LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Wildeis, von Jänner bis September liegt Stellantis Austria bei über 36.800 Neuwagenzulassungen – ein Plus von mehr als 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, während der Gesamtmarkt im Spätsommer sehr herausfordernd war. Welcher Hebel war entscheidend, um den österreichischen Markt so klar zu outperformen?
Markus Wildeis: Es ist sehr erfreulich, auf das Wachstum von 2024 und 2025 noch einmal eine derartige Steigerung draufsetzen zu können. Es gibt hier nicht den einen entscheidenden Hebel. Sondern es sind in Summe sehr viele Maßnahmen, die auch perfekt zusammenwirken. Allen voran steht die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit unseren Händlerpartnern, wir haben aber auch unsere Organisation gestärkt. Auch beim Fahrzeug-, Modell- und Antriebsangebot und der Wettbewerbsfähigkeit konnten wir uns deutlich verbessern. Entscheidend ist in Summe, dass wir unsere Modelloffensiven gemeinsam mit unseren Handelspartnern auf die Straße bringen und attraktiv für die Kund:innen sind. Sehr zufriedenstellend ist, dass sich der Erfolg über alle Marken und alle Kundensegmente hinweg einstellt und alle Marken zum Erfolg beitragen.
LEADERSNET: Blickt man auf die einzelnen Stellantis-Marken, glänzt Fiat mit Rekordwerten, Citroën wächst zweistellig, und die chinesische Partnermarke Leapmotor legt von Monat zu Monat massiv zu. Welche Marken erfüllen derzeit Ihre Erwartungen vollkommen, und wo sehen Sie noch ungenutztes Potenzial im österreichischen Portfolio?
Wildeis: Fiat, Citroën und Leapmotor zeigen sehr deutlich, wie viel Dynamik in unserem Portfolio steckt. Auch Opel und Peugeot wachsen in der Langzeitbetrachtung stetig. Fiat trifft bei Pkw mit leistbarer italienischer Mobilität einen Nerv und ist auch bei den Nutzfahrzeugen sehr stark. Citroën setzt mit seiner erneuerten Modellpalette starke Impulse, und Leapmotor erschließt uns zusätzliche Kundengruppen. Besonders erfreulich ist, dass jede der Marken auf unterschiedliche Stärken setzen kann und die Marken sich in Summe ergänzen und nicht kannibalisieren. Ich sehe im gesamten Portfolio noch viel Potenzial, bei Opel und Peugeot ebenso wie bei Jeep, Alfa Romeo und DS Automobiles. Entscheidend ist, die jeweilige Markenidentität noch klarer in Kaufargumente zu übersetzen. Unser Anspruch ist, dass jede Marke ihren eigenen Beitrag zum Wachstum leistet und Kund:innen gewinnt, die bisher noch nicht bei uns gekauft haben.
LEADERSNET: Leapmotor zeigt im September mit über 400 Zulassungen ein Plus von mehr als 300 Prozent. Ist der Erfolg von Leapmotor der Beweis dafür, dass der Schlüssel zur Elektromobilität in Österreich schlicht im richtigen Preispunkt liegt, und wie integriert sich die Marke neben den etablierten europäischen Modellen im Showroom?
Wildeis: Vorweg: Leapmotor verbindet ein technologisch fortschrittliches Produktangebot mit der Servicesicherheit eines etablierten europäischen Konzerns und seiner Handelspartner. Das Vertrauen in Servicesicherheit ist sehr wichtig für die Kund:innen. Zusätzlich ist die Wertschöpfung von Leapmotor International, dieses Joint Venture ist mehrheitlich im Eigentum von Stellantis, an die europäische Wirtschaft geknüpft. So ist beispielsweise im Oktober die Produktion des Leapmotor B10 in einem unserer Werke in Spanien gestartet. Das ist einzigartig und eine wahre Stärke.
Der Fahrzeugpreis ist zwar auch wichtig, aber ein günstiger Preis allein macht noch keinen nachhaltigen Markterfolg. Das Gesamtpaket muss stimmen: Produkt, Technologie, Ausstattung, Service und vor allem das Vertrauen, auch nach dem Kauf eine:n verlässliche:n Ansprechpartner:in zu haben, das ist wesentlich. Im Showroom ergänzt Leapmotor unser europäisches Angebot und spricht in der großen Mehrheit zusätzliche Kund:innen an, die bis jetzt nicht bei uns gekauft haben. Natürlich gibt es auch Überschneidungen und letztlich entscheiden die Kund:innen, welches Fahrzeug am besten zu ihnen passt. Unsere Aufgabe ist, die Stärken jeder Marke klar herauszuarbeiten. Die Zahlen zeigen jedenfalls: Wenn Elektromobilität attraktiv und leistbar ist, dann ist auch die Nachfrage da.
LEADERSNET: Stellantis dominiert mit Fiat Topolino, Citroën Ami und Opel Rocks auch das Microcar-Segment mit knapp 42 Prozent Marktanteil. Ist diese Klasse ein sympathisches Image- und Urbanitäts-Tool oder entwickelt sich daraus bereits ein relevantes, profitables Business-Modell?
Wildeis: Das Microcar-Segment ist ein sehr spannendes. Hier geht es um die letzte Meile, Mobilität auf engem hochverdichteten Raum, für kurze Wege. Microcars sind auch attraktiv für die Jugend ab 16 Jahren. Und wir können damit unsere Marken der Jugend näherbringen. 42 Prozent Marktanteil zeigen, dass diese Fahrzeuge einen konkreten Mobilitätsbedarf treffen. Topolino, Ami und Rocks machen Elektromobilität für kurze Wege zugänglich, kompakt, unkompliziert und mit einem eigenständigen Charakter. Das ist interessant, vor allem weil die Fahrzeuge zu 100 Prozent elektrisch sind. Das wird sehr gut angenommen. Wir sehen hier ein Geschäftsfeld mit weiterem Wachstumspotenzial.
LEADERSNET: In Europa – allen voran aus Deutschland und Frankreich – wird der Ruf nach einer weiteren Aufweichung des geplanten EU-Verbrenner-Aus ab 2035 immer lauter. Wie stehen Sie als Österreich-Chef eines der größten Autokonzerne zu diesen Vorstößen aus der Politik?
Wildeis: Es ist wichtig, dass eine gewisse Flexibilität eingezogen wird, dogmatische oder ideologische Ansätze sind kontraproduktiv. Daher begrüßen wir das natürlich. Gleichzeitig geht es aber nicht um ein Verbrenner-Aus, sondern Klimaziele brauchen einen klaren Weg, den Unternehmen und Kund:innen auch mitgehen können. Für den großen Consumer-Markt sehen wir aktuell, dass sich die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen sehr dynamisch entwickelt und wir gehen davon aus, dass dieser Trend anhält, dann werden wir in wenigen Jahren diese Diskussion gar nicht mehr führen. Bis dahin gibt uns unsere Multi-Energy-Strategie die Flexibilität, darauf einzugehen und unseren Kund:innen die Wahl beim Antrieb zu lassen. Technologieoffenheit und ein klarer Kurs zur CO₂-Reduktion lassen sich miteinander verbinden.
LEADERSNET: Stellantis setzt stark auf eine Multi-Energy-Strategie, bei der Kund:innen flexible Wahlmöglichkeiten zwischen Verbrenner, Hybrid und Elektro haben. Fehlt den Autokäufer:innen in Österreich schlicht die Planungssicherheit, um noch entschlossener auf reine Stromer umzusteigen?
Wildeis: Planungssicherheit ist ein wesentlicher Faktor. Ein Auto ist für die Menschen eine sehr große Anschaffung, die über viele Jahre funktionieren und finanzierbar bleiben muss. Wer heute kauft, möchte wissen: Was kostet mich das Fahrzeug im Alltag? Wo kann ich laden? Und wie verlässlich sind die steuerlichen Rahmenbedingungen? Es geht aber auch um unterschiedliche Lebensrealitäten. Wer zu Hause, im Büro oder während Terminen laden kann, hat andere Voraussetzungen als jemand, der ausschließlich auf öffentliche Ladepunkte angewiesen ist. Deshalb braucht es neben verlässlichen politischen Signalen auch transparentere Ladetarife und einen noch einfacheren Zugang zur Ladeinfrastruktur. Mit unserer Multi-Energy-Strategie geben wir den Kund:innen die Möglichkeit, den Antrieb zu wählen, der heute zu ihrem Alltag passt. Wahlfreiheit und Elektrifizierung gehören für uns zusammen.
LEADERSNET: Auf dem Pariser Autosalon hat der Stellantis-Konzern eine Vielzahl an Serienneuheiten und vielversprechenden Studien präsentiert. Wenn Sie sich als Österreich-Geschäftsführer festlegen müssen: Was sind Ihre persönlichen drei Favoriten und welchen Stellenwert haben diese Modelle für den österreichischen Markt?
Wildeis: Ich stelle mir diese Frage nicht, denn ich bin dankbar für das Privileg, künftig alle unsere Modelle fahren zu dürfen. Der Pariser Autosalon hat bei allen unseren Marken gezeigt, wohin die Reise gehen wird. Leistbare Mobilität, wie sie der Citroën 2CV, also die Ente, verkörpert, ist sehr gefragt. Aber auch größere und leistungsstärkere Modelle werden ihren Platz und ihre Kund:innen haben. Die Ansprüche an Mobilität sind immer sehr individuell. Unsere Marken können alle diese Ansprüche sehr gut abdecken. Wer genau hingesehen hat, dem ist nicht unentdeckt geblieben, dass die Marken künftig noch mehr auf ihre DNA setzen werden, sich damit auch beim Design wesentlich stärker differenzieren und wir uns damit künftig noch breiter, somit noch stärker präsentieren werden. Das ist auch ein wesentlicher Punkt gegenüber den 140 oder mehr Automarken aus China, wo viele davon nach Europa drängen, welche in Bezug auf Design, aber auch Produktangebot für uns Europäer:innen sehr schwer zu unterscheiden sind. Die Kreativität und Vielfältigkeit sind europäische Stärken, der Pariser Autosalon war ein klares Statement dafür.
LEADERSNET: Ein starkes Markenportfolio nützt wenig ohne schlagkräftige Partner vor Ort. Wie zufrieden sind Sie mit der Transformation und Leistungsfähigkeit Ihres österreichischen Händler- und Servicenetzes in diesem dynamischen Marktumfeld?
Wildeis: Das ist ein sehr wesentlicher Punkt. Am Ende des Tages können wir nur gemeinsam erfolgreich sein. Das Umfeld für einen Handelsbetrieb ist sehr herausfordernd, man muss permanent Verbesserungen anstreben, um nicht vom Mitbewerb überholt zu werden. Für mich persönlich ist in der Zusammenarbeit Loyalität sehr wichtig, das gilt auch für unsere Handels-Organisation. Loyalität ist eine Verpflichtung, keine Einbahnstraße. Das muss man täglich durch Leistung und Vertrauen bestätigen, und in jeder Partnerschaft können wir am Ende des Tages nur gemeinsam erfolgreich sein.
LEADERSNET: Das Zulassungsergebnis des gesamten Jahres 2024 hatten Sie bereits nach acht Monaten in der Tasche, die Marke von 2025 steht kurz bevor. Welches Ziel stecken Sie sich für den Jahresabschluss 2026?
Wildeis: Die bisherige Performance ist sehr zufriedenstellend, das stimmt. Aber sie kommt nicht von selbst, sondern ist das Ergebnis von viel gemeinsamer Arbeit bei uns im Haus und auch bei unseren Handelspartnern. Die Zukunft vorhersagen kann ich nicht, der Wettbewerb wird stärker, täglich kommen neue Marken hinzu. Aber wir haben eine starke Position geschaffen und unsere Ambitionen für 2026 und darüber hinaus sind mindestens so hoch wie unser Potenzial.
www.stellantis.com
www.stellantisandyou.at
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