Capgemini-Studie
93 Prozent der Unternehmen machen digitale Souveränität zur Chefsache

| Larissa Bilovits 
| 08.09.2026

Die Sorge vor technologischen Abhängigkeiten ist in den Führungsetagen angekommen, und rund vier von fünf Betrieben arbeiten bereits an einer Strategie. Das volle Ausmaß ihrer Verflechtungen kennen allerdings nur die wenigsten.

Digitale Souveränität hat längst den Sprung von der politischen Debatte in die Vorstandsetagen geschafft. So befassen sich bereits 93 Prozent der Organisationen weltweit auf oberster Führungsebene damit. Von einem Rückzug aus internationalen Technologiepartnerschaften kann dennoch keine Rede sein. 59 Prozent halten vollständige digitale Souveränität nämlich für kein realistisches Ziel und konzentrieren sich stattdessen darauf, kritische Geschäftsprozesse abzusichern, zentrale digitale Fähigkeiten selbst zu steuern und sich nicht auf einzelne Anbieter festzulegen. Das zeigen jedenfalls die Ergebnisse des Reports "Digital Sovereignty: From Policy Ambition to Executive Imperative" des Capgemini Research Institute, für den weltweit 1.300 Führungskräfte aus Wirtschaft und Technologie befragt wurden (siehe Infobox).

Wenige Anbieter tragen einen Großteil der Last

Cloud-Migration, KI-Einführung und digitale Transformation wurden in den vergangenen zehn Jahren mit hohem Tempo vorangetrieben. Die dazugehörigen Governance- und Resilienzmodelle konnten damit vielfach nicht Schritt halten. Parallel dazu hat sich die Zahl der Anbieter, auf denen zentrale Prozesse aufsetzen, immer weiter verengt. Welche Folgen das hat, führten geopolitische Spannungen und gestörte Lieferketten der vergangenen Jahre vor Augen.

Wie ausgeprägt die Verwundbarkeit tatsächlich ist, zeigt der ergänzend erhobene Digital Sovereignty Index, der 866 Organisationen in den USA, Europa und im asiatisch-pazifischen Raum entlang von fünf Dimensionen bewertet. Demnach hängen 86 Prozent in erheblichem Ausmaß von ausländischen oder extern kontrollierten Lieferketten ab. Verstärkt wird das Risiko durch die Konzentration auf wenige Anbieter, durch geringe Transparenz entlang der Lieferkette und durch lange Wechselfristen. Vorbereitet ist darauf nur eine Minderheit: Von jenen Organisationen, die zuletzt operative Störungen erlebt haben, verfügen lediglich 42 Prozent über Notfallvorkehrungen. Am weitesten sind die USA mit annähernd zwei Dritteln, in Europa und im asiatisch-pazifischen Raum liegt der Wert jeweils knapp über einem Drittel.

Vorstandsetage macht Tempo bei eigenen Strategien

Für 44 Prozent der Organisationen zählt das Thema mittlerweile zu den wichtigsten Punkten auf der Agenda des Top-Managements, und es bleibt nicht bei Absichtserklärungen. Fast vier von fünf arbeiten bereits an einer Strategie oder setzen eine solche um, rund 20 Prozent wollen innerhalb der kommenden zwölf Monate nachziehen.

Dahinter steht eine handfeste Sorge: Mehr als drei Viertel treibt die Frage um, ob sich geschäftskritische Abläufe in einem unsicheren geopolitischen Umfeld überhaupt aufrechterhalten lassen. Besonders ausgeprägt ist diese Sorge im asiatisch-pazifischen Raum und in Kontinentaleuropa, während sie in den USA und in Großbritannien geringer ausfällt. Entsprechend nennen vier von fünf Befragten operative Widerstandsfähigkeit als wichtigsten Antrieb ihrer Initiativen.

KI wird zum zentralen Handlungsfeld

Den größten Stellenwert nimmt dabei Künstliche Intelligenz ein, die drei Viertel der Organisationen als zentrales Handlungsfeld einstufen. Besonders deutlich fällt der Fokus in Branchen aus, die kritische Infrastruktur, sensible Informationen oder komplexe Betriebsabläufe steuern, etwa Aerospace & Defense sowie Transport und Logistik.

"Unternehmen agieren heute in hochgradig vernetzten Technologieökosystemen. Digitale Souveränität bedeutet daher nicht vollständige Autonomie. Vielmehr geht es darum, ein klares Verständnis der eigenen Technologieabhängigkeiten zu entwickeln, um die notwendige Kontrolle und Flexibilität zur Steuerung von Risiken zurückzugewinnen", erklärt Martina Sennebogen, Vorstandsvorsitzende von Capgemini in Österreich. "Auf dieser Grundlage können Unternehmen einen pragmatischen Fahrplan entwickeln, der ihre strategischen Ziele unterstützt und gleichzeitig Anforderungen an Datenlokalisierung, Zugriffssteuerung, Betriebsprozesse sowie regulatorische und technologische Rahmenbedingungen berücksichtigt. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Resilienz aufzubauen, ohne die Wettbewerbsfähigkeit einzuschränken. Gleichzeitig braucht es vertrauensvolle Partnerschaften, damit Unternehmen Innovationen vorantreiben und langfristiges Wachstum sichern können."

Transparenzlücken und Kosten bremsen die Umsetzung

Wie das Ziel definiert wird, hängt stark von der Region ab. In Kontinentaleuropa, Großbritannien und im asiatisch-pazifischen Raum steht die Absicherung gegen Risiken im Vordergrund, während in den USA 52 Prozent das Thema primär durch die Compliance-Brille betrachten und 40 Prozent als Mittel zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit. Einig ist man sich hingegen beim Grundverständnis: Zwei Drittel weltweit fassen digitale Souveränität als resiliente Interdependenz auf, in Europa sind es mit 75 Prozent deutlich mehr als in den USA mit 50 Prozent. Auch beim Weg dorthin dominiert der Mittelweg, denn mehr als zwei Drittel wollen eigene Entwicklung und externe Zusammenarbeit kombinieren. US-Organisationen setzen dabei stärker auf Ökosysteme und Branchenpartnerschaften als jene in Europa und im asiatisch-pazifischen Raum.

In der Praxis stehen dem allerdings handfeste Hürden entgegen. Gerade einmal 14 Prozent können ihre Abhängigkeiten im erweiterten Technologieökosystem lückenlos nachvollziehen, was die frühzeitige Bewertung von Risiken erschwert. Ein Anbieterwechsel würde bei mehr als einem Drittel (36 %) länger als zwölf Monate dauern, jede zehnte Organisation sieht überhaupt keine realistische Alternative. Hinzu kommt der finanzielle Rahmen: Nur knapp die Hälfte ist bereit, für mehr Souveränität einen Aufpreis zu zahlen, im Schnitt werden Mehrkosten von 23 Prozent akzeptiert. Als grundsätzlichen Widerspruch zur eigenen Marktposition sehen die Befragten das Vorhaben dennoch nicht. Mehr als die Hälfte ist überzeugt, ihre Kontrolle über kritische Technologien ausbauen zu können, ohne dabei an Wettbewerbsfähigkeit einzubüßen.

www.capgemini.com

Über die Studie

Für diese Studie befragte das Capgemini Research Institute im April 2026 insgesamt 1.300 Führungskräfte aus Wirtschaft und Technologie verschiedener Branchen. Die befragten Organisationen verfügen über einen Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde US-Dollar, staatliche Einrichtungen über ein Jahresbudget von mehr als einer Milliarde US-Dollar. Die Untersuchung umfasst Organisationen in den USA, Großbritannien, Kontinentaleuropa (Deutschland, Frankreich, Italien, die Niederlande, Spanien und Schweden) sowie im asiatisch-pazifischen Raum (Australien, China, Indien und Japan).
Darüber hinaus führte das Forschungsteam Interviews mit 13 Führungskräften führender globaler Organisationen durch.

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Über die Studie

Für diese Studie befragte das Capgemini Research Institute im April 2026 insgesamt 1.300 Führungskräfte aus Wirtschaft und Technologie verschiedener Branchen. Die befragten Organisationen verfügen über einen Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde US-Dollar, staatliche Einrichtungen über ein Jahresbudget von mehr als einer Milliarde US-Dollar. Die Untersuchung umfasst Organisationen in den USA, Großbritannien, Kontinentaleuropa (Deutschland, Frankreich, Italien, die Niederlande, Spanien und Schweden) sowie im asiatisch-pazifischen Raum (Australien, China, Indien und Japan).
Darüber hinaus führte das Forschungsteam Interviews mit 13 Führungskräften führender globaler Organisationen durch.

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