LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Kraft, Sie haben kürzlich Ihre eigene Agentur Kraft Media Minds gegründet (LEADERSNET berichtete). Wann wurde aus dem Gedanken ein konkreter Plan – und was hat den Ausschlag gegeben?
Nina Kraft: Es gab keinen großen Aha-Moment. Eher eine Erkenntnis: Wenn man in Briefings öfter über die Speaker:innen-Auswahl spricht als über die eigene Moderation, sollte man hellhörig werden. Veranstalter:innen wollten von mir wissen, wie wir den Abend dramaturgisch aufbauen und wen wir auf die Bühne holen. Ich habe die Arbeit einer Agentur also längst gemacht, nur nebenbei. Irgendwann war klar: Entweder ich mache das richtig, oder ich lasse es. Kraft Media Minds ist deshalb kein Neuanfang, sondern die Entscheidung, das Nebenbei ernst zu nehmen.
LEADERSNET: Was hat Sie beim Gründen trotzdem überrascht?
Kraft: Ich dachte, nach über 20 Jahren in der Branche gibt es nicht mehr viel, das mich überraschen kann. Aber eine Agentur aufzubauen, ist etwas anderes, als selbst auf der Bühne zu stehen. Als Moderatorin bin ich für meinen eigenen Auftritt verantwortlich. Jetzt trage ich Verantwortung für andere, für ihre Positionierung, ihre Termine und dafür, dass ihr Auftritt zu den Kund:innen passt. Bei der Vermittlung meines ersten Speakers bin ich schweißgebadet im Publikum gesessen und habe gehofft, dass alles passt. Stehe ich selbst auf der Bühne, habe ich viel mehr das Gefühl der Kontrolle.
LEADERSNET: Hat es einen Unterschied gemacht, die Agentur mit über 40 zu gründen?
Kraft: Ehrlich gesagt beschäftigt das die anderen mehr als mich. Ich bin seit meinem 18. Lebensjahr Unternehmerin, Selbstständigkeit ist für mich also nichts Neues. Was das Alter aber sehr wohl bringt, ist Klarheit. Ich weiß heute genau, was ich kann, was ich will und, mindestens genauso wichtig, was ich nicht will. Mit 25 hätte mir das Netzwerk gefehlt und vermutlich auch die Gelassenheit. Ich würde sogar sagen: Für eine Agentur, die von Vertrauen und Menschenkenntnis lebt, ist das genau der richtige Zeitpunkt.
LEADERSNET: Frauen sollten sich mehr zutrauen und sichtbarer werden. Wie hilfreich ist dieser Rat?
Kraft: Der Rat ist gut gemeint, greift aber zu kurz. Sichtbarkeit allein ist heute nicht mehr das Problem, jede:r kann posten und sprechen. Die entscheidende Frage ist: Warum sollte sich jemand an mich erinnern? Das gilt für Frauen genauso wie für Männer. Was ich Frauen eher mitgeben würde: Nicht lauter werden, sondern klarer. Wissen, wofür man steht, und das dann auch selbstverständlich einfordern.
LEADERSNET: Mussten auch Sie erst lernen, zu sagen: Das ist meine Arbeit wert?
Kraft: Ich glaube, der wichtigste Schritt ist, zu verstehen, was man eigentlich bezahlt. Ein Honorar für eine Moderation oder eine Keynote lässt sich nicht an der Zeit messen, die jemand auf der Bühne steht. Wer nur auf die Stunde schaut, übersieht alles, was davor passiert ist. Speaker:innen-Honorare sind in der Regel mindestens vierstellig, bei Top-Speaker:innen oft auch fünfstellig, und das zu Recht. Denn man bezahlt die Jahre an Expertise, Erfahrung und Arbeit, die in diesem einen Auftritt stecken. Bei mir ist es genauso: Wer mich als Moderatorin bucht, bucht nicht einen Abend, sondern 22 Jahre Moderationserfahrung. Die Sicherheit, wenn live etwas schiefgeht, das Gespür für ein Publikum, die Vorbereitung, die niemand sieht. Und genau diese Haltung gebe ich heute auch meinen Speaker:innen mit.
LEADERSNET: Wie finden Sie heraus, ob jemand einem Publikum wirklich etwas zu sagen hat?
Kraft: Wer sich hervorragend verkaufen kann, hat erst einmal bewiesen, dass er sich hervorragend verkaufen kann. Mehr nicht. Ein perfekter Instagram-Account sagt mir wenig darüber, was nach dem Vortrag im Raum bleibt. Ich habe unzählige Menschen auf der Bühne erlebt und schaue deshalb auf andere Dinge: Hat diese Person fachliche Tiefe? Kann sie Komplexes einfach machen, ohne es banal zu machen? Und überzeugt sie auch menschlich, wenn das Licht aus ist? Am Ende entscheidet bei mir ganz stark das Bauchgefühl. Das klingt unprofessionell, ist aber das Ergebnis von über 20 Jahren Bühne.
LEADERSNET: Was möchten Sie mit Ihrer Agentur anders machen?
Kraft: Ich bin über die Jahre von vielen Agenturen und Vermittlungsplattformen angefragt worden. Was mir dabei oft aufgefallen ist: Die Websites waren voll mit sehr ähnlichen Profilen, und man hatte das Gefühl, es geht vor allem darum, möglichst viele Gesichter zu zeigen. Diesen Weg wollte ich bewusst nicht gehen. Auf meiner Website zeige ich nur eine kleine, kuratierte Auswahl, mein Netzwerk und mein Portfolio sind natürlich deutlich größer. Denn in der Praxis läuft es bei mir ganz anders: Die wenigsten Kund:innen gehen auf die Website und sagen, ich will genau diese eine Person. Meistens kommen sie mit einem Eventkonzept zu mir und lassen sich beraten. Dann beginnt meine eigentliche Arbeit. Ich investiere viele Stunden in Recherche, im deutschsprachigen Raum ebenso wie international, bereite passende Vorschläge auf und präsentiere sie. Die Entscheidung treffen die Kund:innen, aber auf Basis einer Auswahl, die wirklich zu ihrem Event, ihrem Publikum und ihren Zielen passt.
LEADERSNET: Wie überzeugen Sie Kund:innen von jemandem ohne großes Publikum?
Kraft: Ein großer Name ist die sichere Wahl für die Einladung. Für den Abend selbst nicht unbedingt. Bekanntheit garantiert Aufmerksamkeit, aber keine Wirkung, und manche Vorträge kennt das Publikum schon, bevor sie beginnen. Wenn ich jemanden empfehle, der noch nicht überall zu sehen war, dann stehe ich mit meinem Namen und meiner Erfahrung dafür ein. Dieses Vertrauen ist meine wichtigste Währung. Und oft ist genau diese Person die, über die am nächsten Tag noch gesprochen wird.
LEADERSNET: Wie verändert KI die Anfragen?
Kraft: Gefühlt hat mittlerweile jede:r zweite Speaker:in einen KI-Vortrag im Repertoire. Das macht meine Arbeit nicht leichter, sondern wichtiger. Unternehmen wollen nicht mehr hören, dass KI alles verändert, das wissen sie längst. Sie wollen wissen, was das konkret für sie, ihre Mitarbeitenden und ihre Branche bedeutet. Gefragt sind Menschen, die Orientierung geben statt Schlagworte. Und das Paradoxe daran: Je mehr Inhalte eine Maschine generieren kann, desto wertvoller wird das, was sie nicht kann, nämlich Persönlichkeit, Haltung und echte Begegnung auf der Bühne.
LEADERSNET: Was möchten Sie in einem Jahr erreicht haben?
Kraft: Die naheliegende Antwort wäre jetzt: mehr Speaker:innen, mehr Buchungen, mehr Umsatz, neue Märkte. Gerade im ersten Jahr nach einer Gründung ist die Versuchung groß, in genau diese Richtung zu denken: höher, schneller, weiter. Aber das ist nicht mein Zugang. Wachstum um jeden Preis würde genau das verwässern, wofür Kraft Media Minds steht. Mein Ziel ist es, das, was ich aufgebaut habe, zu festigen und zu vertiefen. Ich möchte mein Netzwerk aus über 20 Jahren Moderation noch gezielter nutzen, um echten Mehrwert zu bieten. Ich möchte meine Speaker:innen noch besser kennenlernen, denn je genauer ich weiß, wie jemand denkt und auf der Bühne wirkt, desto treffsicherer werden meine Matches zwischen Speaker:in, Event und Publikum. Und ich möchte noch stärker in die Recherche gehen: Welche Themen werden morgen gefragt sein, und welche Stimmen braucht es dafür?
LEADERSNET: Wen würden Sie so gerne gewinnen, dass Sie Lampenfieber hätten?
Kraft: Ehrlich gesagt ist es bei mir eher umgekehrt. Der große Name, den alle kennen, ist es nicht, was mich nervös macht. Den richtigen Nervenkitzel spüre ich, wenn ich einen Rohdiamanten entdecke. Das passiert oft ganz zufällig, bei einer Begegnung, einem Gespräch am Rande eines Events. Plötzlich sitzt mir jemand gegenüber, der völlig anders denkt als die Speaker:innen, die man sonst auf den Bühnen erlebt. Menschen, die einen ganz rohen, unverstellten Zugang zu ihrem Thema haben und sich noch kaum Gedanken über Selbstmarketing gemacht haben. Genau diese Menschen haben oft die interessantesten Perspektiven, und auf der Bühne sind sie dann überraschend erfrischend.
LEADERSNET: Vielen Dank!
www.kraftmediaminds.com
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