KI-Kolumne von Jürgen Bogner
Das teuerste Chatfenster der Welt bist du

| Redaktion 
| 08.09.2026

Im Rahmen unserer KI-Serie, bei der KI-Profi Jürgen Bogner (CEO & Gründer von biteme.digital) regelmäßig einen Beitrag rund um das Thema Künstliche Intelligenz verfasst, erfahren LEADERSNET-Leser:innen dieses Mal, weshalb der eigentliche Wert von KI für Unternehmen erst jenseits einzelner Prompts entsteht – und wie der Sprung aus dem Chatfenster gelingt.

Du hast Zugriff auf eines der mächtigsten Werkzeuge deiner Karriere. Und du benutzt es wie Google mit besseren Manieren. Frage rein. Antwort raus. Vielleicht noch ein höfliches "Danke". Chatfenster zu.

Ich sehe das immer wieder bei Führungskräften. Sie erzählen mir, dass sie KI inzwischen täglich nutzen. Wenn ich nachfrage, was sie damit machen, kommt meistens: Texte zusammenfassen, E-Mails formulieren, Informationen suchen, vielleicht ein Protokoll schreiben. Alles sinnvoll. Aber ungefähr so, als würdest du dir einen Porsche kaufen und begeistert vom Kofferraum erzählen.

Und bevor das jetzt belehrend klingt: Wir haben es selbst genauso gemacht. Auch wir haben lange brav Einzeiler in ein Kästchen getippt und waren beeindruckt, wenn das Kästchen einen brauchbaren Absatz zurückwarf. Nur wurden die Modelle immer besser. Unser Umgang mit ihnen nicht automatisch.

Wir kaufen Intelligenz und behandeln sie wie eine Suchmaske

McKinsey beschreibt ein bemerkenswertes Paradox: Generative KI ist in Unternehmen inzwischen weitverbreitet, gleichzeitig berichten mehr als 80 Prozent noch keinen materiellen Ergebnisbeitrag daraus. Das sollte jedem Vorstand zu denken geben. Nicht, weil KI nichts kann. Sondern, weil Zugang noch lange kein Können ist.

EY hat Ende 2025 weltweit 15.000 Beschäftigte und 1.500 Arbeitgeber:innen befragt. 88 Prozent der Beschäftigten nutzen KI bei der Arbeit. Aber nur fünf Prozent setzen sie so ein, dass sie ihre Arbeit tatsächlich grundlegend verändern. Da liegt für mich das eigentliche Problem. Nicht im Rechenzentrum. Vor dem Bildschirm.

Wir haben über Jahrzehnte gelernt, Maschinen möglichst kurze Befehle zu geben. Suchbegriff eintippen. Button drücken. Ergebnis bekommen. Jetzt sitzt plötzlich ein System vor uns, das Kontext verarbeiten, Varianten vergleichen, Gegenargumente entwickeln und mit uns iterieren kann. Und wir schreiben: "Mach mir eine Strategie für 2027." Dann wundern wir uns über Mittelmaß.

Wer keinen Kontext gibt, bekommt Durchschnitt

Eine KI weiß nicht automatisch, was du gerade wirklich brauchst. Sie kennt deine Vorgeschichte nicht. Deine politischen Zwänge nicht. Deine Kund:innen nicht. Deine Risiken nicht. Sie weiß nicht, woran du eine gute Antwort erkennst. Wenn du ihr all das nicht gibst, muss sie raten. Und moderne Modelle raten erstaunlich gut. Aber Raten bleibt Raten. Deshalb halte ich Context Engineering inzwischen für eine der wichtigsten Fähigkeiten im Umgang mit KI. Nicht der perfekte Zaubersatz entscheidet, sondern der Kontext, den du bereitstellst.

Und dann kommt etwas, das viele ebenfalls unterschätzen: Die erste Antwort ist kein Ergebnis. Sie ist ein Anfang. Lass die KI widersprechen. Bitte sie, deine Idee zu zerlegen. Lass einen KI-CFO darauf schauen. Danach einen KI-Kunden. Danach deinen schärfsten Konkurrenten – natürlich auch als KI-Persona. Frag nicht: "Was hältst du davon?" Frag: "Welche drei Annahmen in meinem Plan sind wahrscheinlich falsch?"

Plötzlich bekommst du keine Textproduktion mehr. Du bekommst Reibung. Und Reibung ist beim Denken etwas verdammt Wertvolles. Eine KI, die dir immer zustimmt, ist kein Sparringspartner. Sie ist ein Spiegel mit Schmeichelfunktion.

Der wichtigste Prompt ist manchmal gar kein Prompt

Wir diskutieren gerade erstaunlich viel über Prompting. Ganze Kurse versprechen die perfekte Formulierung, mit der plötzlich magische Ergebnisse entstehen. Ich halte das zunehmend für die falsche Perspektive. Der wichtigste Prompt ist oft kein besonders cleverer Prompt. Es ist ein Gespräch. Kontext geben. Reaktion ansehen. Nachschärfen. Widerspruch verlangen. Neue Perspektive setzen. Noch einmal drehen. Der Wert entsteht oft in Runde drei, nicht in Runde eins.

Aber selbst, wenn du das beherrschst, stößt du irgendwann an die nächste Grenze. Das Chatfenster selbst.

Irgendwann musst du aus dem Fenster herausklettern

Wenn du KI ernsthaft in deinem Unternehmen einsetzt, passiert etwas Merkwürdiges. Du erklärst dieselben Dinge wieder. Du lädst dieselben Dokumente wieder hoch. Du formulierst dieselben Regeln erneut. Du kopierst Ergebnisse aus einem System ins Nächste. Dann hast du zwar gelernt, besser mit KI zu sprechen. Aber du hast noch keinen Hebel gebaut.

Der nächste Schritt lautet deshalb nicht: noch besser prompten. Der nächste Schritt lautet: System bauen. Ein System erinnert sich an relevante Zusammenhänge. Es kennt Regeln. Es greift auf definiertes Wissen zurück. Es weiß, welche Quellen erlaubt sind. Es kann Aufgaben ausführen, prüfen und eskalieren. Und im besten Fall weiß es auch, wann es etwas nicht weiß.

Dann verlassen wir die Welt des Chatbots. Dann reden wir über Agenten, Wissensspeicher und Prozesse, in denen KI nicht mehr neben der eigentlichen Arbeit liegt, sondern Teil davon wird. Genau hier trennt sich für mich gerade Spielerei von Transformation. Die meisten Unternehmen kaufen Zugänge. Wenige bauen Fähigkeiten. Noch weniger bauen Systeme.

Die nächste KI-Revolution kommt nicht aus einem neuen Modell

Natürlich werden die Modelle weiter besser. Größere Kontextfenster. Besseres Reasoning. Neue Agentenfunktionen. Nächste Woche wieder ein neues Modell, das laut Benchmark alles verändert. Ich liebe diesen Fortschritt. Aber für Unternehmen entsteht der entscheidende Wettbewerbsvorteil zunehmend woanders. In der Fähigkeit, diese Intelligenz zu führen. Kontext bereitzustellen. Widerspruch einzufordern. Wissen zu strukturieren. Und aus einem persönlichen Chat eine organisatorische Fähigkeit zu machen.

Das ist übrigens die gute Nachricht. Du musst nicht darauf warten, dass irgendein Tech-Konzern das nächste Milliardenmodell veröffentlicht. Du kannst diese Grenze heute verschieben. Denn das Limit ist nicht das Modell. Das Limit ist das, was du daraus machst. Solange du im Chatfenster bleibst, bleibt KI ein Chatfenster. Das teuerste Chatfenster der Welt ist das, aus dem du nie herauskletterst.

Wenn du diesen Schritt vom Chatfenster zum System gehen willst: Genau das bauen wir bei biteme.digital Wien. Sprich mit uns, dann zeigen wir dir, wie das in deinem Unternehmen aussehen kann. Wir bauen, prüfen und zertifizieren KI-Systeme für Unternehmen. Wenn dich das Thema beschäftigt, melde dich gern bei mir.

www.ahoi.biteme.digital


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