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Nachdem es beim vergangenen Mal um das Handwerk rund um Holz gegangen war, geht es dieses Mal um Blackouts. Keine Kommunikation, keine Mobilität, keine Versorgung. Länger andauernde, großflächige Stromausfälle, die mehrere Regionen oder ganze Staaten gleichzeitig betreffen, werden durch veraltete Infrastruktur, steigende Extremwetterereignisse sowie Cyber- oder andere Attacken in Europa zunehmend zur realistischen Bedrohung. Die Frage ist längst nicht mehr, ob es passiert – sondern wie gut wir darauf vorbereitet sind.
Text: Doris Neubauer
Die Lichter gehen aus. Kein Handyempfang, keine funktionierende Ampel: Für Philipp Blechinger vom Berliner Reiner Lemoine Institut ist das durch seine Forschung zur Stromversorgung in Afrika nichts Unbekanntes. "In Nigeria kommen Stromausfälle täglich vor. Da fällt plötzlich in einem Workshop zum Thema verlässliche Energieversorgung der Strom aus", erzählt der Experte für dezentrale und Off-Grid-Energieysteme, "dann hört man das Wumm des Dieselgenerators, die Klimaanlage fährt wieder hoch und man macht weiter – mit dem perfekten Beispiel, warum die Versorgung verbessert werden muss."
In Europa ist man das nicht gewohnt. Umso größer war der Schock, als Anfang 2026 nach einem Brandanschlag auf eine Kabelbrücke im Südwesten Berlins rund 100.000 Menschen bis zu fünf Tage ohne Strom waren. Berlin ist kein Einzelfall: 2024 kam es zu großflächigen Stromausfällen auf dem Balkan. Ein Jahr später saßen rund 60 Millionen Menschen auf der iberischen Halbinsel und in Teilen Frankreichs stundenlang im Dunkeln.
"In den letzten ein, zwei Jahren hatten wir drei Blackouts in Europa, in den 60 Jahren davor zwei", ist das für Herbert Saurugg von der Gesellschaft für Krisenvorsorge in Salzburg kein Zufall. Die Ursachen stecken im System. "Das alte System war robust, und wir hatten Reserven – diese sind jetzt aber aufgebraucht", warnt der Blackout- und Krisenexperte. Der steigende Strombedarf durch Elektromobilität und Industrie, zunehmende Extremwetterereignisse sowie wachsende Cyberrisiken setzen die teils veraltete Infrastruktur unter Druck. Außerdem speisen heute statt weniger großer Kraftwerke Millionen kleiner Anlagen Strom aus erneuerbaren Quellen ins Netz ein.
2,5 Milliarden investiert die Austrian Power Grid AG allein in den kommenden zehn Jahren in den Aus- und Umbau der Strominfrastruktur.
An sonnigen Tagen entsteht dabei oft mehr Energie, als das System aufnehmen kann. Um Überlastungen zu vermeiden, müssen Kraftwerke kurzfristig heruntergefahren oder Windparks abgeschaltet werden. "Diese Redispatchmaßnahmen machen das System anfälliger für Netzausfälle und Leistungsstörungen", erklärt Saurugg. Ein Blackout wird aber meist nicht durch eine einzige Ursache ausgelöst, "sondern durch die Kumulation von an und für sich beherrschbaren Einzelereignissen", so der Sicherheitsspezialist. Treffen mehrere Störungen aufeinander, kann das System kippen.
99,99 Prozent – und doch nicht sicher
Im österreichischen Stromnetz kommt deshalb der "n-1"-Grundsatz zum Tragen: Fällt eine Komponente aus, springt eine andere ein. Dank solcher Schutzmaßnahmen sowie jährlichen Investitionen in Milliardenhöhe in die Netzinfrastruktur und -sicherheit besitzt Österreich mit einer Stromnetzverfügbarkeit von über 99,99 Prozent eines der weltweit sichersten Energiesysteme. "Die Zahl zeigt aber nur, wie oft Ausfälle ab drei Minuten statistisch erfasst werden", mahnt Saurugg davor, sich in Sicherheit zu wiegen. Kurze, kritische Störungen im Millisekundenbereich bleiben genauso außen vor wie außergewöhnliche Großereignisse. "Spanien hat eine ähnlich hohe Verfügbarkeit gehabt wie wir", ergänzt er – bis zum Blackout im letzten Jahr.
Ohne Strom. Herbert Saurugg beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Blackout- und Krisenvorsorge © Saurugg
Innerhalb von fünf Sekunden fielen rund 60 Prozent des nationalen Strombedarfs aus und verursachten Schätzungen zufolge wirtschaftliche Schäden von zwei bis drei Milliarden Euro. Vor allem die Automobil- und Ölindustrie, das Transportwesen, der Einzelhandel und die Tourismusbranche waren betroffen. Analyst:innen rechnen sogar mit einem Rückgang des spanischen BIP-Wachstums 2025 um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte.
1,2 Milliarden Menschen weltweit haben derzeit mehr als keinen Zugang zur Stromversorgung.
Denn das Blackout ist nur der Anfang. "Bei einem eintägigen Stromausfall dauert es mehrere Tage, bis der Supermarkt wieder aufsperren und beliefert werden kann", weiß Saurugg aus Trainingsworkshops, "wenn nach drei Tagen immer noch kein Strom fließt, wird alles hochgradig unsicher. Szenarien mit Ausfällen von mehr als sieben Tagen sind für eine Region unbeherrschbar." Zwar rechnen Expert:innen damit, dass das System in Österreich innerhalb von 10 bis 48 Stunden wieder zur Verfügung steht. "Unter der Hand sagen viele, dass es auch länger dauern kann", gibt Saurugg zu bedenken.
Resilienz durch Redundanz
Dezentrale Systeme könnten dieses Hochfahren beschleunigen und den Wiederaufbau nach einem Blackout erleichtern, weshalb Energieexperte Blechinger "Inselnetze" oder "Microgrids" befürwortet. Dabei handelt es sich um lokale Energiezellen, die sich im Notfall vom Gesamtnetz abkoppeln. Diese Zellen decken durch den Strom einer Solaranlage nicht nur ihren eigenen Bedarf. Auch die Gemeinschaft kann davon profitieren, besonders bei einer mangelhaften zentralen Versorgung: "Wenn ich statt 1.000 nur noch 500 Haushalte beliefern muss, reduziert das den Druck auf das Netz", ist der Wissenschaftler von den Vorteilen für das Gesamtsystem überzeugt. Dieses müsse weniger leisten und könne den vorhandenen Strom an die anderen verteilen. Gerade für kritische Infrastrukturen wie Krankenhäuser könnten solche Energiezellen im Ernstfall entscheidend sein.
Philipp Blechinger forscht zu dezentraler und Off-Grid Energieversorgung. © RLI, Stefan Klenke
"Der Ansatz ist aber nicht, dass jeder für immer Off-Grid geht", stellt Blechinger klar. In Europa wäre eine vollständige Autarkie aufgrund der saisonalen Schwankungen weder realistisch noch sinnvoll. Die Stärke liege in einem Zusammenspiel zwischen den zentralen und dezentralen Einheiten: "Resilient sind wir, wenn wir Redundanz haben", betont er. Fällt eine Einheit aus, bleibt der Schaden lokal begrenzt. Zudem schütze dieser Aufbau vor Cyberattacken und physischen Angriffen: "Je dezentraler man organisiert ist, desto schwieriger ist es, einen kritischen Punkt zu treffen."
»Je dezentraler man organisiert ist, desto schwieriger ist es, einen
kritischen Punkt zu treffen.«
Herbert Saurogg, Blackout- und Krisenexperte
Um Millionen Anlagen zu koordinieren, brauche es aber eine gute Planung und intelligente Systeme. Smart Grids ermöglichen eine flexible, effiziente Abstimmung von Erzeugung und Verbrauch. Haushalte könnten Strom gezielt dann nutzen, wenn er im Überfluss vorhanden ist – etwa zur Mittagszeit bei hoher Solarproduktion. "Die Voraussetzung sind digitale Messsysteme und eine automatisierte Steuerung", sagt Blechinger.
Microgrids sollen zentrales Stromsystem entlasten. © Catherine Cader
Auch Speichertechnologien gewinnen an Bedeutung. Batteriespeicher können überschüssige Energie aufnehmen und bei Bedarf bereitstellen. Damit tragen sie zur Stabilisierung des Netzes und zum Schwankungsausgleich bei.
"Energiewende erst auf halbem Weg"
Die erneuerbaren Energien selbst machen das System nicht instabil, aber sie müssen gut ins System integriert werden, räumt Blechinger mit einem Vorurteil auf: "Die Anfälligkeiten zeigen sich gerade deshalb, weil wir mit der Energiewende erst auf halbem Weg sind." Und: "Wenn die Energiewende konsequent zu Ende geführt worden wäre, bräuchten wir jetzt keine Subventionen für fossile Brennstoffe", fügt er angesichts der geopolitischen Abhängigkeiten hinzu. Der Ausbau müsse systemisch weiterentwickelt und konsequent verfolgt werden.
38,7 Prozent des heimischen Stroms verbraucht die Industrie und der produzierende Bereich. 23,2 Prozent entfallen auf Haushalte (Stand 2023).
Die Erzeugung von erneuerbarer Energie sei ohnehin nur der erste Schritt, ergänzt Saurugg und kritisiert: "Es gibt nur Ziele, aber keine Programmplanung." Zu dieser gehört die Integration ins Gesamtsystem und Energie – Strom, Wärme sowie Mobilität – als Ganzes zu denken. Wärmepumpen, Elektroautos und industrielle Prozesse bieten bei intelligenter Steuerung enormes Potenzial für Flexibilität und damit mehr Sicherheit.
Mitteleuropa und sein Vertrauensfluch
Diese strukturelle und technologische Umsetzung funktioniert jedoch nicht über Nacht. Umso wichtiger sei neben den Vorbereitungen der Netzbetreiber "auch die gesellschaftliche Fähigkeit, mit solchen Störfällen umzugehen", betont Saurugg und meint vor allem die Zeit nach dem Blackout. Denn die Krise endet nicht mit dem Hochfahren der Systeme: "Bis sich die Lage stabilisiert hat und alle wieder normal denken können, vergehen etwa 14 Tage", das hätten die Erfahrungen in Spanien, Portugal und Berlin gezeigt. "Wir in Mitteleuropa haben einen speziellen Fluch: Wir haben mit der höheren Versorgungssicherheit das Gefühl entwickelt, man müsse sich um nichts kümmern", warnt er.

© beigestellt
Statt sich auf den Staat und die Netzbetreiber zu verlassen, solle sich jeder Einzelne auf einen Ausfall vorbereiten. Dazu gehört, sich einen Vorrat für einen zweiwöchigen Notbetrieb anzulegen sowie die organisatorischen Schritte zu klären: Wie kommuniziere ich? Wie komme ich nach Hause? Die Frage ist längst nicht mehr, ob es passiert – sondern wie resilient wir sind. –
Resilienz ist Infrastruktur
Die Resilienz unserer Energiesysteme entwickelt sich zu einer der zentralen Herausforderungen der Wirtschaftswende – genau hier setzt die Entwicklungsarbeit des Impact Hub Vienna an. Wind- und Solarenergie können heute skalierbaren und immer kostengünstigeren Strom liefern. Gleichzeitig stellen sie traditionelle Vorstellungen von Netzstabilität infrage. Die Antwort darauf kann jedoch nicht sein, die Transformation zu verlangsamen. Vielmehr ist es notwendig, das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage neu zu denken. Heute ermöglichen Smart Grids, flexible Stromtarife, Speichertechnologien, Elektrofahrzeuge und kurzfristige Wetterprognosen, den Verbrauch an die Kapazitäten anzupassen. Der eigentliche Engpass ist jedoch nicht nur technischer Natur, sondern systemisch. Genau hier wird Ökosystem-Infrastruktur entscheidend: Sie schafft Vertrauen, ermöglicht Experimentierfelder und fördert jene Zusammenarbeit, die notwendig ist, damit die Energiewende nicht nur erneuerbar, sondern auch resilient wird.
vienna.impacthub.net
31 regionale Szenarien für Stromversorgungskrisen sieht der Risikovorsorgeplan Elektrizität der Republik Österreich vor.
Neben Cyberattacken und physischen Angriffen sind Wettereinflüsse gefährlich, aber auch der Mangel an fossilen Brennstoffen und menschliche Fehler erhöhen das Risiko.
Laut dem Energieinstitut der Johannes Kepler Universität in Linz betragen die Gesamtkosten für einen landesweiten Blackout in Österreich 1,2 Milliarden Euro / Tag.
Laut "EY Blackout Readiness Check 2025" ist nur jede:r fünfte Österreicher:in auf einen Blackout vorbereitet. 80 Prozent haben vage Vorbereitungsmaßnahmen (Ersatzbeleuchtung und Lebensmittelvorräte) getroffen. Die Hälfte der Bevölkerung verlässt sich bei der Vorsorge auf den Staat.
Im Wirtschaftssektor sehen sich nur 24 Prozent aller österreichischen Unternehmen gut auf einen Blackout vorbereitet. Über 30 Prozent verfügen über keinerlei Notfallpläne.
Im Notfall
Der Zivilschutzverband empfiehlt Folgendes:
· Lichtquellen mit Batterie oder Solar
· Kochen mit Gas oder Notstrom
· Wasser- und Lebensmittelvorräte für 7 bis 10 Tage
· Powerbanks und Ersatzakkus für Kommunikationsgeräte
· Batteriebetriebenes Radio zur Informationsbeschaffung
Mehr zum Thema Nachhaltigkeit finden Sie im nachhaltigen Businessmagazin aehre auf www.aehre.media und in der neuen Ausgabe, die am Kiosk oder auch online erhältlich ist.
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