Interview mit Christian Winkelhofer
"Österreich hat noch alle Chancen, zu den KI-Gewinnern zu gehören"

Seit Kurzem leitet Christian Winkelhofer als Country Managing Director die Geschicke von Accenture Österreich. Im LEADERSNET-Interview verrät er, wo Unternehmen beim Einsatz von KI die größten Fehler machen, warum Europa zu stark auf Rationalisierung fokussiert ist und weshalb die eigentliche KI-Revolution erst noch bevorsteht.

LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Winkelhofer, Sie sind seit Kurzem Country Managing Director von Accenture Österreich (LEADERSNET berichtete). Was muss man mitbringen, um diesen Job zu machen?

Christian Winkelhofer: Accenture ist ein Unternehmen mit rund 2.000 Mitarbeiter:innen an zwei großen Standorten in Wien und Innsbruck, das Digitalisierung auf die Straße bringt. Diese Umsetzungskompetenz ist ein wesentlicher Faktor für die Branchen, die wir in Österreich bedienen – die Finanzbranche, den öffentlichen Bereich, den Handel und die produzierende Industrie. Mein Ziel ist es, die österreichischen Unternehmen in all diesen Bereichen nach vorne zu bringen.

LEADERSNET: Heute sprechen wir über Künstliche Intelligenz als Gamechanger – was meint man da eigentlich genau damit?

Winkelhofer: Eine Grundvoraussetzung ist der Zugang zur Technologie. Die Basis sind große Sprachmodelle – aus Amerika, aus China, aber auch aus Europa. Dieser Zugang ist so einfach geworden wie noch nie: Jede:r, der:die eine Kreditkarte hat, kann sich Zugang zu den weltbesten Modellen verschaffen. Die relevante Frage ist: Wie setze ich diese Technik ein? Vom Theoretisieren kommt man nicht weiter – es zählt nur, was man in der Praxis damit macht.

LEADERSNET: Wir haben uns daran gewöhnt, dass KI uns versteht, dass wir mit ihr sprechen können. Wo merken wir das heute schon – und wo geht es für Unternehmen hin?

Winkelhofer: Für den KI-Einsatz braucht es zwei Komponenten: das Verständnis, was KI leisten kann, und die Übersetzung in konkrete Geschäftsprozesse. An dieser Schnittstelle arbeiten wir. Es braucht Technikverständnis plus Industrieverständnis – und diese Kombination muss auch in der Führungsetage verstanden werden.

LEADERSNET: Es heißt oft, man könne bis zu 30 Prozent der Kosten einsparen und Prozesse rationeller gestalten. Können Sie das an konkreten Beispielen festmachen?

Winkelhofer: Diese Produktivitätsmessungen sind eine relevante Größe – aber es ist ein sehr europäisches Denken, primär auf Rationalisierung zu setzen. Andere Regionen denken eher im Wachstum: Was kann ich neu, mehr, besser machen? Wenn ich einer einzelnen Person Zugang zur Technologie gebe, ist der direkte Effekt auf das Geschäft schwer messbar – wir sprechen da von "Cappuccino Use Cases". Das heißt, im besten Fall gewinnt man täglich eine Kaffeepause. Der eigentliche Hebel liegt in Agentensystemen, die in einem geschlossenen Kreislauf agieren. Nicht mehr der "Human in the Loop", sondern der "Human in the Lead": Ich gebe vor, wie ein Gesamtprozess abzuarbeiten ist, und Agentensysteme, die sich gegenseitig orchestrieren und validieren, erledigen dann die Arbeit. Das ist das neue Verständnis von KI.

LEADERSNET: Wer soll zu Ihnen kommen – und mit welcher Erwartungshaltung?

Winkelhofer: Eine große Veränderung in einem Unternehmen muss von oben getrieben werden. Menschliches Verhalten zu ändern, ist eine sehr schwierige Sache. Daher empfehlen wir unseren Kund:innen, diese Veränderung von der Führungsebene herab zu forcieren. Der erste Schritt ist das persönliche Aha-Erlebnis: KI hilft mir in meinem konkreten Prozess, mit meinen Daten, in meinem Unternehmen. Erst wenn diese Bereitschaft entsteht, kann man überlegen, wie man das skaliert und breit ins Unternehmen bringt.

LEADERSNET: Können Sie solche Aha-Erlebnisse an Beispielen festmachen?

Winkelhofer: Es gibt zwei große Bereiche – fachliche und technische. Im fachlichen Bereich etwa die Medizin: Befunde müssen codiert werden, damit sie in die Abrechnung gehen können – das ist bisher sehr expertenlastige, komplizierte Arbeit. Wenn eine KI das mit den eigenen Daten datenschutzkonform erledigt, ist das ein echtes Aha-Erlebnis: Die Maschine kann Expertentätigkeiten zuverlässig ausführen und medizinisches Personal entlasten.

Im technischen Bereich sehe ich großes Potenzial bei komplexen Altsystemen in Großunternehmen: Die zuständigen Expert:innen sind meist voll in den laufenden Betrieb eingebunden und sollen gleichzeitig neue Systeme aufbauen. KI kann hier analysieren, dokumentieren und bei der Entwicklung neuer Systeme unterstützen – das ist ein weiterer großer Bereich, in dem wir Agentensysteme in der Breite einsetzen.

LEADERSNET: Viele Menschen merken gar nicht, dass KI schon längst Teil ihres Alltags ist – etwa beim Autofahren. Werden wir irgendwann vollständig autonom unterwegs sein?

Winkelhofer: Ich hätte früher gewettet, dass meine Kinder keinen Führerschein mehr machen werden – diese Wette ziehe ich mittlerweile zurück. Vollautonome Systeme sind ein Ziel, aber nicht in jeder Lage erstrebenswert. Wenn mein Geschäftsprozess voll autonom durchgeführt wird, will ich trotzdem noch die Kontrolle und die Steuerung darüber haben. In der Abarbeitung brauche ich den Menschen nicht mehr – das ist die eigentliche Veränderung. Und was wir klar sehen: Firmen, die in KI investieren, steigern nicht nur ihre Produktivität und Wertschöpfung, sondern auch die lokale Beschäftigung. Die Ängste, die KI entgegengebracht werden, sind empirisch falsch. KI ist ein Wachstumsmotor.

LEADERSNET: Viele Firmen sagen, sie seien zu klein für KI. Gibt es eine Mindestgröße?

Winkelhofer: Bei KI ist immer die Frage, wie ich sie einsetze, um einen Vorteil zu generieren. Wenn ich klein bin, hilft es mir umso mehr, weil ich weniger Ressourcen habe. Der Return on Investment bei gut konzipierten KI-Projekten ist enorm hoch, weil es sehr kurzfristig geht und die Werthaltigkeit im Vergleich zu traditionellen Projekten sehr hoch ist.

LEADERSNET: Wenn ich zehn Mitarbeiter:innen habe und etwas produziere – ist der Weg zu Accenture dann der richtige?

Winkelhofer: Wir helfen vor allem großen Unternehmen mit viel Personal und komplexen Strukturen – da wird die Reise zur KI deutlich schwieriger und braucht typischerweise externe Unterstützung. Ein kleineres Team kann diese Reise leichter selbst begleiten.

LEADERSNET: Sie sind seit 20 Jahren rund um diese Technologie involviert. Was hat sich verändert – und wie schnell wird es weitergehen?

Winkelhofer: Es ist eine große Reise. Die technologische Basis gibt es schon seit den 1960er- und 1970er-Jahren – statistische Modelle, mathematische Berechnungen im Hintergrund. Das Thema Intelligenz ist dabei eines dieser Systeme, die für uns intelligent wirken. Aber das ist ein Übersetzungsfehler: Der englische Begriff meint in diesem Kontext die Verarbeitung großer Datenmengen und Mustererkennung. Die Central Intelligence Agency – die CIA – ist auf Deutsch ja auch nicht die "zentrale Intelligenzbehörde", sondern ein Nachrichtendienst, der Informationen in großem Umfang verarbeitet. Die Maschinen denken nicht, sie rechnen. Und wenn man verstanden hat, wie man diese Rechnung richtig einsetzt, kann man auch den großen Wert daraus ziehen.

LEADERSNET: Was bedeutet KI für den Wirtschaftsstandort Österreich?

Winkelhofer: Die österreichische Wirtschaft steht gar nicht so schlecht da. Laut aktuellen Eurostat-Daten liegt Österreich bei der KI-Nutzung auf Platz sieben unter den 27 EU-Mitgliedstaaten. Das Rennen um die besten Modelle haben wir zwar verloren – aber das Rennen darum, wer den größten Nutzen aus der Technologie zieht, ist noch offen. Und das können wir gewinnen. 56 Prozent der Wertschöpfung in Österreich ist exportorientiert, die USA sind unser zweitgrößter Exportmarkt nach Deutschland. Wir stehen im internationalen Wettbewerb – und wer die Technologie am besten nutzt, wird diesen Vorteil haben.

LEADERSNET: Haben Sie einen Appell an die Politik – etwa in Richtung Infrastruktur?

Winkelhofer: Die Basis für Digitalisierung ist auch eine digitale Infrastruktur. In Österreich denkt man bei Infrastrukturinvestitionen vor allem an Tunnel und Straßen – also die physische Welt. Digitale Infrastruktur ist genauso relevant und wichtig, um den Wohlstand unserer Firmen und unserer Gesellschaft zu sichern.

LEADERSNET: Viele Menschen haben großen Respekt vor KI. Müssen wir die Zukunft fürchten – oder dürfen wir uns darauf freuen?

Winkelhofer: Ich denke oft daran, dass meine Tochter – sie ist zwölf – statistisch gesehen über 90 werden und das 22. Jahrhundert noch erleben wird. Es gibt so viele Kennzahlen, die in eine positive Richtung deuten: Wir leben länger, bleiben länger gesund, haben mehr Wohnraum, es geht uns als Gesellschaft besser. Es gibt keinen Grund, warum mit dieser technologischen Entwicklung dieser Weg nicht fortgesetzt werden soll. KI nimmt uns vor allem jene Tätigkeiten ab, die man als wenig erfüllend empfindet – und schafft Raum, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: bessere Services, Produkte und Dienstleistungen.

LEADERSNET: Vielen Dank!

www.accenture.com

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