Kaum eine Stadt pflegt ein so entspanntes Verhältnis zur Vergänglichkeit wie Wien. Musiker Georg Kreisler etwa machte den Tod 1969 kurzerhand zum Landsmann und besang ihn als gemütlichen Wiener, der einen irgendwann abholt wie ein guter Bekannter. Helmut Qualtinger wiederum brachte den Umgang der Stadt mit ihren Größen auf die Formel, dass man in Wien erst sterben müsse, bevor man hochleben gelassen wird. Wer zu Lebzeiten übersehen wurde, bekommt posthum ein Ehrengrab, eine Gedenktafel und im besten Fall eine Gasse. Der Ort, an dem dieses Prinzip seine sichtbarste Form annimmt, liegt in Simmering. Seit 1874 ist der Zentralfriedhof weit mehr als ein Begräbnisort – auf rund 2,4 Quadratkilometern liegen dort etwa 330.000 Grabstellen, darunter rund 1.000 Ehrengräber von Komponist:innen, Schriftsteller:innen, Politiker:innen und Popstars.
Wer etwa die Namen Beethoven, Falco oder Udo Jürgens sucht, findet sich allerdings schnell in einem verwinkelten Wegenetz wieder, das eher an eine Kleinstadt erinnert als an einen Friedhof. Genau an diesem Punkt setzen die Friedhöfe Wien nun an. Gemeinsam mit dem Unternehmen nuseum.ai haben sie den Smartphone-Guide "Friedhof to go" entwickelt, der das über Jahrzehnte gesammelte Wissen des Hauses direkt auf das Display der Besucher:innen bringt.
Vom Ehrengräberbuch auf das Display
Bisher waren die gedruckten Ehrengräberbücher der Friedhöfe Wien die kompakteste Möglichkeit, sich einen Überblick über die prominenten Ruhestätten zu verschaffen. Diese Inhalte sind nun digital abrufbar. Gestartet wird der Guide über einen QR-Code, danach stehen Hörbeiträge zu Ehrengräbern und Denkmälern zur Verfügung. Wählbar sind thematische Rundgänge zwischen 30 und 120 Minuten, eine digitale Karte übernimmt die Navigation am Gelände. Ergänzend beantwortet eine Chatfunktion Fragen zu einzelnen Grabstätten, zur Geschichte des Friedhofs und zu seinen Besonderheiten.
Angeboten wird der Guide in 20 Sprachen, womit er sich neben den Einheimischen insbesondere auch an das internationale Publikum richtet. Der Zugang kostet 8,40 Euro und bleibt ab der Aktivierung 24 Stunden lang gültig. Erhältlich ist er über die Website, den Online-Friedhofsshop, bei Tor 2 sowie über die QR-Codes am Areal.
"Der Wiener Zentralfriedhof ist für viele Menschen ein Ort mit ganz persönlicher Bedeutung, zugleich aber auch ein besonderer Teil der Wiener Geschichte. Mit unserem Guide 'Friedhof to go' machen wir das über Jahrzehnte gewachsene Wissen der Friedhöfe Wien auf neue Weise zugänglich", meint Renate Niklas, Geschäftsführerin der Friedhöfe Wien.
Konzern und Start-up arbeiten im selben Team
Für die Wiener Stadtwerke als Eigentümerin der Friedhöfe Wien füge sich das Projekt in ein breiteres Verständnis von öffentlicher Daseinsvorsorge ein, wie Monika Unterholzner, stellvertretende Generaldirektorin der Wiener Stadtwerke, erklärt: "Als Wiener Stadtwerke gestalten wir Infrastruktur, die den Alltag der Menschen verbessert – analog wie digital. Der Smartphone Guide für den Wiener Zentralfriedhof zeigt, wie wir mit innovativen Technologien kulturelles Erbe bewahren und zugleich neue Zugänge schaffen. So machen wir einen der bedeutendsten Erinnerungsorte Europas für Wiener:innen ebenso wie für internationale Gäste noch erlebbarer."
Aufseiten des Entwicklungspartners fällt die Bilanz der Kooperation ähnlich aus. "Was uns an der Zusammenarbeit mit den Friedhöfen Wien besonders freut: Wir arbeiten als ein Projektteam auf Augenhöhe. Auf der einen Seite jahrzehntelanges Wissen über den Zentralfriedhof und die Stärken eines Konzerns, auf der anderen wir als externe Innovationstreiber, die frischen Wind und kreative Ideen einbringen. Die gemeinsame Arbeitsweise entspricht der eines Start-ups: schnell ausprobieren, Besucher:innen fragen, verbessern. Genau dieser Ansatz ist essenziell, um das bestmögliche Erlebnis für die Besucher:innen zu schaffen", so Julian Harbort, Co-Founder von nuseum.ai.
Abgeschlossen ist die Entwicklung damit jedoch nicht – Rückmeldungen der Besucher:innen werden vor Ort eingeholt, die Nutzungsdaten fließen anonymisiert in die Auswertung ein. Auf dieser Basis sollen weitere Themen-Touren entstehen.
www.friedhoefewien.at
www.wienerstadtwerke.at
www.nuseum.ai
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