EZB setzt auf Wachsamkeit
Martin Kocher erklärt die Hintergründe der Zinspolitik

| Tobias Seifried 
| 26.07.2026

Nach der jüngsten Sitzung der Europäischen Zentralbank erläutert der OeNB-Gouverneur in einer Analyse die Motive der Geldpolitik. Im Mittelpunkt stehen geopolitische Risiken, Energiepreise und die Inflationsentwicklung.

Die Entscheidung des EZB-Rats, die Leitzinsen im Juni anzuheben und sie bei der Sitzung am 23. Juli unverändert zu lassen (LEADERSNET berichtete), sei vor dem Hintergrund der geopolitischen Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten zu sehen. Das erläutert Martin Kocher in einem ausführlichen LinkedIn-Beitrag.

Laut dem Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) habe sich der Inflationsausblick der Europäischen Zentralbank seit März verschlechtert. Ausschlaggebend seien vor allem die Folgen des Krieges im Nahen und Mittleren Osten gewesen. Höhere Öl- und Gaspreise sowie beeinträchtigte Produktions- und Transportkapazitäten hätten dazu geführt, dass die EZB ihre Inflationsprognosen bis 2028 nach oben korrigieren musste. Vor diesem Hintergrund sei die Zinserhöhung im Juni notwendig gewesen.

Angebotsschock birgt Inflationsrisiken

Wie Kocher betont, handle es sich bei den aktuellen Entwicklungen in erster Linie um einen externen Angebotsschock. Geldpolitik könne die Angebotsseite der Wirtschaft zwar nur begrenzt beeinflussen. Gleichzeitig bestehe aber die Gefahr, dass steigende Energiepreise entlang der gesamten Wertschöpfungskette weitergegeben werden und dadurch die Inflation zusätzlich anheizen.

Besonders wichtig sei dabei, die Inflationserwartungen der Bevölkerung stabil zu halten. "Es ist daher entscheidend, die Inflation unter Kontrolle zu halten und so zu verhindern, dass sich die längerfristigen Inflationserwartungen dauerhaft auf einem höheren Niveau verankern."

Juni-Entscheidung aus heutiger Sicht bestätigt

Der Notenbank-Gouverneur verweist darauf, dass die EZB im Juni neben ihrer regulären Prognose auch mehrere alternative Szenarien veröffentlicht habe. Diese hätten unterschiedliche Entwicklungen des Konflikts im Nahen und Mittleren Osten sowie der Energiepreise berücksichtigt.

Aus damaliger Sicht sei die Zinserhöhung über alle Szenarien hinweg angemessen gewesen. "Auf Basis der damals verfügbaren Informationen überwogen die Risiken eines weiteren Zuwartens", schreibt Kocher. Während im März eine abwartende Haltung noch vertretbar gewesen sei, hätten sich die Kosten eines unveränderten Zinsniveaus bis Juni deutlich erhöht.

Energiepreise bleiben entscheidender Faktor

In den vergangenen Wochen hätten sich die geopolitischen Entwicklungen äußerst wechselhaft gezeigt, so der Top-Ökonom. Nach Hoffnungen auf eine Entspannung des Konflikts seien die Ölpreise zwischenzeitlich gesunken. Mit dem Wiederaufflammen der Auseinandersetzungen hätten sie jedoch erneut zugelegt. Auch die Gaspreise hätten sich zuletzt wieder deutlich erhöht.

Derzeit seien zwar noch keine ausgeprägten Zweitrundeneffekte erkennbar. Das Risiko einer hartnäckigeren Inflation bestehe aber weiterhin. Insbesondere Entwicklungen bei Gas- und Lebensmittelpreisen sowie bei den Löhnen im Euroraum würden deshalb genau beobachtet.

September-Sitzung wird richtungsweisend

Die Zinserhöhung im Juni verschaffe der EZB nun den notwendigen Spielraum, die weitere Entwicklung sorgfältig zu analysieren, erläutert Kocher. Deshalb seien die Leitzinsen bei der Sitzung am 23. Juli unverändert geblieben.

"Die Zinserhöhung im Juni hat uns den notwendigen Spielraum geschaffen, die weitere Entwicklung sorgfältig zu analysieren und unsere nächsten geldpolitischen Entscheidungen auf einer möglichst fundierten Grundlage zu treffen."

Besondere Bedeutung komme nun der EZB-Sitzung im September zu. Bis dahin würden zusätzliche Inflationsdaten, aktualisierte Prognosen sowie weitere Konjunkturindikatoren vorliegen. Die Geldpolitik bleibe daher datenabhängig. Zugleich stellt Kocher klar, dass dies keine Beliebigkeit bedeute: "Sollte es notwendig sein, die Zinsen zu erhöhen, um unser mittelfristiges Ziel zu erreichen, so wird das passieren. Sollte es nicht notwendig sein, die Zinsen zu erhöhen, dann wird es auch keine Erhöhung im September geben."

www.martin-kocher.com

www.oenb.at

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