Manche Behördensätze sind so lang, dass man an ihrem Ende kaum noch weiß, womit sie eigentlich begonnen haben. Wie verbreitet dieses Problem ist, misst nun erstmals der sogenannte "Klartext-Index" (siehe Infobox) des Österreichischen Instituts für systemische Kommunikations- und Mediengestaltung (ÖSKM) aus St. Pölten. Das am Montag vorgestellte Ranking vergleicht, wie verständlich die Pressedienste der neun Bundesländer und des Parlaments schreiben. Für die Steiermark fällt die Bilanz besonders ernüchternd aus, denn das Institut stuft 83 Prozent der ausgewerteten Landesaussendungen als schwer verständlich ein.
Kärnten hauchdünn vor Wien
An der Spitze liegen zwei Bundesländer, die beim Schreiben offenbar kurzen Prozess machen. Kärnten führt die erste Ausgabe des Rankings an, Wien folgt mit minimalem Abstand auf Platz zwei. In der Bundeshauptstadt gelten lediglich 35 Prozent der Aussendungen als schwer verständlich. Auf den weiteren Plätzen reihen sich Salzburg, Tirol, Oberösterreich, das Burgenland und Niederösterreich ein. Am unteren Ende stehen Vorarlberg auf Rang acht und das Parlament auf Rang neun, nur die Steiermark schneidet sogar noch schlechter ab. Über alle zehn Pressedienste hinweg wurden 55 Prozent der Texte als "schwer verständlich" eingestuft, und zwar unabhängig davon, ob sie einen Gesetzesentwurf erläutern oder die Eröffnung eines Kreisverkehrs verkünden.
© ÖSKM
In Stein gemeißelt ist die Reihenfolge allerdings noch nicht. Gerade im Mittelfeld liegen die Pressedienste so eng beisammen, dass sich die Plätze laut dem Institut von Ausgabe zu Ausgabe verschieben können. An den Rändern zeichnet sich dagegen bereits ein recht stabiles Muster ab. Wien, Kärnten und Salzburg finden sich seit Beginn der Erhebung fast durchgehend vorne, die Steiermark, das Parlament und Vorarlberg ebenso beständig hinten. Da das ÖSKM den Index ab sofort alle zwei Wochen mit neuen Daten aktualisiert und dabei auch Trends auswertet, soll das Bild mit jeder Ausgabe belastbarer werden. Ob sich die Schlusslichter davon zu kürzeren Sätzen motivieren lassen, wird sich also schon bald zeigen.
Der längste Satz kommt aus Tirol
Was einen Text leicht verständlich macht, ist kein Geheimwissen. Kurze und geläufige Wörter gehören ebenso dazu wie viele Verben, aktive Formulierungen und ein sparsamer Umgang mit Floskeln. Den größten Unterschied machen aber kurze Sätze, und genau hier hapert es in Österreichs Amtsstuben. Ein durchschnittlicher Behördensatz umfasst derzeit 17 Wörter und bewegt sich damit bereits am oberen Rand dessen, was noch als leicht lesbar gilt. Etwa jeder siebente Satz bringt es sogar auf mehr als 25 Wörter.
Den Rekord im Untersuchungszeitraum hält allerdings Tirol. Der längste ausgewertete Satz zählt stolze 50 Wörter, steht im Passiv und ist dicht mit Hauptwörtern gefüllt. Er stammt aus einer Presseaussendung vom 23. Oktober und lautet wie folgt: "Es wurde unter anderem der Auftrag für einen jährlichen Datenaustausch und -abgleich auf Ebene der ARGE ALP-Mitgliedsländer erteilt, um einen Überblick über die Entwicklung der Populationen großer Beutegreifer in den Alpen sowie zu den mit der Präsenz von Großraubtieren verbundenen Auswirkungen auf die Berglandwirtschaft und die Almwirtschaft/Alpwirtschaft zu erhalten."
Auch die Lieblingsfloskel der heimischen Verwaltung hat das Institut ausgeforscht. "Im Rahmen" findet sich in 151 der 651 Aussendungen und damit in fast jeder vierten. Dicht dahinter folgt "nachhaltig", das in 131 Aussendungen vorkommt, also in rund jeder fünften. Mit deutlichem Abstand landet "umfassend" auf Platz drei, die Wendung steckt in 82 Texten. "Innovativ" und "selbstverständlich" liegen mit jeweils 46 Aussendungen gleichauf, knapp dahinter folgt "bestmöglich" mit 44.
Schachtelsätze als Erbe des Deutschunterrichts
Für ÖSKM-Direktor Markus Feigl geht es bei der Verständlichkeit der untersuchten Texte um mehr als reine Stilfragen. "Wenn Behörden Bürger:innen erreichen wollen, müssen sie so schreiben, dass ihre Texte beim ersten Lesen verständlich sind. Kurze Sätze und Verben statt Hauptwörter sind eine Frage des Respekts", ist Feigl überzeugt. An den Pranger stellen will er die Pressestellen mit dem Index allerdings nicht. Vielmehr soll das Ranking sichtbar machen, wer bereits verständlich kommuniziert und wo noch Luft nach oben ist. Häufig wüssten Organisationen nämlich gar nicht, dass ihre Texte schwer verstanden werden.
"Wir alle haben im Deutschunterricht gelernt, dass derjenige, der den kompliziertesten Schachtelsatz produzieren kann, das intelligenteste Kind ist. Es ist also nur verständlich, dass Behördentexte oft schwer lesbar sind. Der Index soll hier Bewusstsein schaffen", ergänzt Feigl, der das Ranking gemeinsam mit seinem sechsköpfigen Team entwickelt hat.
Mehr Informationen zum "Klartext-Index" finden Sie hier.
www.oskm.at
Über den Klartext-Index
Datenbasis:
Der Klartext-Index des ÖSKM misst, wie verständlich das Parlament und die Landespressedienste aller neun Bundesländer schreiben. Für die erste Ausgabe wurden 651 Aussendungen ausgewertet, die zwischen 14. und 28. Oktober 2026 erschienen sind. Berücksichtigt werden nur Texte ab 400 Zeichen. Tagesordnungen und Terminvorschauen bleiben ebenso außen vor wie Kontaktangaben und Fußzeilen. Gezählt werden ausschließlich vollständige Sätze, Überschriften und Aufzählungen fließen nicht ein.
Messmethode:
Kern des Index ist die Wiener Sachtextformel, die auf die Leseforscher Richard Bamberger und Erich Vanecek zurückgeht. Sie lautet:
Wert = 0,1935 × Prozentanteil der Wörter mit drei oder mehr Silben + 0,1672 × durchschnittliche Satzlänge in Wörtern + 0,1297 × Prozentanteil der Wörter mit mehr als sechs Buchstaben − 0,0327 × Prozentanteil der einsilbigen Wörter − 0,875
Das Ergebnis gibt grob an, ab welcher Schulstufe ein Text verständlich ist. Die Skala reicht von 4 für sehr leichte bis 15 für sehr schwierige Texte. Zusätzlich erfasst das Institut den Anteil an Passivsätzen, den Nominalstil mit Hauptwörtern auf "-ung", "-heit" oder "-keit" und die Häufigkeit typischer Pressefloskeln. Außerdem misst es den Rhythmus eines Textes, also wie stark sich kurze und lange Sätze abwechseln. Beim längsten Satz zählen Nebensätze mit, Aufzählungen, wörtliche Rede und Einschübe dagegen nicht.
Fairer Vergleich:
Weil ein Gesetzesentwurf naturgemäß sperriger ausfällt als eine Kulturmeldung, wird jede Aussendung nur an Texten derselben Art gemessen. Ein lokal betriebenes KI-Sprachmodell ordnet dafür jeden Text einer von acht Textarten zu, etwa Gesetzgebung, Bau und Verkehr oder Ehrungen. Die KI sortiert dabei lediglich, sämtliche Verständlichkeitswerte werden ohne sie berechnet. Für jeden Pressedienst ergibt sich so ein bereinigter Wert. Er zeigt, ob der Pressedienst verständlicher oder schwerer verständlich schreibt, als es für die jeweilige Textart üblich ist.
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