Die wirtschaftliche Entwicklung in Österreich bleibt auch 2026 herausfordernd. Moderates Wachstum, anhaltender Kostendruck und eine fragile Konjunktur prägen das Umfeld vieler Unternehmen. Besonders mittelständische Betriebe stehen laut dem Wiener Beratungsunternehmen Advicum Consulting vor der Aufgabe, steigende Finanzierungskosten, eingeschränkte Liquidität und internationalen Wettbewerbsdruck gleichzeitig zu bewältigen. Dabei rückt die Kapitalbindung immer stärker in den Mittelpunkt wirtschaftlicher Entscheidungen.
Insolvenzzahlen bleiben auf hohem Niveau
Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen hat sich in den vergangenen Jahren auf einem hohen Niveau eingependelt. Nach 1.312 Insolvenzfällen im ersten Quartal 2023 wurden laut Statistik Austria im Jahr 2024 bereits 1.709 Fälle registriert. In den beiden Folgejahren lag die Zahl mit 1.785 Insolvenzen im Jahr 2025 und 1.741 im Jahr 2026 weiterhin deutlich über dem Niveau von 2023. Besonders häufig waren Unternehmen aus dem Dienstleistungs- und Bau-Sektor betroffen.
Vor allem exportorientierte mittelständische Betriebe würden dadurch zunehmend in ein Spannungsfeld zwischen globalem Wettbewerbsdruck und eingeschränkter Liquidität geraten. Nach Einschätzung von Advicum Consulting gewinne in diesem Umfeld die Kapitalbindung immer mehr an Bedeutung.
Kapitalbindung schafft Stabilität und birgt zugleich Risiken
Gebundenes Kapital in Form von Maschinen, Rohstoffen oder Immobilien bildet die Grundlage für Produktion, Lieferfähigkeit und Wertschöpfung. In wirtschaftlich stabilen Zeiten trägt es wesentlich zum operativen Erfolg eines Unternehmens bei. Verschlechtern sich jedoch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und sinkt die Produktivität, kann dieselbe Kapitalbindung rasch zur finanziellen Belastung werden, so Advicum Consulting.
"Was Unternehmen handlungsfähig macht, kann sie im nächsten Moment unter Druck setzen. Hohe fremdfinanzierte Kapitalbindung ist Fluch und Segen zugleich", sagt Matthias Ortner, Equity Partner bei Advicum Consulting.
Viele Unternehmen würden sich dadurch gezwungen sehen, zusätzliches Fremdkapital aufzunehmen. Im aktuellen Zinsumfeld steigen dadurch die Finanzierungskosten weiter an, zumal Banken ihr eigenes Refinanzierungsrisiko zunehmend an ihre Kund:innen weitergeben. Gleichzeitig bleibe der Preisdruck auf den Märkten hoch. Laut Advicum Consulting kann daraus eine gefährliche "stuck-in-the-middle"-Situation entstehen, in der steigende Finanzierungskosten und eingeschränkte Preissetzungsmöglichkeiten im Extremfall in eine Insolvenzspirale münden.
Vermögenswerte bleiben unverzichtbar
Trotz dieser Risiken bleibt gebundenes Kapital für Unternehmen ein wichtiger Stabilitätsfaktor. Vermögenswerte dienen als Sicherheiten für Kredite, das Working Capital soll den laufenden Geschäftsbetrieb gewährleisten und Investitionen die Grundlage für künftiges Wachstum schaffen. Gerade für mittelständische Unternehmen sei laut dem Experten Kapitalbindung daher unverzichtbar.
"Wer Kapital bindet, sichert sein Geschäft. Wer es aber nicht aktiv steuert, gefährdet es", so Ortner.
Auswirkungen unterscheiden sich je nach Branche
Wie sich Kapitalbindung auf Unternehmen auswirkt, hängt wesentlich von der jeweiligen Branche. In der Industrie und Produktion binden Maschinen langfristig hohe Eigen- und Fremdkapitalbeträge. Sinkt die Auslastung, könnten diese Investitionen rasch zum finanziellen Risiko werden.
Im Handel sichern umfangreiche Lagerbestände zwar die Lieferfähigkeit, bei rückläufigem Absatz werde jedoch viel Liquidität im Lager gebunden. In der Immobilienwirtschaft und im Bau-Sektor führen lange Projektlaufzeiten sowie vorfinanzierte Materialkosten dazu, dass erhebliche Summen über längere Zeiträume gebunden bleiben. Im Dienstleistungsbereich entstehen Risiken insbesondere dann, wenn Unternehmen Personal für Großprojekte vorfinanzieren müssen und Kundenzahlungen verspätet erfolgen.
KMU verfügen über geringere finanzielle Spielräume
Nach Einschätzung von Advicum Consulting sind kleine und mittlere Unternehmen strukturell stärker gefährdet als große Konzerne. Sie sind vielfach stärker auf Bankfinanzierungen angewiesen und verfügen laut Advicum meist über keinen direkten Zugang zum Kapitalmarkt. Gleichzeitig binden lange Zahlungsziele einen beträchtlichen Teil des verfügbaren Kapitals im operativen Geschäft. Hinzu kommen geringere finanzielle Reserven sowie eine eingeschränkte Verhandlungsmacht gegenüber Kund:innen und Lieferant:innen. Dadurch kann Kapitalbindung deutlich schneller zu einer wirtschaftlichen Belastung werden.
"Österreich ist ein Mittelstandsland und genau deshalb trifft die aktuelle Entwicklung besonders breit", warnt Ortner vor der falschen Annahme, der Mittelstand würde sich von selbst stabilisieren und ergänzt: "Mittelstand 'too big to fail'? Leider ein Trugschluss. Umso entscheidender ist es, im Bedarfsfall mithilfe starker Bankpartner verlässliche Finanzierung sicherstellen zu können."
Für eine verlässliche Fortbestehensprognose reiche es heute nicht mehr aus, ausschließlich vergangene Bilanzdaten zu betrachten. Unternehmen müssten vielmehr individuell und mit Blick auf ihre zukünftige Entwicklung analysiert werden.
Strategische Steuerung gewinnt an Bedeutung
Um langfristig wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben, sollten Unternehmen ihre Kapitalbindung laufend überwachen, eine ausreichende Eigenkapitalbasis sichern und finanzielle Risikopuffer aufbauen. "Kapitalbindung ist kein Risiko an sich. Sie wird erst dann zur Gefahr, wenn sie nicht gesteuert wird", resümiert Ortner.
www.advicum.com
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