Seit hybride Arbeitsmodelle in vielen Unternehmen zum Alltag gehören, hat sich die Frage verschoben, woran sich gute Arbeit eigentlich erkennen lässt. Wo früher ein Blick ins Büro genügte, um zu sehen, wer am Platz sitzt, gelten heute Onlinestatus und Reaktionszeiten vielerorts als Gradmesser für Engagement. Wie viel Aufwand Beschäftigte mittlerweile betreiben, um möglichst produktiv zu wirken, hat die Karriereplattform LiveCareer nun im "Workplace Visibility Report 2026" erhoben, für den 1.000 berufstätige Fachkräfte in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien befragt wurden (siehe Infobox).
Im Homeoffice zählt vor allem der grüne Punkt
Bei jenen Befragten, für die Homeoffice grundsätzlich infrage kommt, dreht sich vieles um den eigenen Onlinestatus. Ein Viertel von ihnen hat schon einmal die Maus bewegt oder gleich eine Software zur automatischen Mausbewegung, einen sogenannten Mouse-Jiggler, eingesetzt, damit der Status in Slack, Teams und ähnlichen Plattformen nicht auf "abwesend" springt. 22 Prozent saßen bereits stummgeschaltet in einem Meeting und erledigten nebenbei ganz andere Dinge, Hauptsache, man war dabei. Und 19 Prozent haben E-Mails bewusst so terminiert, dass sie frühmorgens oder spätabends verschickt werden, was auf beachtlichen Einsatz rund um die Uhr schließen lässt, auch wenn der Laptop längst zugeklappt ist.
Daneben gibt es auch dezentere Methoden. So haben 15 Prozent eine gemeinsam genutzte Tabelle oder ein Dokument einfach geöffnet gelassen, weitere elf Prozent haben Zeit im Kalender als "Fokuszeit" oder für "konzentriertes Arbeiten" geblockt. Ob in diesen Zeitfenstern tatsächlich konzentriert gearbeitet wurde, lässt die Umfrage offen. Sie zeigt aber, dass Präsenz im Homeoffice für viele vor allem eine Frage der richtigen digitalen Spuren ist.
Im Büro plagt viele das schlechte Gewissen
Im Büro geht es hingegen weniger um den Onlinestatus als darum, kleine Auszeiten möglichst unauffällig zu gestalten. Unter den Befragten, für die Arbeit vor Ort infrage kommt, haben 31 Prozent schon einmal ihre Kaffeepause verlängert, womit diese der Klassiker schlechthin bleibt. 16 Prozent haben sich für private Telefonate schon in eine Telefonkabine oder einen Besprechungsraum zurückgezogen, 15 Prozent längere Zeit Nachrichten oder Artikel gelesen. Je 14 Prozent haben Zeit für konzentriertes Arbeiten im Kalender reserviert oder ein Dokument offen gelassen, falls Kolleg:innen vorbeikommen. Zwölf Prozent nehmen bewusst den längeren Weg zur Toilette oder in die Küche, und immerhin sechs Prozent setzen auf die über den Sessel gehängte Jacke oder den am Schreibtisch zurückgelassenen Kaffeebecher.
Wirklich wohl fühlen sich viele bei privaten Erledigungen während der Arbeitszeit allerdings nicht, und das hängt stark davon ab, wo sie gerade arbeiten. Fast ein Drittel (32 %) verspürt die größten Schuldgefühle oder Ängste, wenn sie im Büro passieren. Für das Homeoffice sagen das lediglich neun Prozent, also nicht einmal ein Drittel davon. 20 Prozent fühlen sich an beiden Orten gleichermaßen unwohl, ein Viertel kennt dieses Gefühl hingegen überhaupt nicht. Das schlechte Gewissen sitzt also eher im Büro als am heimischen Küchentisch.
Mehr Kontrolle sorgt vor allem für mehr Stress
Unternehmen, die nun über strengere Kontrollen nachdenken, dürften die Ergebnisse wenig erfreuen. Gefragt nach einer minutengenauen Überwachung ihrer digitalen Aktivitäten, gaben 37 Prozent an, sich deutlich gestresster zu fühlen, weitere 25 Prozent rechnen mit etwas mehr Stress. In Summe würde eine solche Kontrolle also für 62 Prozent eine zusätzliche Belastung bedeuten. 29 Prozent hätten zudem das Gefühl, dass ihnen ihr Unternehmen weniger vertraut, und 16 Prozent würden in diesem Fall einen Jobwechsel in Erwägung ziehen. Nur 15 Prozent sagen, dass sie eine solche Überwachung nicht wesentlich beeinflussen würde.
"Bei der Arbeit beschäftigt zu wirken, ist nichts Neues. Doch die Signale, die Beschäftigte gezielt beeinflussen, haben sich verändert", erklärt Jasmine Escalera, Karriereexpertin bei LiveCareer. "Ein grüner Aktivitätsstatus, eine strategisch zeitlich geplante E-Mail oder eine geöffnete Tabelle können den Eindruck von Aktivität vermitteln, ohne Arbeitgeber:innen viel über die Qualität der Arbeit zu verraten. Arbeitgeber:innen sollten darauf achten, Sichtbarkeit nicht mit Leistung zu verwechseln."
Die gesamte Studie können Sie hier nachlesen.
www.livecareer.de
Kommentar veröffentlichen