"Wiener Suderplan"
Wien hat jetzt eine eigene Landkarte für den täglichen Grant

Ein Start-up aus dem Umfeld der TU Wien lädt die Bevölkerung ein, ihren Ärger über Öffis, Hundehaufen und Tourist:innen anonym auf einer Karte zu verorten. Hinter dem Schmäh steckt allerdings ein ernsthaftes Forschungsinteresse.

Dass in Wien gern und ausgiebig gesudert wird, gilt fast schon als Teil des kulturellen Erbes. Seit wenigen Tagen hat der Wiener Grant nun auch eine eigene Adresse im Netz. Auf dem "Wiener Suderplan" des Start-ups City Layers können Wiener:innen auf einer digitalen Stadtkarte markieren, wo ihnen etwas gegen den Strich geht, und ihrem Ärger in ein, zwei Sätzen Luft machen. Das Team selbst nennt die Plattform augenzwinkernd den "Passiv-Aggressiven Atlas des Wiener Grants". Seit dem Launch am 19. Oktober kamen bereits mehrere hundert Einträge zusammen, verteilt über die ganze Stadt von Ottakring bis Simmering.

Vom Grätzl-Gfrett bis zu den Luft-Ratzn

Wer mitsudern will, braucht weder ein Konto noch persönliche Angaben. Man setzt einen Pin, wählt eine von zwölf Rubriken, schildert kurz den Ärger und klickt auf "Raus damit". Die Rubriken tragen Namen mit unverkennbar Wiener Färbung, etwa "Grätzl-Gfrett", "Tschesnlenker" oder schlicht "Wiener Grant". Auch die Absender:innen passen ins Lokalkolorit. Statt Klarnamen stehen über den Einträgen Spitznamen wie "Der Raunzer", "Die Zwiderwurzn" oder "Der Bankerlwärmer". Andere Nutzer:innen können jeden Beitrag mit drei Knöpfen bewerten, die das Wiener Gemüt recht treffend abbilden: "Kenn i auch", "Des glaub i ned" und "Na servas".

Ein kurzer Streifzug über die Karte zeigt, wie breit das Spektrum des Wiener Grants ist. Manch eine:r schimpft über Ampeln, die ewig brauchen, bis sie auf Grün schalten, andere ärgern sich über Hundehaufen, für die es ironischen Dank gibt, oder über Tauben, die als "Luft-Ratzn" alles "vollgackt" hätten. Selbst ein öffentliches Pissoir, das seit Jahren vor sich hin stinkt, hat es bereits auf die Karte geschafft. Deutlich schärfer wird der Ton bei Raucher:innen, die ihre ausgedämpften Tschick am Spielplatz in den Rindenmulch werfen statt in den Mistkübel – der Eintrag dazu schließt mit der Frage: "Die eigenen Gschroppn spieln ja auch da, oder?"

Screenshot Wiener SuderplanAuf dem Wiener Suderplan können Bürger:innen jene Orte markieren, an denen sie sich über Verkehr, Tourist:innen oder andere Alltagsärgernisse aufregen. © City Layers / Screenshot Wiener Suderplan

Ganz ohne Spielregeln geht es aber auch beim Suderplan nicht. Wer Personen, Lokale oder Geschäfte beim Namen nennt, Kennzeichen notiert oder Adressen angibt, muss damit rechnen, dass der Eintrag wieder verschwindet. Dasselbe gilt für Beleidigungen und persönliche Anfeindungen, die das Team aussortiert. Mitlesende können problematische Beiträge außerdem direkt melden. Geschimpft werden darf also über Verspätungen, Gedränge, das Wetter und Co., persönlich an den Pranger gestellt wird aber niemand.

Hinter dem Schmäh steckt Stadtforschung

Ausgedacht haben sich das Ganze vier Leute mit Blick von außen. Das Team hinter dem Suderplan stammt aus Kroatien und Griechenland und hat an der TU Wien Architektur und Stadtplanung studiert. Zugezogenen sticht der Wiener Hang zum Nörgeln wohl oft schneller ins Auge als Einheimischen, für die er längst Alltag ist, meint Mitbegründer und Projektleiter Lovro Koncar-Gamulin, und erklärt: "Wien wird immer wieder zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt, ist aber auch die Welthauptstadt des Grants. Mit dem Suderplan bringen wir diese beiden Gegenteile zusammen."

Der wissenschaftliche Unterbau des Projekts kommt von der TU Wien. City Layers ging aus einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Citizen-Science-Projekt hervor und ist heute ein Spin-off des universitären Innovation Incubation Center (i2c). Das Start-up entwickelt digitale Mitmachkarten, auf denen Bürger:innen eintragen, wie sie den Stadtraum wahrnehmen. Solche persönlichen Eindrücke ergänzen, was Sensoren und Statistiken liefern. Stadtplaner:innen sehen so, wo Menschen im Alltag tatsächlich anecken.

Suder-Report mit Heatmap bis Jahresende

Ein erstes Stimmungsbild gibt es bereits. Nach Angaben des Teams entzündet sich der Grant bisher vor allem an den Öffis, an anderen Fragen der Mobilität und an Tourist:innen. Genauer ausgewertet wird quartalsweise in einem eigenen "Suder-Report", die erste Ausgabe soll noch vor Jahresende erscheinen. Eine Heatmap soll dann sichtbar machen, welche Ecken der Stadt besonders grantig sind. Profitieren sollen davon in erster Linie Forschungseinrichtungen, die den Suderplan als Werkzeug der Bürgerbeteiligung nutzen können. Aber auch interessierte Magistratsabteilungen und die Wiener Linien sollen Einblick bekommen. Der Suderplan wird privat finanziert, ein Geschäftsmodell soll daraus nicht entstehen.

Den "Wiener Suderplan" finden Sie hier.

www.citylayers.eu

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