Wenn Forscher:innen neue Arten benennen, beweisen sie immer wieder erstaunlich viel Fantasie. Erst vor wenigen Wochen widmete etwa eine Doktorandin der University of California, Riverside, eine neue Wanzengattung samt vier Arten Taylor Swift und ihren Alben (LEADERSNET berichtete). Hinter solchen Namen steckt meist mehr als ein Augenzwinkern, denn ein prominenter Bezug trägt Studien weit über Fachkreise hinaus und lenkt den Blick auf eine Artenvielfalt, von der ein großer Teil noch gar nicht wissenschaftlich erfasst ist. Oft greift der Name zudem ein Merkmal so bildhaft auf, dass er sich besser einprägt als jede nüchterne Fachbezeichnung.
Beides trifft nun auch auf eine Zikadenart aus der Kreidezeit zu, die ein Forschungsteam rund um das Steinhardt Museum of Natural History in Tel Aviv anhand von rund 99 Millionen Jahre alten Bernsteinfossilien aus Myanmar beschrieben hat. Weil ihr extrem langer, biegsamer Mundapparat an den Saugschlauch des Staubsaugers "Noo-Noo" aus der bekannten Kinderserie "Teletubbies" erinnert, erhielt sie kurzerhand den Namen Cretodorus noonoo. Laut der Ende Juli im Fachjournal Insects veröffentlichten Studie dürfte das Tier damit Pflanzensaft aus tiefen Spalten der Baumrinde gesaugt haben.
Biegsam, aber knickfest
Grundlage der Studie sind 13 fossile Insekten, die vor Jahrmillionen in Baumharz eingeschlossen wurden. Sie gehören zu einer ausgestorbenen Zikadenfamilie, deren Vertreter einen auffällig langen Saugrüssel besaßen. Bei Cretodorus noonoo, dessen Körper nicht einmal neun Millimeter maß, ragte dieser weit über das Hinterende hinaus. Damit stellt sich die Frage, wie das Tier überhaupt fressen konnte. Denn wie bei allen Zikaden dieser Gruppe zeigte der Rüssel in Ruhe nach hinten. Ein starres Mundwerkzeug dieser Länge wäre beim Umklappen nach vorne hinter dem Insekt an der Unterlage angestoßen.
Die Antwort liefern feine Querfalten, die den Großteil des Rüssels dicht überziehen. Röntgenaufnahmen eines Fossils, die das Team am Hamburger Forschungszentrum DESY anfertigte, zeigen, dass es sich dabei um echte Wellen der Außenhülle handelt. Sie machten den Rüssel beweglich, ohne dass er beim Biegen abknickte oder in sich zusammenfiel. Die Forscher:innen selbst vergleichen das Prinzip mit einem Knickstrohhalm oder einem Staubsaugerschlauch. Dazu passt, dass der Rüssel bei mehreren Fossilien deutlich gekrümmt erhalten blieb. Das Insekt konnte ihn so vermutlich in einem Bogen nach vorne führen und gezielt in eine Rindenspalte schieben. Bei gut erhaltenen Exemplaren der Familie zeigt sich zudem eine spreizbare Spitze, die den Rüssel dort wohl ähnlich wie ein Dübel verankerte.
Rinde statt Blüten
Dass die Tiere ausgerechnet an Baumrinde fraßen, liegt nicht auf der Hand. In der Kreidezeit breiteten sich die Blütenpflanzen aus, und manche Insekten jener Zeit nutzten lange Rüssel, um Nektar zu trinken. Für Cretodorus noonoo und seine Verwandten hält das Forschungsteam das aber für unwahrscheinlich. Obwohl Fossilien der Familie im Bernstein aus Myanmar häufig vorkommen, trägt keines nennenswerte Mengen an Pollen am Körper. Zudem eignet sich ein nach hinten gerichteter, überlanger Rüssel schlecht dafür, Blüten immer wieder gezielt anzusteuern. Abgeflachte Körper und eine gesprenkelte Tarnfärbung sprechen dagegen für ein Leben auf der Rinde.
Auch der Lebensraum dürfte diese Spezialisierung begünstigt haben. Die harzreichen Wälder, in denen der Bernstein entstand, brannten offenbar immer wieder. Bäume in solchen Gebieten bilden häufig besonders dicke Rinde, unter der der Pflanzensaft für Insekten mit kurzen, starren Mundwerkzeugen schwer erreichbar ist. Möglicherweise sorgten die Brände sogar für den Bernstein selbst, weil verletzte Bäume mit starkem Harzfluss reagierten. Beides bleibt allerdings eine Hypothese. Der Name aus dem Kinderfernsehen liefert damit zwar den auffälligsten Aufhänger, die eigentliche Besonderheit von Cretodorus noonoo liegt aber in einer Lebensweise, für die es unter heutigen Zikaden kein Gegenstück mehr gibt.
Mehr Informationen zur Studie finden Sie hier.
www.mdpi.com
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