LEADERSNET veröffentlicht regelmäßig Interviews, Porträts und Servicegeschichten von aehre. Dabei befasst sich das nachhaltige Businessmagazin stets mit einem der zentralen Themen der Gegenwart: Nachhaltigkeit, in all ihren Facetten von Environment über Social bis Governance, von Innovationen über Generationendiskurs bis zu Nachfolgethemen.
Nachdem es beim vergangenen Mal um das enorme Potenzial der Meere gegangen war, geht es dieses Mal um den Wert des Handwerks im Zeitalter von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz sowie um die Rolle des haptischen Erlebens in einer Welt, die uns mit immer mehr spiegelglatten Touchscreens begegnet. Dafür hat aehre mit Unternehmer:innen gesprochen, die mit ihrem Handwerk auch in heraufordernden Zeiten wirtschaftlich bestehen.
Text: Julia Kropik
"Viele denken, Geigenbau und -restaurierung sei ein aussterbendes Gewerbe", sagt Hanna Bozzetta. Erwischt – genau das hat ihr Gegenüber vermutet. Doch allein in Wien, Welthauptstadt der Musik, gibt es 50 Werkstätten. Dazu kommt, dass Geigen sozusagen ein Investment sind. "Geigen sind meistens viel wert. Da lohnt es sich, auch alte Dachbodenfunde noch aufbereiten zu lassen", sagt die junge Geigenbaumeisterin, die sich 2022 selbstständig gemacht und in ihrer Werkstatt in Wien-Währing mittlerweile auf die Restaurierung der Instrumente spezialisiert hat.
Fingerspitzengefühl. Hanna Bozzetta braucht bei ihrer Arbeit nicht nur ein Gespür für das Instrument, sondern auch für dessen Besitzer:in. © Candussi
Die Wertschätzung ihrer Kundschaft – überwiegend Amateur:innen, teilweise auch Berufsmusiker:innen – dürfte jedenfalls hoch sein, und so werden auch größere Beträge in die Rettung einer beschädigten oder wurmstichigen Geige investiert. Bei den Profis ist häufig Bogenziehen gefragt, dann spannt Hanna Bozzetta neues Rosshaar in den Bogen. An synthetischen Alternativen wird geforscht, aber glaubt man der Expertin, kommt bisher nichts an den Klang von tierischem Haar heran. Oder es geht ans Griffbrettabrichten: Saiten und Steg werden abgenommen, das Ebenholz mit einem Hobel abgezogen.
Ihre Hölzer bezieht Hanna Bozzetta von Händlern, die auf Tonholz spezialisiert sind. Und denen sie vertraut, dass das Material aus nachhaltiger oder kontrollierter Bewirtschaftung stammt – selbst wenn das bedeutet, dass das verwendete Ebenholz von heute nicht ganz an die Qualität alter Exemplare herankommt. "Um Raubbau in Regenwäldern zu verhindern, wird Ebenholz mittlerweile auf Plantagen angebaut. Das ist auch an der Holzstruktur zu erkennen, denn es ist grobporiger", erklärt sie. Dafür bringt die neue Zeit auch so manche Verbesserung: zum Beispiel CT-Scans für Geigen, die Aufschluss darüber geben, wie ein altes Instrument gebaut wurde oder wie viel Schaden ein Holzwurm tatsächlich schon angerichtet hat. Außerdem gibt es digitale Messwerkzeuge, mit denen sich die Dicke des Holzes herausfinden lässt – ganz schonend, nicht invasiv.
Virtuos. Amateure wie Profis bringen ihre Instrumente zur Restauratorin © Candussi
Der Grat zwischen ästhetischer Perfektion und dem Respekt vor dem Original ist schmal. "Ich bin meistens dafür, möglichst viel vom ursprünglichen Zustand zu erhalten. Dazu braucht es auch ein gutes Gespür für Menschen – Was erwartet die Person von ihrer Geige?", sagt Hanna Bozzetta. Schließlich ist es genau dieser Austausch mit ihren Kund:innen und natürlich die Arbeit mit den Händen, die sie an ihrem Beruf so schätzt.
Mehr Kreislauf für High-End
Gute Handwerkstradition mit technologischem Fortschritt zu verbinden, das hat auch F/LIST weit gebracht. Der große Sprung vom Handwerksbetrieb mit rund 100 Beschäftigten zum High-End-Ausstatter mit 1.250 Mitarbeiter:innen weltweit gelang um die Jahrtausendwende, auch dank des Einsatzes von hochpräzisen Maschinen. Seither stattet das niederösterreichische Unternehmen Business- und Privatjets, luxuriöse Residenzen sowie unter der Marke F/YACHTING auch Yachten mit maßgefertigten Arbeiten und Oberflächen aus – Hauptsache, einzigartig. "Innenarchitekt:innen und Designer:innen sind wichtige Stakeholder:innen für uns. Die Kund:innen wollen immer etwas Besonderes, Neues", sagt Werner Kartner, CCO von F/LIST, der selbst gelernter Tischler ist.
Vom Tischlermeister zum Manager. Werner Kartner ist CCO von F/LIST. Eine eigene Holz-, Leder-, Stoff- und Carbonfaserverarbeitung, Sattlerei, Polsterei, Metallverarbeitung und Steinabteilung machen das Unternehmen unabhängig von der Industrie. © F/LIST
Diese besonderen Lösungen entstehen im firmeneigenen Innovationszentrum F/LAB. Hölzer, Steine, Metalle, Leder und Carbonfasern – hier geht es an der Schnittstelle zwischen Design und Handwerk um die Entwicklung neuer Materialien. Und auch wenn der High-End-Sektor per se kein besonders nachhaltiger ist, steht dabei die Langlebigkeit der Möbel und Materialien im Fokus. "Die neue Generation hat ein höheres Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Im F/LAB entwickeln wir umweltfreundliche Oberflächen, arbeiten an der Verlängerung des Lebenszyklus unserer Produkte und an einer besseren Recyclierbarkeit."
Oft ist es auch das Wiederbeleben bewährter Techniken, die mit gesünderen Materialien arbeiten: etwa der Einsatz von Leinöl statt Kunstharz oder Leder aus Apfel- und Weintraubenschalen. Den Markt müssen die Visionär:innen im F/LAB dabei nicht zwingend im Auge behalten, ansonsten wäre keine Innovation möglich, so Werner Kartner. "Wir versuchen vielmehr, selbst Markttrends zu kreieren und gehen mit unseren Entwicklungen aktiv auf die Designer:innen und Kund:innen zu." So ist zum Beispiel das Whisper Leather entstanden, ein flexibles Textil aus pflanzlichen Rohstoffen, oder auch Aenigma, ein Dekor, das an die metallisch glänzende Haut von Mantarochen erinnert. Hergestellt wird es unter anderem aus Nebenprodukten der Marmorverarbeitung.
»Das Gespür für den Prozess und die Qualität kann durch keine Maschine ersetzt werden.«
Werner Kartner, CCO F/LIST
"Der Einsatz von computergesteuerten Werkzeugmaschinen hat uns weit gebracht, KI-Anwendungen werden uns in Zukunft sicher weiter unterstützen. Aber das Gespür für den Prozess und die Qualität kann durch keine Maschine und künstliche Intelligenz ersetzt werden, dazu braucht es solides Handwerk: erfahrene Tischler:innen, Tapezierer:innen, Polsterer:innen – Letzteres ein Handwerk, das schon fast ausgestorben schien, bei uns aber sehr gefragt ist", sagt Werner Kartner.
Fließend hölzern: Wooden Textiles
2009 stellte sich Elisa Strozyk diese eine Frage, die ihren weiteren beruflichen Weg bestimmen sollte: Kann Holz zum Textil werden? Aus Experimenten entwickelte die Designerin im Zuge ihrer Masterarbeit am Central Saint Martins College in London schließlich eine innovative Technik: Sie verbindet unzählige papierdünne Holzdreiecke mit einem textilen Trägermaterial. "Die Technik ist durch einen Zufall entstanden – aber dieser Zufall hat mich weit gebracht", sagt sie. 2010 erhielt sie den Designpreis Deutschland für ihre experimentelle Arbeit. Heute, viele Jahre später, spürt man im Gespräch mit Elisa Strozyk immer noch diese große Begeisterung für das Material: "Holz ist nicht nur haptisch. Es umgibt uns Menschen seit Urzeiten und transportiert viele emotionale Werte."
Brennt für Holz. Die Idee für ihre Wooden Textilesentwickelte Elisa Strozyk im Zuge ihrer Abschlussarbeit am Central Saint Martins College in London. © Elisa Strozyk
Jedes Stück Holz ist einzigartig – und es altert, ohne an Wert zu verlieren. In ihrem Berliner Studio fertigt sie Arbeiten, die die Grenze zwischen 2D und 3D, zwischen hart und weich erkunden. Im Auftrag von Architekt:innen, Interieur-Designer:innen und Art-Consultants entwirft sie für Hotels, Geschäftslokale und Privatpersonen Teppiche, Plaids und hängende Textilien wie Vorhänge oder Raumtrenner. Die Arbeiten bewegen sich zwischen Textil- und Möbeldesign, manchmal hängen sie wie exklusive Tapisserien an der Wand und ersetzen dort ein Gemälde. Fast immer sorgen sie für ein Überraschungsmoment: Was auf den ersten Blick nach einem festen Objekt aussieht, entpuppt sich als weich, flexibel und verformbar.
Fest oder flexibel? Elisa Strozyks Arbeiten verleihen Holz eine neue Haptik. © Elisa Strozyk
Holzstücke, meist aus Ahorn-, Pappel- oder Nussholz, werden von Hand gefärbt und fügen sich in den Arbeiten zu mosaikhaften Mustern und fein nuancierten Farbverläufen zusammen. Geschnitten werden sie mit dem Lasercutter, das Zusammenfügen der einzelnen Teile geschieht in Handarbeit. Darauf besteht sie, denn sie ist überzeugt: "Meinen Arbeiten sieht man an, dass sie Unikate sind und viel Zeit für sie aufgewendet wurde. Den Menschen fehlen heute oft die haptischen Reize – die Beziehung zwischen Mensch und Objekt."
Wenn das Sofa mit dem Sessel … Möbel im Dialog
Spricht der Tisch zur Küche? Das Sofa zum Stuhl? Solche Fragen stellt sich TEAM-7-Eigentümer und Co-Geschäftsführer Georg Emprechtinger. "Unser Anspruch ist es, harmonische Raumarchitekturen zu schaffen, in denen losgelöst vom Einzelprodukt ein Dialog, eine neue Identität entsteht." Was kompliziert klingt, ist echtes Handwerk. Begonnen hat alles mit einer kleinen Tischlerei, 1959 gegründet von Erwin Berghammer in Ried im Innkreis.
Familienunternehmen. Als Sohn eines Innviertler Sägewerksbesitzers ist TEAM-7-Eigentümer Georg Emprechtinger fest in der Region verwurzelt. © Team 7
Heute stellt TEAM 7 nicht nur maßgefertigte Möbel aus Naturholz her, sondern entwickelt ganzheitliche Wohn- und Raumkonzepte für Privatkund:innen von Österreich bis China – die Exportquote liegt bei 84 Prozent. Aber auch Sonderprojekte wie Böden für französische Theater oder Ausstattungen für die S-Klasse von Mercedes zählen zu den Aufträgen. So beständig wie das Holz selbst ist vor allem eine partnerschaftliche Zusammenarbeit: Seit 20 Jahren fertigt das eigentümergeführte Familienunternehmen hochpräzise Holzlamellen für den Rim der Flügel von Steinway & Sons.
Rund 300 Handwerker:innen sind im Unternehmen beschäftigt, sechs Interieur-Designer:innen arbeiten an Raumgestaltung und Schauräumen. KI und Digitalisierung werden eingesetzt, wo sie wirklich Sinn machen. Das ist zum Beispiel beim Sortieren von Holz der Fall. "Ist ein dicker Ast in einer Leiste, muss dieser herausgeschnitten werden. Diese Stellen zu erkennen und auch das Schneiden erledigt mittlerweile eine KI-gestützte Software. Das geht viel schneller und ist auch genauer, wir haben damit eine höhere Ausbeute", erklärt Georg Emprechtinger. Auch bei der Planung und Visualisierung bieten neue Technologien große Vorteile. Ein Team von Techniker:innen arbeitet täglich an der Verbesserung der Planungsprogramme, damit Entwürfe noch realistischer visualisiert und Produkte noch exakter definiert werden können.
»Haptik statt Showeffekt – das ist der neue Luxus.«
Georg Emprechtinger, Eigentümer & Co-Geschäftsführer TEAM 7
Oder anders gesagt: Damit der in Oberösterreich passgenau angefertigte Schrank auf den Millimeter genau in die Wandnische der Pekinger Wohnung passt. Solides Handwerk wird also nicht ersetzt, sondern unterstützt. "Meine Erfahrung zeigt: Handwerk hat einen goldenen Boden und behält ihn auch", sagt Georg Emprechtinger. Dass langfristiger Erfolg auch abseits von Global Sourcing möglich ist, zeigt das Unternehmen etwa durch die Verarbeitung ausschließlich europäischer Hölzer aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern. "Das ist unser Versprechen an die Kund:innen: Wenn du TEAM 7 kaufst, kommt das Holz nicht aus Raubbau", sagt Georg Emprechtinger.
Mehr zum Thema Nachhaltigkeit finden Sie im nachhaltigen Businessmagazin aehre auf www.aehre.media und in der neuen Ausgabe, die am Kiosk oder auch online erhältlich ist.
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