LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Mayer, Sie sind seit Jahresbeginn Head of Service Line Legal bei Forvis Mazars. Was hat Sie damals bewegt, Recht zu studieren?
Christian Mayer: Rückblickend zwei Gedanken: Unentschlossenheit und Ausschlussprinzip. Für mich kamen, nicht ganz untypisch in meinem Freundeskreis zu Schulzeiten, Medizin, Wirtschaft oder Recht infrage. Woher damals diese eingeschränkte Sichtweise kam, kann ich heute nicht mehr sagen. Dass ich für Medizin nicht geeignet sein würde, war mir relativ schnell klar. Sprachen, einschließlich Latein, lagen mir immer mehr als Mathematik. Also wurde es Recht. Spannend fand ich während des Studiums dann aber in erster Linie Rechtsphilosophie.
LEADERSNET: Welche Aufgabengebiete haben Sie bei Forvis Mazars und welche Ziele verfolgen Sie in den nächsten Jahren?
Mayer: Ich habe zwei wesentliche Aufgabengebiete bei und mit Forvis Mazars. Zum einen bin ich in Österreich für die Rechtsberatung zuständig und verantwortlich. Gemeinsam mit meinen Partner:innen und unserem seit Jahren eingespielten Team erbringen wir, organisatorisch und rechtlich als Starlinger Mayer Rechtsanwält:innen GmbH, Rechtsberatungsleistungen unter der Marke Forvis Mazars. Dabei bündeln wir unsere national und international anerkannte Expertise und Erfahrung in der rechtlichen Beratung mit dem Wissen und der Schlagkraft der übrigen Service Lines bei Forvis Mazars in Österreich. Ich bin überzeugt, dass der interdisziplinäre Beratungsansatz in einer Branche, die allein in den letzten beiden Jahren nach meiner Wahrnehmung so viel (technologische) Innovation erfahren hat wie in den 20 Jahren davor vielleicht insgesamt, ein konsequenter und richtiger Weg ist.
Zum anderen bin ich angetreten, um in Wien innerhalb der globalen Legal Service Line von Forvis Mazars einen Hub für Kartellrecht und Investitionskontrollrecht aufzubauen und die Beratungsleistungen von Forvis Mazars in diesen Bereichen weltweit weiterzuentwickeln. Diese beiden Rechtsgebiete sind seit Gründung unserer Kanzlei im Jahr 2015 Eckpfeiler unserer Tätigkeit und ich freue mich, im Übrigen mit einem seither an Schlüsselpositionen unveränderten Team, unsere Fähigkeiten nun in eine globale Anwaltsorganisation mit Kolleg:innen in mehr als 30 Ländern einbringen zu können.
Ein Effekt dieser Vernetzung und Internationalisierung unserer Tätigkeit ist, dass wir unseren bestehenden und neuen Klient:innen gemeinsam mit den übrigen Service Lines von Forvis Mazars in Österreich und den Kolleg:innen der Legal Service Line auf der ganzen Welt nunmehr ganz andere, signifikant erweiterte Möglichkeiten bei nationalen und grenzüberschreitenden Transaktionen bieten können.
LEADERSNET: Ist die KI für Recht aus Ihrer Sicht schon ausgereift oder steckt dies noch in den Kinderschuhen?
Mayer: Das hängt vom Anwendungsbereich ab. Wenn es um das Erfassen, Strukturieren und Analysieren, allenfalls Gegenüberstellen, von Dokumenten, insbesondere von großen Mengen geht, halte ich zumindest die Marktführer im rechtlichen Bereich für relativ ausgereift. Mit anderen Worten: die Zeiten, in denen wir Anwälte für das tagelange Lesen von Dokumenten bezahlt worden sind, sind vorbei oder neigen sich zumindest dem Ende zu.
Bei der rechtlichen Analyse und der Qualitätskontrolle verorte ich allerdings noch erhebliches Entwicklungspotenzial. Wir reden hier vielleicht nicht von den Schuhen eines Kindes, aber wohl noch von jenen eines Jugendlichen. Wichtig erscheint mir allerdings, selbstkritisch zu bleiben: Unsere eigene Entwicklung im Umgang mit KI ist – jedenfalls aus meiner Sicht – ebenfalls noch nicht in der Volljährigkeit angekommen. Darin sehe ich auch die größte Gefahr. Um bei Ihrem Bild zu bleiben: der "Schuh", den KI produziert, sieht fast immer toll aus und glänzt an der Außenseite; ob er aber auch passt, ist eine andere Frage. Dies zu erkennen und Produktionsfehler zu beseitigen, wird eine der großen Herausforderungen für unseren Berufsstand in den nächsten Jahren sein.
LEADERSNET: Wie arbeiten Sie mit KI und wird diese ein Problem für den Berufsstand darstellen?
Mayer: Wir verfolgen aktuell einen wohl eher zurückhaltenden Ansatz: Wir nutzen KI für vorbereitende Aufgaben und Teilaufgaben, auch und vor allem um schneller und effizienter zu sein. Allein, dass KI Dokumente und Rechtsfragen in Sekunden aufbereitet und Anwender:innen per Mausklick durch relevante Stellen von Judikatur und Literatur führt, stellt für mich einen immensen Effizienzgewinn dar. Diesen geben wir auch an unsere Klient:innen weiter. Am Ende stehen aber immer die Fachkenntnis und Erfahrung unserer Jurist:innen, die sorgfältig prüfen und schließlich auf dieser Basis entscheiden, in welche Richtung unsere Beratung geht. Vollständig KI-generierte Dokumente gibt es bei uns nicht und wird es auch in absehbarer Zeit nicht geben.
Ich sehe KI für unseren Berufsstand in erster Linie als Chance und nicht als Problem. KI kann dazu beitragen, den Wettbewerb zu stärken; Einzelanwält:innen und kleinere Einheiten können durch intelligente Nutzung von KI plötzlich mit Großkanzleien konkurrieren. Zum Problem wird sie nur für Menschen werden, die ihr blind vertrauen. Meiner Meinung nach macht KI schlechte Anwält:innen nicht zu guten Anwält:innen, sie kann gute Anwält:innen aber zu besseren Anwält:innen machen.
LEADERSNET: Warum sollte man sich heute als junger Mensch entscheiden, Recht zu studieren?
Mayer: Was sollte man denn sonst machen? Da müsste ich jetzt CoPilot fragen.
www.legal-at.forvismazars.com
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