Viele Unternehmen haben eine begrenzte Lebensdauer. Manche verschwinden nach einer Insolvenz vom Markt, andere werden mangels Nachfolge geschlossen oder stellen ihren Betrieb aus wirtschaftlichen Gründen ein. Das Institut für Handel, Absatz und Marketing (IHaM) der Johannes Kepler Universität Linz hat anlässlich von Allerseelen aktuelle Daten zu Unternehmensschließungen und Insolvenzen im österreichischen Handel analysiert. Das Ergebnis: Im Jahr 2024 wurden laut Statistik Austria insgesamt 6.283 Handelsunternehmen dauerhaft geschlossen. Damit liegt die Zahl nach einem zwischenzeitlichen Rückgang während der Corona-Pandemie wieder auf einem hohen Niveau.
Nicht jede Schließung ist eine Pleite
Während spektakuläre Insolvenzen regelmäßig Schlagzeilen machen, erfolgt der Großteil der Unternehmensschließungen weitgehend unbeachtet. Dabei ist die Aufgabe eines Betriebs keineswegs automatisch mit einer Insolvenz oder unternehmerischem Scheitern gleichzusetzen. Neben wirtschaftlichen Schwierigkeiten spielen demografische Entwicklungen eine zunehmende Rolle. Wenn Unternehmer:innen in Pension gehen und keine Nachfolge finden, kann selbst ein wirtschaftlich gesunder Betrieb vom Markt verschwinden.
Hinzu kommen technologische Veränderungen, steigender Wettbewerbsdruck, bürokratische Anforderungen sowie höhere Energie- und Personalkosten. Das IHaM verweist in diesem Zusammenhang auch auf Untersuchungen von Creditreform und dem deutschen Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW.
Mehr als 1.100 Insolvenzen im Jahr
Deutlich zugespitzt hat sich in den vergangenen Jahren die Insolvenzsituation. Nach den Rückgängen während der Corona-Pandemie stieg die Zahl der Insolvenzen im österreichischen Handel 2024 auf 1.117 Fälle. Im Jahr 2025 waren es laut vorläufigen Daten der Statistik Austria 1.113. Das entspricht rechnerisch rund drei Insolvenzen pro Tag. Im ersten Halbjahr 2026 mussten bereits 539 Handelsunternehmen Insolvenz anmelden. Der Kreditschutzverband KSV1870 erwartet für das Gesamtjahr eine Fortsetzung des negativen Trends.
Als wesentliche Insolvenzursachen nennt der KSV1870 operative Schwächen, darunter Absatzprobleme, eine ungünstige Kostenstruktur und Finanzierungsprobleme. Dazu kommen Fehler bei der Gründung oder strategischen Ausrichtung von Unternehmen.
Auch das Aufhören will gelernt sein
Die Linzer Handelsforscher:innen plädieren dafür, Unternehmensschließungen differenzierter zu betrachten. Schließlich hätten auch Betriebe, die nicht mehr existieren, zuvor Arbeitsplätze geschaffen, Steuern bezahlt, Lieferant:innen Aufträge gebracht und zur regionalen Wertschöpfung beigetragen.
"Rund 17 Handelsunternehmen schließen in Österreich rechnerisch jeden Tag, aber nur rund drei davon schlittern in die Insolvenz. Nicht jedes Unternehmen, das vom Markt verschwindet, ist daher gescheitert", erklärt IHaM-Handelsforscher Ernst Gittenberger. Pensionierungen, fehlende Nachfolgelösungen oder veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen könnten ebenso ausschlaggebend sein.
Auch der geordnete Rückzug aus dem Markt sei eine Managementaufgabe. Neben der Unterstützung bei Unternehmensgründungen und Wachstum brauche es Kompetenzen für Nachfolge, Sanierung und Betriebsaufgabe. Dabei müssten die Interessen von Beschäftigten, Lieferant:innen, Kund:innen und Eigentümer:innen berücksichtigt werden.
Eine andere Kultur des Scheiterns
"Allerseelen ist ein Tag des Erinnerns. Aber Erinnerung sollte nicht nur zurück, sondern auch nach vorne blicken. Das gilt auch für Handelsunternehmen", betont IHaM-Institutsvorstand Christoph Teller. Ein Unternehmensende lösche weder die zuvor geschaffene Leistung aus, noch müsse es das Ende unternehmerischer Tätigkeit bedeuten. Teller fordert deshalb eine Kultur, die Unternehmertum nicht nur beim Gründen und Wachsen unterstützt, sondern auch beim Scheitern, Lernen, Loslassen und neuerlichen Beginnen.
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