Die rote Liste der UNESCO gilt als eine Art Warnsignal. Auf ihr landen jene Welterbestätten, deren Substanz oder deren bauliches Umfeld nach Einschätzung der Organisation so stark bedroht sind, dass im äußersten Fall der Welterbe-Status selbst auf dem Spiel steht. Das Historische Zentrum von Wien war bereits seit 2017 – und damit neun Jahre lang – dort verzeichnet. Ausschlaggebend dafür waren die Hochhauspläne am Heumarkt, in denen die Welterbeschützer:innen eine Beeinträchtigung des historischen Stadtbildes sahen.
Seit Montag ist die Wiener Innenstadt nun von dieser Liste gestrichen. Beschlossen hat das das Welterbekomitee im Zuge seiner 48. Tagung im südkoreanischen Busan nach rund eineinhalbstündiger Debatte – und zwar entgegen dem Votum der eigenen Fachebene.
Komitee entschied gegen das eigene Fachgremium
Der Internationale Rat für Denkmalpflege (ICOMOS), der die UNESCO fachlich berät, hatte im Vorfeld der Sitzung per "Draft Decision" empfohlen, Wien weiterhin als gefährdet einzustufen. Zu entscheiden hatten darüber allerdings nicht die Fachgremien, sondern die 21 Mitgliedsstaaten im Welterbekomitee. Um deren Stimmen hatten Bund und Stadt Wien hinter den Kulissen diplomatisch geworben, und in Busan ging die Rechnung auf: Unterstützung kam unter anderem aus der Ukraine und aus Bangladesch, die Schweiz und Grenada gingen dagegen auf Distanz.
Kritik kam von der UNESCO selbst. Es sei das erste Mal in der Geschichte der Konvention, dass sich das Komitee bei einer Streichung über das Sekretariat und die beratenden Gremien hinwegsetze, erklärte Welterbedirektor Lazare Eloundou Assomo. Die Umsetzung der Entscheidung bezeichnete er als "sehr, sehr schwierig, ja fast unmöglich", Unterstützung sagte die Organisation dennoch zu.
Beim Heumarkt bleibt die UVP offen
Das Bauvorhaben von Michael Tojner (das LEADERSNET-Interview lesen Sie hier) und seiner WertInvest am Wiener Heumarkt hat seit dem ersten Entwurf mehrere Anläufe hinter sich: Ursprünglich waren maximal 73 Meter Höhe vorgesehen, nach mehrfacher Redimensionierung sind es in der 2023 präsentierten Fassung noch 49,95 Meter. Bevor gebaut werden darf, steht für diese Fassung noch die Umweltverträglichkeitsprüfung an. Eine dagegen eingebrachte außerordentliche Revision blieb beim Verwaltungsgerichtshof (VwGH) zuletzt erfolglos.
Bei WertInvest wertet man den Beschluss aus Busan als Rückenwind für das weitere Verfahren. Möglich geworden sei die Streichung durch das gemeinsame Vorgehen von Außen- und Kulturministerium sowie der Stadt Wien, heißt es aus dem Unternehmen. "Ich bin sehr stolz, dass die UNESCO Mitgliedsstaaten nach neun Jahren und mehreren Adaptierungen heute einstimmig für das Projekt Heumarkt entschieden haben", so Tojner in einer Aussendung. "Es soll die Stadt bereichern und einen neuen Treffpunkt für die Wiener:innen und Menschen aus aller Welt schaffen. Wir werden nun nach finaler Genehmigung des Projektes den Neubau des Hotel Intercontinental realisieren, den Wiener Eislaufverein zukunftssicher aufstellen und für das Wiener Konzerthaus völlig neue Perspektiven schaffen. Für alle drei Institutionen ist das eine unbeschreibliche Erleichterung. Die formalen Schritte werden aber natürlich einige Zeit in Anspruch nehmen."
Daniela Enzi, Geschäftsführerin der WertInvest Hotelbetriebs GmbH, sieht dem Behördenverfahren gelassen entgegen. "Wir sehen es als positives Signal, dass der VwGH entschieden hat, für die finale Umsetzung eine vereinfachte Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) durchzuführen. Das UVP-Verfahren ist für uns keine Hürde, sondern die Chance auf maximale Transparenz und abschließende Rechtssicherheit", sagte sie. "Mit der Entscheidung des Welterbe-Komitees in Busan ist heute eindeutig geklärt worden, dass das vorgelegte Projekt welterbekonform ist."
Politik reagierte mit Lob und mit Vorbehalten
Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) führte das Ergebnis der UNESCO auf die Vorarbeit der Stadt zurück und dankte in einer entsprechenden Aussendung der Wiener Delegation rund um Welterbe-Beauftragten Ernst Woller und Planungsausschuss-Vorsitzenden Omar Al-Rawi: "Wien hat in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, um das historische Zentrum als UNESCO-Welterbe zu schützen und zugleich eine verantwortungsvolle Weiterentwicklung unserer Stadt zu ermöglichen. Von daher ist die heutige Entscheidung nur zu begrüßen. Damit ist sichergestellt, dass alle künftigen Lösungen im Rahmen der Stadtentwicklung den Wiener:innen zugutekommen."
Aus den Reihen des Koalitionspartners NEOS kam ebenfalls Zustimmung. "Unser Ziel war immer klar: Stadtentwicklung und Welterbeschutz sind kein Widerspruch und müssen Hand in Hand gehen", so Klubobfrau Selma Arapović. Auch die Grüne Gemeinderätin Jennifer Kickert zeigte sich "durchaus zufrieden", mahnte aber die weitere Umsetzung ein: "Die offenen Aufgaben müssen ernsthaft angegangen werden, damit die Innere Stadt ihre einzigartige Bausubstanz erhält und auch weiterhin Welterbestadt bleibt."
Deutlich kritischere Stimmen kamen von ÖVP und FPÖ. "Nach jahrelangem Druck wurde Wien endlich von der Roten Liste genommen. Gleichzeitig bleiben aber wichtige Hausaufgaben offen", kommentierte Markus Figl, Landesparteiobmann der Wiener Volkspartei und Bezirksvorsteher der Inneren Stadt. Aus Sicht der ÖVP ist die Stadt durch den Umgang der SPÖ-NEOS-Stadtregierung mit dem Bauvorhaben und den UNESCO-Vorgaben überhaupt erst in diese Situation geraten. "Die Rücknahme von der Roten Liste ist kein Freibrief. Der Schutz unseres historischen Stadtbildes endet nicht mit dieser Entscheidung", hielten Figl und Planungssprecherin Elisabeth Olischar fest. Die FPÖ Wien wiederum nahm die Stadtregierung direkt ins Visier. "Die rot-pinke Stadtregierung setzt alles daran, dass 'ihre Milliardärs-Freunde' noch reicher werden, während die Wiener:innen mit den negativen Folgen leben müssen. Das historische Stadtbild und der Charakter der Wiener Innenstadt dürfen nicht für einzelne Investoren geopfert werden", so der Planungssprecher der Wiener FPÖ, Toni Mahdalik.
www.wien.gv.at
www.unesco.at
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