Fotos und Video vom Boom-Talk
Unser Wirtschaftsstandort braucht Reformen und neue Perspektiven

Beim Boom-Talk des Senat der Wirtschaft standen die Zukunft des Unternehmertums, die Altersvorsorge und wirtschaftspolitische Herausforderungen im Mittelpunkt. LEADERSNET.tv fragte bei Organisatoren, Expert:innen und Unternehmer:innen nach, wie der Wirtschaftsstandort wieder gestärkt und langfristig Wohlstand gesichert werden kann.

Österreichs Wirtschaftsstandort steht angesichts steigender Kosten, des Fachkräftemangels und demografischer Veränderungen vor großen Herausforderungen. Welche Reformen notwendig sind, um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und den Wohlstand langfristig zu sichern, stand vor Kurzem im Mittelpunkt des Boom-Talks des Senat der Wirtschaft. Anlässlich der Präsentation der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Boom – Wirtschaft für Menschen diskutierten Vertreter:innen aus Wirtschaft und Wissenschaft über strukturelle Veränderungen, die Zukunft der Altersvorsorge und die Bedeutung unternehmerischer Verantwortung.

Wirtschaftliche Zukunft im Mittelpunkt des Boom-Talks

Die Veranstaltung fand im Sedus Showroom in Wien statt, wo Peter Sablatnig, Geschäftsführer von Sedus Österreich & CEE, gemeinsam mit dem Senat der Wirtschaft als Gastgeber fungierte. Unter dem Motto "Österreich – Land der Unternehmer?" diskutierten Matthias Strolz, Unternehmer, Autor und NEOS-Gründer, Heike Lehner, Ökonomin und Generalsekretärin der Aktion Generationengerechtigkeit, sowie Roman Zauner, Group Managing Director der Zauner Anlagentechnik. Moderiert wurde der Abend von Wirtschaftsjournalist Wolfgang Unterhuber.

Weshalb die Themen Kapitalmarkt und Altersvorsorge derzeit besonders relevant seien, erläuterte Mahdi Allagha, Geschäftsführer des Senat der Wirtschaft Österreich, gegenüber LEADERSNET.tv. Die Organisation beschäftige sich laufend mit den Anliegen und Herausforderungen mittelständischer Betriebe. Mit der aktuellen Ausgabe von Boom wolle man insbesondere die Bedeutung des Kapitalmarkts und der Pensionsreform aufgreifen und dazu beitragen, Österreich wieder stärker in Richtung Mut und Zuversicht zu entwickeln.

Auch die Verantwortung gegenüber kommenden Generationen spielte eine zentrale Rolle. Allagha brachte diesen Gedanken auf den Punkt: "Die Zukunft hat keine Lobby und geht noch nicht wählen. Sie muss mit dem leben, was wir ihr hinterlassen."

Bürokratie und Fachkräftemangel belasten die Wettbewerbsfähigkeit

Im Mittelpunkt der Diskussion stand zunächst, welche Voraussetzungen Unternehmen benötigen, um investieren, wachsen und international erfolgreich bleiben zu können. Neben steigenden Standortkosten wurden insbesondere bürokratische Vorgaben, der Fachkräftemangel und strukturelle Defizite angesprochen.

Heike Lehner verwies gegenüber LEADERSNET.tv auf die wirtschaftlichen Folgen der vergangenen Krisenjahre. "Ich glaube, dass die Entwicklungen, gerade die Wettbewerbsfähigkeit aufgrund der Polykrisen in den vergangenen Jahren sehr, sehr stark darunter gelitten hat." Nun sei es notwendig, Reformen konsequent voranzutreiben, den Standort gezielt zu stärken und die Voraussetzungen für die Erwirtschaftung künftigen Wohlstands zu verbessern.

Welche Schwierigkeiten sich für Unternehmen daraus ergeben, schilderte Roman Zauner anhand seiner Erfahrungen aus der Industrie. Die international tätige Zauner Anlagentechnik verzeichne ein starkes Wachstum, stoße bei der Suche nach qualifizierten Mitarbeiter:innen jedoch zunehmend an Grenzen. Besonders die bürokratischen Anforderungen bei der Beschäftigung internationaler Fachkräfte würden die weitere Entwicklung erschweren.

Darüber hinaus thematisierte Zauner die gesellschaftliche Akzeptanz großer Infrastrukturprojekte. Während ein Rechenzentrumsvorhaben in Norwegen auf breite Zustimmung gestoßen sei, habe ein vergleichbares Projekt in Österreich Proteste ausgelöst. Dabei werde häufig übersehen, dass die alltägliche Nutzung digitaler Technologien eine entsprechende Infrastruktur voraussetze. Aus seiner Sicht seien daher eine transparente Kommunikation und die frühzeitige Einbindung der Bevölkerung entscheidend.

Auch Matthias Strolz ortete grundlegenden Reformbedarf. Österreich sei seiner Einschätzung nach "strategisch untersteuert und operativ übersteuert". Notwendige Veränderungen in der Verwaltung, im Föderalismus, bei der Abgabenbelastung und im Pensionssystem würden seit Jahren diskutiert, aber nicht ausreichend umgesetzt. Anstelle zusätzlicher Förderungen brauche es vor allem bessere strukturelle Rahmenbedingungen und mehr Eigenverantwortung.

Wirtschaftsbildung und praktische Erfahrung stärker fördern

Neben den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen beschäftigten sich die Diskussionsteilnehmer:innen auch damit, wie junge Menschen besser auf das Berufsleben und unternehmerische Aufgaben vorbereitet werden können.

Zauner plädierte für eine stärkere Anerkennung praktischer Ausbildungswege. Erfahrungen aus seinem Unternehmen würden zeigen, dass junge Beschäftigte davon profitieren könnten, zunächst Berufserfahrung zu sammeln und sich anschließend gezielt weiterzubilden oder ein Studium aufzunehmen. Nicht jeder erfolgreiche Karriereweg müsse zwangsläufig über eine akademische Ausbildung führen.

Strolz betonte ebenfalls die Bedeutung einer praxisnahen Wirtschaftsbildung. Junge Menschen sollten frühzeitig verstehen, wie Unternehmen funktionieren, wirtschaftliche Werte entstehen und unternehmerische Entscheidungen getroffen werden. Der direkte Austausch mit Unternehmer:innen könne dabei helfen, wirtschaftliche Zusammenhänge greifbarer zu machen.

Gegenüber LEADERSNET.tv hob er zudem die kreativen Möglichkeiten wirtschaftlichen Handelns hervor: "Wir sind schöpferische Wesen, wir Menschen. Das ist ja das Unglaubliche." In jedem Menschen würden unterschiedliche Talente schlummern, die sich entfalten wollten. Die Wirtschaft biete dafür ein geeignetes Umfeld, das ihn sowohl als Unternehmer als auch als Mensch und Kreativschaffenden berühre.

Gerade Familienunternehmen und mittelständische Betriebe könnten in diesem Zusammenhang wichtige Vorbilder sein, da sie häufig langfristig planen und wirtschaftliche Verantwortung über Generationen hinweg übernehmen.

Privates Vermögen für Investitionen mobilisieren

Damit Unternehmen ihre Entwicklung vorantreiben und Innovationen finanzieren können, benötigen sie neben qualifizierten Arbeitskräften auch ausreichend Kapital. Ein weiterer Schwerpunkt des Abends war deshalb, wie Österreich vorhandenes Privatvermögen stärker für langfristige Investitionen nutzen könnte.

Laut Allianz Global Wealth Report belief sich das Bruttogeldvermögen österreichischer Haushalte Ende 2025 auf rund 969 Milliarden Euro. Mehr als ein Drittel davon befand sich auf Konten und Sparbüchern.

Lehner machte darauf aufmerksam, dass Kapitalmarktinvestitionen in Österreich häufig mit Vorbehalten verbunden seien. Einerseits werde der Kapitalmarkt vielfach als Anlageform für besonders Vermögende wahrgenommen, andererseits würden Wertpapierinvestitionen breiter Bevölkerungsschichten oft mit Spekulation gleichgesetzt.

Dabei könnten langfristige Anlageformen sowohl zum individuellen Vermögensaufbau beitragen als auch zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmen eröffnen. Positiv sei das zunehmende Interesse jüngerer Generationen an Wertpapieren, ETFs und Finanzthemen. Um dieses Potenzial zu nutzen, brauche es allerdings fundierte Finanzbildung, verständliche Informationen und einen verantwortungsvollen Umgang mit Risiken.

Pensionsvorsorge vor dem Hintergrund des demografischen Wandels

Eng mit dem Kapitalmarkt verbunden ist die langfristige Finanzierung der Altersvorsorge. Angesichts demografischer Veränderungen steht das österreichische Pensionssystem vor wachsenden Herausforderungen.

Im Rahmen der Diskussion wurde für 2024 ein Bundeszuschuss zum Pensionssystem von rund 27 Milliarden Euro genannt. Gleichzeitig kamen 2025 in Österreich 76.067 Kinder zur Welt, während die durchschnittliche Kinderzahl je Frau bei 1,30 lag. Diese Entwicklung wirft Fragen auf, wie ein überwiegend umlagefinanziertes System bei einem veränderten Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Pensionist:innen dauerhaft finanziert werden kann.

Lehner sprach sich deshalb für eine Anhebung des tatsächlichen Pensionsantrittsalters und einen stärkeren Ausbau kapitalgedeckter Vorsorgemodelle aus. "Die staatliche Pension hat keinen besseren Verbündeten als den Kapitalmarkt", betonte die Ökonomin.

Wie unterschiedlich die kapitalgedeckte Altersvorsorge international ausgeprägt ist, verdeutlichen die angeführten Vergleichszahlen: Ende 2024 entsprachen die Vermögenswerte österreichischer Pensionsvorsorgeeinrichtungen rund 7,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Im OECD-Durchschnitt waren es 95 Prozent, in Dänemark 206,4 Prozent.

Länder wie Schweden, Dänemark und die Niederlande würden laut Lehner zeigen, dass umfassende Reformen möglich seien. Ziel müsse es sein, die staatliche Pension durch betriebliche und private Vorsorgeformen zu ergänzen, anstatt sie zu ersetzen. Dadurch könnten sowohl die finanzielle Absicherung im Alter verbessert als auch langfristige Mittel für wirtschaftliche Investitionen bereitgestellt werden.

Entscheidend sei, entsprechende Maßnahmen rechtzeitig einzuleiten und die finanziellen Herausforderungen nicht zunehmend auf kommende Generationen zu übertragen.

Unternehmensnachfolge als wirtschaftliche Zukunftsaufgabe

Während bei der Altersvorsorge die Verantwortung zwischen den Generationen im Mittelpunkt steht, spielt diese auch bei der Weitergabe bestehender Unternehmen eine wesentliche Rolle. Besonders für Österreichs zahlreiche Familien- und Mittelstandsbetriebe ist eine erfolgreiche Nachfolgeregelung von großer Bedeutung.

Roman Zauner, der die Zauner Anlagentechnik in zweiter Generation führt, unterstrich die Tragweite einer solchen Entscheidung: "Ein Unternehmen aufzubauen verlangt unternehmerischen Mut. Es erfolgreich weiterzugeben verlangt ebenso viel Verantwortung. Bei einer Nachfolge geht es nicht nur um Eigentum, sondern um Mitarbeiter:innen, Kund:innen, Know-how und die Zukunft eines gewachsenen Betriebs."

Auch Strolz machte deutlich, dass nicht nur Neugründungen, sondern ebenso die erfolgreiche Übergabe bestehender Unternehmen zur wirtschaftlichen Weiterentwicklung beitragen. Voraussetzung dafür sei, dass bisherige Eigentümer:innen bereit seien, Verantwortung tatsächlich abzugeben und ihren Nachfolger:innen Raum für eigene Ideen und Entscheidungen einzuräumen.

Damit Betriebsübergaben gelingen, brauche es geeignete rechtliche, steuerliche und finanzielle Rahmenbedingungen. Schließlich gehe es nicht allein um die Fortführung einzelner Unternehmen, sondern auch um den Erhalt von Arbeitsplätzen, Erfahrung und regionaler Wertschöpfung.

Konkrete Vorschläge für wirtschaftspolitische Veränderungen

Wie unterschiedlich die Ansätze für notwendige Reformen ausfallen können, zeigte die abschließende Diskussionsrunde. Moderator Wolfgang Unterhuber wollte von den Teilnehmer:innen wissen, welche bestehenden Regelungen sie abschaffen und welche Veränderungen sie stattdessen einführen würden.

Lehner plädierte für ein deutlich vereinfachtes Steuersystem. Weniger Ausnahmen und Begünstigungen sowie eine breitere Steuerbasis könnten ihrer Ansicht nach niedrigere Steuersätze ermöglichen. Gleichzeitig brauche es mehr Transparenz bei staatlichen Förderungen.

Zauner forderte insbesondere einen Abbau bürokratischer Hindernisse und eine Anhebung des Pensionsantrittsalters. Gerade mittelständische Unternehmen benötigten mehr Handlungsspielraum, um investieren und sich weiterentwickeln zu können.

Strolz wiederum brachte eine Halbierung der Parteienförderung und die Abschaffung verpflichtender Kammermitgliedschaften ins Gespräch. Darüber hinaus sprach er sich für ein gemeinsames langfristiges Zukunftsbild aus, das unter wesentlicher Beteiligung der Unternehmen entstehen sollte.

Reformbereitschaft als Voraussetzung für langfristigen Wohlstand

Zum Abschluss der Veranstaltung richtete Hans Harrer, Vorstandsvorsitzender des Senat der Wirtschaft und Herausgeber von Boom, den Blick auf die Umsetzung bereits bekannter Reformvorhaben. "Wir brauchen keine weiteren Studien. Wir brauchen den Mut, sie umzusetzen", so Harrer.

Der Senat der Wirtschaft setzt sich unter anderem für bessere Bedingungen bei der Eigenkapitalfinanzierung, die Förderung langfristiger Investitionen, eine kapitalgedeckte Ergänzung der Altersvorsorge sowie die Erleichterung von Unternehmensnachfolgen ein.

Interviewpartner:innen

LEADERSNET.tv holte neben Hans Harrer (Vorstandsvorsitzender, Senat der Wirtschaft Österreich), Mahdi Allagha (Geschäftsführer, Senat der Wirtschaft Österreich), Matthias Strolz (Bestseller-Autor und Coach), Heike Lehner (Ökonomin, Generalsekretärin, Aktion Generationsgerechtigkeit) und Roman Zauner (Geschäftsführer, Zauner Anlagentechnik GmbH), auch noch Doris Bösmüller (Unternehmerin & Klarheits-Coach), Armin Egger (Geschäftsführer, Wiener Kongresszentrum Hofburg Betriebsges.m.b.H.), Christoph Löschenbrand-Bläuel (Geschäftsführer, Mani Bläuel GmbH), Peter Sablating (Managing Director, Sedus Austria), Karin Stopa (Geschäftsführerin, Jobrad Österreich) und Karl Koczurek (Landesdirektor Wien, ÖBV) vor die Kamera.

Einen Eindruck von der Veranstaltung können Sie sich hier machen. 

www.senat.at

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