.
Gegenüber LEADERSNET.tv zeigte sich Kocher trotz der bestehenden Unsicherheiten vorsichtig zuversichtlich. "Die wirtschaftlichen Grundvoraussetzungen sind eigentlich gar nicht so schlecht. Wir sehen bereits im zweiten Halbjahr 2026 eine stärkere wirtschaftliche Aktivität und erwarten für 2027 ein Wachstum in der Größenordnung von 1,3 bis 1,4 Prozent sowie eine rückläufige Inflation", erklärte der OeNB-Gouverneur.
Allerdings bleibe die weitere Entwicklung stark von geopolitischen Faktoren abhängig. Insbesondere der Konflikt im Nahen und Mittleren Osten könnte über steigende Energiepreise zusätzlichen Inflationsdruck auslösen und die wirtschaftliche Erholung gefährden. Wie groß die möglichen Auswirkungen ausfallen könnten, verdeutlicht ein schweres Risikoszenario der Europäischen Zentralbank: Demnach könnte das Wachstum im Euroraum 2027 auf 0,4 Prozent sinken, während die Inflation auf über fünf Prozent steigen würde. Kocher betonte zugleich, dass sich die wirtschaftlichen Aussichten je nach geopolitischer Entwicklung sowohl verschlechtern als auch verbessern könnten.
Vier Entwicklungen werden die Wirtschaft prägen
Neben der kurzfristigen Konjunkturentwicklung beschäftigten sich die Teilnehmer:innen mit langfristigen Veränderungen des wirtschaftlichen Umfelds. Marc Brütsch identifizierte dabei vier wesentliche Einflussfaktoren: Künstliche Intelligenz, demografischer Wandel, Klimawandel und die zunehmende Entwicklung hin zu einer multipolaren Welt. Diese Veränderungen würden nicht nur wirtschaftliche Strukturen beeinflussen, sondern auch die Arbeitswelt und die internationalen Rahmenbedingungen nachhaltig verändern.
"Das aktuelle Zinsniveau ist im historischen Vergleich nicht außergewöhnlich", erklärte der Chefökonom der Swiss Life Gruppe. Zugleich könnten hoch verschuldete Staaten durch regulatorische Vorgaben verstärkt darauf hinwirken, dass institutionelle Anleger Staatsanleihen kaufen. Vor diesem Hintergrund dürften reale Vermögenswerte wie Aktien weiterhin eine wichtige Rolle bei der langfristigen Veranlagung spielen.
Zinsentwicklung beschäftigt Anleger:innen
Welche Herausforderungen sich daraus für die Finanzmärkte ergeben, erläuterte gegenüber LEADERSNET.tv auch Werner Lehner, Geschäftsführer der WSS Vermögensmanagement GmbH.
Besonders aufmerksam beobachte er derzeit die Entwicklung langfristiger Zinsen. Steigende Renditen bei 10- und 30-jährigen Anleihen könnten bestehende Anleiheinvestments unter Druck setzen. Lehner hält es für möglich, dass Notenbanken wie die EZB oder die US-amerikanische FED in einem solchen Umfeld verstärkt Anleihen kaufen müssten.
Sollte es dazu kommen, könnten sich daraus wiederum Chancen für Anleger:innen am Anleihemarkt ergeben. Die weitere Entwicklung hänge damit wesentlich von der Zinsentwicklung und möglichen geldpolitischen Reaktionen ab.
Mehr Bewegung am Immobilienmarkt
Auch der Immobilienmarkt war Thema des Abends. Nina Schneider-Paumgartner, Head of Real Estate bei Swiss Life Select Österreich, berichtete gegenüber LEADERSNET.tv von einer zunehmenden Dynamik: "Wir beobachten wieder deutlich mehr Bewegung am Immobilienmarkt." Entscheidend sei aus unserer Sicht, bei einer passenden Immobilie eine fundierte Entscheidung zu treffen, anstatt ausschließlich auf den vermeintlich idealen Kaufzeitpunkt zu warten, erklärte Schneider-Paumgartner. Dabei komme es insbesondere auf die Lage und eine angemessene Preisgestaltung an. Unter diesen Voraussetzungen sieht sie im aktuellen Marktumfeld wieder entsprechende Möglichkeiten für Immobilieninteressierte.
Finanzplanung muss unterschiedliche Szenarien berücksichtigen
Für Gastgeber Christoph Obererlacher verdeutlichte die Veranstaltung, wie eng wirtschaftliche Entwicklungen und persönliche Finanzentscheidungen miteinander verbunden sind. "Geldpolitische Entscheidungen wirken sich auf Unternehmen, Finanzmärkte und die finanziellen Entscheidungen unserer Kunden direkt aus", erklärte der CEO von Swiss Life Select Österreich. Gerade in einem unsicheren Umfeld sei es daher wichtig, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und wirtschaftliche Zusammenhänge verständlich einzuordnen.
Auch gegenüber LEADERSNET.tv betonte Obererlacher die Bedeutung einer umfassenden Betrachtung der finanziellen Lebensplanung. Entwicklungen bei Zinsen und Inflation sowie der Zinseszinseffekt müssten berücksichtigt werden, um langfristige Entscheidungen auf einer fundierten Grundlage treffen zu können.
Nach der Diskussion beantworteten Kocher und Brütsch Fragen aus dem Publikum. Anschließend bot sich den rund 90 Gästen Gelegenheit zum persönlichen Austausch.
Video-Interviews
Wie Martin Kocher, Marc Brütsch, Christoph Obererlacher, Nina Schneider-Paumgartner und Werner Lehner die wirtschaftlichen Perspektiven Österreichs noch einschätzen, welche weitere Risiken und Chancen sie an den Finanzmärkten sehen und welche Bedeutung Zinsen, Inflation und geopolitische Entwicklungen für Immobilien und private Vermögensentscheidungen haben, erfahren Sie im LEADERSNET.tv-Video.
Fotos vom Wirtschaftsabend sehen Sie in unserer Galerie.
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