Die Insolvenzentwicklung in Österreich zeigt auch nach neun Monaten des Jahres 2026 kaum Anzeichen einer Entspannung. Laut aktueller Hochrechnung des KSV1870 mussten in den ersten drei Quartalen insgesamt 5.139 Unternehmen Insolvenz anmelden. Gegenüber dem Vergleichszeitraum 2025 entspricht das einem leichten Plus von 0,4 Prozent. Durchschnittlich waren damit täglich 19 Betriebe betroffen.
Während sich die Gesamtzahl damit nahezu auf Vorjahresniveau bewegt, entwickelt sich das Verhältnis zwischen eröffneten und nicht eröffneten Verfahren zunehmend auseinander. Bereits 43 Prozent aller Firmenpleiten konnten mangels Kostendeckung nicht eröffnet werden.
Wirtschaftlicher Druck hält an
Als wesentliche Belastungsfaktoren nennt der KSV1870 die schwache Konjunktur, eine zurückhaltende Nachfrage und hohe Kosten. Hinzu komme die Inflation, die den Kostendruck zuletzt zusätzlich verstärkt habe. Ein kräftiger wirtschaftlicher Aufschwung sei derzeit nicht erkennbar.
"Wo Margen und finanzielle Reserven knapp sind, kann der anhaltende wirtschaftliche Druck schnell existenzbedrohend werden. Entsprechend hoch bleibt die Zahl der Betriebe, die ihre finanziellen Verpflichtungen nicht mehr erfüllen können und den Weg in die Insolvenz antreten müssen", sagt Karl-Heinz Götze, Leiter KSV1870 Insolvenz.
Die meisten Fälle innerhalb eines Quartals wurden zu Jahresbeginn registriert. Im ersten Quartal waren es 1.769 Unternehmensinsolvenzen, im dritten Quartal 1.690 und im zweiten Quartal 1.680.
Mehr Verfahren werden mangels Masse abgewiesen
Deutlicher als bei den Gesamtzahlen fällt die Entwicklung bei den nicht eröffneten Insolvenzverfahren aus. Die Zahl der eröffneten Verfahren sank gegenüber dem Vorjahr um 7,2 Prozent. Gleichzeitig nahmen jene Fälle, die mangels Masse nicht eröffnet werden konnten, um 12,6 Prozent zu.
Seit Jahresbeginn betraf das 2.204 Fälle und damit rund 43 Prozent aller Verfahren. Götze bezeichnet den inzwischen nur noch geringen zahlenmäßigen Abstand zwischen eröffneten und abgewiesenen Verfahren als alarmierend. Für Gläubiger:innen bedeute diese Entwicklung höhere Verluste, was mittel- und langfristig auch wirtschaftlich gesunde Unternehmen belasten könne.
Als einen Grund nennt der KSV1870, dass Unternehmen zunehmend zu lange mit der Insolvenzanmeldung warten würden. Punktuell dürfte nach Einschätzung des Gläubigerschutzverbandes auch das im Jänner 2026 beschlossene Betrugsbekämpfungsgesetz eine Rolle spielen. Demnach könnten Anfechtungsansprüche, die vor der Gesetzesänderung durchsetzbar gewesen seien, nun vielfach nicht mehr geltend gemacht werden. Gleichzeitig würden weniger Gläubigeranträge gestellt und die Quoten für Gläubiger:innen zurückgehen. Der KSV1870 befürchtet in diesem Zusammenhang Folgeinsolvenzen.
Handel verzeichnet weiterhin die meisten Fälle
Bei der Verteilung auf einzelne Branchen gibt es wenig Veränderung. Mit 861 Unternehmensinsolvenzen liegt der Handel weiterhin an der Spitze, obwohl die Zahl gegenüber dem Vorjahr um 3,5 Prozent zurückging. Auffällig ist jedoch die unterschiedliche Entwicklung innerhalb der Branche: Die eröffneten Verfahren nahmen um 15,3 Prozent ab, während die nicht eröffneten um 17,2 Prozent zunahmen.
"Im Handel sehen wir aktuell sehr viele Betriebe, die mit der Insolvenzanmeldung deutlich zu lange warten", so Götze. In weiterer Folge würden teilweise die finanziellen Mittel für die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens fehlen. Dadurch gingen laut Götze auch Arbeitsplätze verloren, die bei einer früheren Anmeldung unter Umständen hätten erhalten werden können.
Mit 719 Fällen folgt das Baugewerbe an zweiter Stelle. Das entspricht einem leichten Rückgang von 0,3 Prozent. Eröffnete und abgewiesene Verfahren halten sich dort mittlerweile ungefähr die Waage.
Im eng mit der Baubranche verbundenen Grundstücks- und Wohnungswesen sank die Gesamtzahl der Insolvenzen um zehn Prozent. Gleichzeitig gingen die eröffneten Verfahren um 19 Prozent zurück, während die nicht eröffneten Verfahren um 29,6 Prozent zunahmen.
Gastronomie verzeichnet deutlichen Anstieg
Anders stellt sich die Entwicklung in Gastronomie und Beherbergung dar. Der Sektor liegt weiterhin an dritter Stelle, verzeichnete gegenüber dem Vorjahr jedoch einen Anstieg der Insolvenzen um 9,8 Prozent. Die eröffneten Verfahren erhöhten sich um elf Prozent, die abgewiesenen Fälle um acht Prozent.
"Die Situation in der Gastronomie hat sich auch in den vergangenen Monaten nicht beruhigt. Hohe Betriebskosten und fehlendes Personal sind die Gründe, weshalb viele Betriebe ihre Öffnungszeiten verkürzen und dadurch nicht mehr ausreichend Umsatz lukrieren", erklärt Götze.
Zusätzlich verfügten viele Unternehmen tendenziell über weniger Eigenkapital. Finanzielle Reserven seien daher vielfach knapp oder bereits aufgebraucht.
Passiva sinken auf rund sechs Milliarden Euro
Trotz der weiterhin hohen Zahl an Firmenpleiten sind die vorläufigen Passiva gesunken. Laut KSV1870 reduzierten sie sich gegenüber dem Vorjahreszeitraum um sieben Prozent auf rund sechs Milliarden Euro.
Auch bei besonders großen Insolvenzen ist die Zahl rückläufig. Während im vergangenen Jahr 15 Fälle mit Passiva von jeweils mehr als 50 Millionen Euro registriert wurden, waren es 2026 bislang sechs. Die bisher größte Unternehmensinsolvenz des Jahres betrifft die Laura Privatstiftung aus dem Signa/Benko-Umfeld mit Passiva von rund 1,7 Milliarden Euro.
Von den knapp 70 Großinsolvenzen mit Passiva von jeweils mehr als zehn Millionen Euro weisen laut Hochrechnung 29 einen Bezug zum Immobiliensektor auf. Zuletzt sei zudem eine Entwicklung in Richtung mittelständischer Unternehmen mit Passiva von bis zu 50 Millionen Euro erkennbar gewesen.
Von den Insolvenzen sind seit Jahresbeginn insgesamt 15.700 Arbeitnehmer:innen betroffen. Das sind 4,7 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig erhöhte sich die Zahl der betroffenen Gläubiger:innen um 8,7 Prozent auf 36.300.
KSV1870 erwartet rund 6.800 Insolvenzen
Für das Gesamtjahr geht der KSV1870 derzeit von rund 6.800 Unternehmensinsolvenzen in Österreich aus. Damit würde das Ergebnis ungefähr dem Vorjahr entsprechen und die Zahl der Firmenpleiten weiterhin auf historisch hohem Niveau liegen.
Da sich die Insolvenzdynamik im dritten Quartal kaum abgeschwächt habe, sei auch in den kommenden Monaten mit einer Fortsetzung der Entwicklung zu rechnen. Insbesondere November und Dezember seien erfahrungsgemäß für zahlreiche Betriebe herausfordernd, so Götze.
Handlungsbedarf sieht der KSV1870 insbesondere bei Verfahren, die aufgrund fehlender Masse nicht eröffnet werden können. "Angesichts dieser Faktenlage ist es höchst an der Zeit, eine gesetzliche Basis zu schaffen, wie mit den mangels Masse abgewiesenen Fällen zukünftig umzugehen ist. Andernfalls wird sich der gesamtwirtschaftliche Schaden weiter erhöhen", so Götze.
KSV1870 gegen höhere Dienstgeberbeiträge zum IEF
Neben der Entwicklung der Firmenpleiten thematisierte der KSV1870 auch die Diskussion über eine mögliche Finanzierungslücke beim Insolvenz-Entgelt-Fonds (IEF). Eine automatische Erhöhung der Dienstgeberbeiträge lehnt der Gläubigerschutzverband angesichts der wirtschaftlichen Belastungen der Unternehmen ab.
Eine solche Maßnahme würde die Betriebe finanziell zusätzlich belasten, was unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht erstrebenswert sei, argumentiert Götze. Bei der Diskussion solle zudem nicht ausschließlich der Finanzierungsbedarf für 2027 betrachtet werden. Vielmehr brauche es eine langfristige Perspektive, bei der sowohl die Interessen der Arbeitgeber:innen als auch jene der Arbeitnehmer:innen berücksichtigt würden.
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