DI Astrid Wessely im Interview
"Gute Architektur entsteht, wenn Gestaltung, Materialien und Lebensqualität zusammenpassen"

DI Astrid Wessely ist Architektin und führt das Ingenieurbüro wessely.architektur mit Sitz im Wienerwald. Ihr Büro begleitet Bauprojekte von der ersten Idee bis zur Umsetzung und beschäftigt sich unter anderem mit Wohnbau, Sanierung sowie nachhaltigen Baukonzepten. Ein besonderer Fokus liegt auf ökologischen Materialien, energieeffizienten Lösungen und einer Architektur, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Zudem engagiert sich Wessely als Fachgruppenobmann-Stellvertreterin der Ingenieurbüros in der Wirtschaftskammer Niederösterreich für die Interessen ihrer Branche.

LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Wessely, was fasziniert Sie am meisten an Ihrer Arbeit – die Technik, das Regelwerk oder die Möglichkeit, Systeme effizienter zu machen?

Astrid Wessely: Am meisten fasziniert mich die Wirkung von Raum auf den Menschen. Technik und Regelwerk sind die Grundlage – sie geben den Rahmen vor und sichern Qualität.

Aber entscheidend ist, was daraus entsteht. Mich interessiert, wie Räume Orientierung geben, Ruhe schaffen und den Alltag besser machen. Wenn ein Gebäude funktioniert, ohne sich aufzudrängen, wenn Licht, Proportion und Material stimmig sind – dann entsteht Qualität, die man spürt.

Darum geht es mir: nicht nur Systeme effizienter zu machen, sondern Lebensräume zu schaffen, die tragen.

LEADERSNET: Ihr Büro beschäftigt sich mit Architektur, Planung und Beratung in allen Bauphasen. Erklären Sie uns bitte ein wenig Ihren Tätigkeitsbereich. Welche Entwicklungen beobachten Sie in diesem Bereich besonders genau?

Wessely: Unser Tätigkeitsbereich umfasst die Planung, Beratung und Begleitung von Bauprojekten über alle Phasen hinweg – vom ersten Gedanken bis zur Umsetzung. Ein wesentlicher Schwerpunkt liegt dabei im Bereich des Ingenieurbüros, also in der fundierten technischen und strategischen Beratung.

Gerade in frühen Projektphasen wird dieser Teil immer wichtiger: Bauherren stehen vor komplexen Entscheidungen zu Energie, Materialien, Bauweise und langfristiger Nutzung. Hier schaffen wir Klarheit – etwa durch Energieberatung, Sanierungsstrategien, Machbarkeitsanalysen oder die Entwicklung nachhaltiger Gesamtkonzepte.

Ein besonderer Fokus liegt auf der Sanierung im Bestand. Viele Gebäude haben großes Potenzial, das oft erst durch eine ganzheitliche Betrachtung sichtbar wird. Dabei geht es nicht nur um technische Verbesserungen, sondern um die Frage, wie bestehende Strukturen sinnvoll weiterentwickelt werden können – ökologisch, wirtschaftlich und funktional.

Wir beobachten vor allem eine starke Verschiebung hin zu mehr Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Energieeffizienz. Themen wie Ressourcenschonung, Kreislaufdenken und die Reduktion von Betriebsenergie gewinnen deutlich an Bedeutung. Gleichzeitig steigt der Bedarf an verständlicher, unabhängiger Beratung, die Bauherren hilft, gute Entscheidungen zu treffen.

In diesem Spannungsfeld sehen wir unsere Rolle: als verlässliche Schnittstelle zwischen Technik, Gestaltung und den tatsächlichen Bedürfnissen der Nutzer:innen.

LEADERSNET: Wie können Ihre Leistungen dazu beitragen, Bauprojekte nachhaltiger und zukunftssicher zu gestalten?

Wessely: Unsere Leistungen setzen sehr früh im Prozess an – dort, wo die wichtigsten Entscheidungen getroffen werden. Genau hier liegt der größte Hebel für Nachhaltigkeit und Zukunftssicherheit.

Wir analysieren Gebäude und Projekte ganzheitlich: von der Ausrichtung über den Energiebedarf bis hin zu Materialwahl und Nutzungskonzept. Dabei entwickeln wir Lösungen, die nicht nur kurzfristig funktionieren, sondern langfristig Bestand haben – technisch, wirtschaftlich und ökologisch.

Ein zentraler Aspekt ist die Arbeit im Bestand. Durch durchdachte Sanierungsstrategien lassen sich Ressourcen erhalten und gleichzeitig die Qualität deutlich verbessern. Ergänzend dazu achten wir auf robuste, langlebige Konstruktionen und Materialien, die auch in Zukunft anpassbar und im Idealfall wiederverwendbar sind. 

Nachhaltigkeit bedeutet für uns nicht nur Energieeffizienz, sondern Klarheit im gesamten System: Gebäude, die gut funktionieren, wenig Ressourcen verbrauchen und Räume schaffen, in denen Menschen gerne leben und arbeiten. So entstehen Projekte, die nicht nur den aktuellen Anforderungen entsprechen, sondern auch kommenden Generationen gerecht werden.

LEADERSNET: In welchen Bereichen ist Ihr Ingenieurbüro aktuell besonders gefragt – und wo steckt Ihrer Meinung nach noch ungenutztes Potenzial?

Wessely: Sehr gefragt sind derzeit Projekte im Bereich Sanierung und Weiterentwicklung bestehender Gebäude. Viele Bauwerke haben eine gute Substanz, benötigen aber neue Nutzungskonzepte oder energetische Verbesserungen. Ich sehe sehr viel ungenutztes Potenzial im Bestand. Viele Gebäude werden noch immer vorschnell ersetzt, obwohl sie mit einer durchdachten Strategie weiterentwickelt werden könnten. 

Insgesamt liegt großes Potenzial darin, Projekte ganzheitlicher zu denken: nicht nur in Einzelmaßnahmen, sondern als Zusammenspiel von Energie, Material, Nutzung und langfristiger Entwicklung.

LEADERSNET: Mit welchen Tools oder Methoden unterstützen Sie Ihre Kund:innen bei der Umsetzung komplexer technischer Entscheidungen?

Wessely: Wir arbeiten mit einer Kombination aus fundierten Analyse-Tools und klar strukturierten Entscheidungsprozessen. Dazu zählen unter anderem Energieberechnungen, Variantenstudien und Machbarkeitsanalysen, die unterschiedliche Szenarien vergleichbar machen.

Wichtig ist uns dabei, Komplexität zu reduzieren. Technische Zusammenhänge bereiten wir so auf, dass sie nachvollziehbar und entscheidungsfähig werden – etwa durch Gegenüberstellungen von Kosten, Nutzen und langfristiger Wirkung.

Ein wesentlicher Teil unserer Methode ist der frühe Dialog. Gemeinsam mit Bauherren und Fachplanern entwickeln wir Lösungen, die technisch funktionieren und gleichzeitig zum Projekt passen. Digitale Werkzeuge unterstützen diesen Prozess, entscheidend ist jedoch die strukturierte Herangehensweise. So entstehen Entscheidungen, die nicht nur auf Daten basieren, sondern auch auf einem klaren Verständnis für das Gesamtprojekt.

LEADERSNET: Welche Rolle spielen Digitalisierung und Automatisierung generell in Ihrer Branche – wo liegen die Chancen bzw. wo sehen Sie dabei die größte Gefahr?

Wessely: Digitalisierung und Automatisierung spielen eine zunehmend wichtige Rolle, vor allem in der Planung und Abstimmung komplexer Projekte. Sie schaffen die Möglichkeit, Prozesse effizienter zu gestalten, Fehler zu reduzieren und Varianten schneller zu prüfen. Das ist ein großer Fortschritt – insbesondere in der Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten.

Die Chance liegt darin, dass wir mehr Zeit für das Wesentliche gewinnen: für Entwurf, Qualität und die Bedürfnisse der Menschen, die die Räume nutzen werden.

Die größte Gefahr sehe ich dort, wo Architektur zu stark automatisiert wird und Entscheidungen nur mehr datengetrieben getroffen werden. Gute Architektur entsteht nicht allein aus Effizienz, sondern aus Verständnis, Erfahrung und Haltung. Wenn diese Dimension verloren geht, verlieren Gebäude an Qualität – auch wenn sie technisch perfekt sind.

Für mich ist klar: Digitalisierung ist ein Werkzeug. Die Verantwortung bleibt beim Menschen.

LEADERSNET: Welche technologischen Entwicklungen beobachten Sie derzeit mit besonderem Interesse – und bei welchen glauben Sie, dass sie Ihre Branche in den nächsten Jahren grundlegend verändern könnten?

Wessely: Ich beobachte derzeit vor allem Entwicklungen, die Planung, Material und Nutzung enger zusammenbringen. Dazu zählen digitale Planungsprozesse wie BIM, die eine deutlich präzisere Abstimmung aller Beteiligten ermöglichen, ebenso wie KI-gestützte Tools, die Varianten schneller durchspielen und Entscheidungsprozesse unterstützen können.

Gleichzeitig sehe ich großes Potenzial im Bereich nachhaltiger Materialien und zirkulärer Bauweisen. Der verstärkte Einsatz von Holz, wiederverwendbaren Bauteilen und rückbaubaren Konstruktionen wird die Art, wie wir Gebäude denken, grundlegend verändern – weg vom einmaligen Verbrauch hin zu langfristigen Materialkreisläufen.

Ein weiterer zentraler Bereich ist die Verbindung von Energie, Gebäude und Mobilität. Gebäude werden zunehmend als Teil eines Systems verstanden, das Energie erzeugt, speichert und intelligent nutzt.

Was die Branche tatsächlich verändern wird, ist weniger eine einzelne Technologie als das Zusammenspiel dieser Entwicklungen – kombiniert mit einem klaren Umdenken hin zu mehr Verantwortung, Qualität und Dauerhaftigkeit im Bauen.

LEADERSNET: Können Sie ein aktuelles Projekt nennen, das sinnbildlich für Ihre Arbeitsweise und Ihr Innovationsverständnis steht?

Wessely: Ein aktuelles Projekt, das unsere Arbeitsweise sehr gut widerspiegelt, ist ein Mehrgenerationenprojekt im ländlichen Raum. Dort verbinden wir betreubares Wohnen mit Einheiten für jüngere Menschen – also ein bewusst gemischtes Wohnmodell, das auf Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung setzt.

Der Entwurf denkt nicht nur das Gebäude, sondern das gesamte Umfeld mit: barrierefreie Strukturen, gemeinschaftlich nutzbare Räume und ein Mobilitätskonzept, das auch ohne eigenes Auto funktioniert. Gleichzeitig legen wir großen Wert auf eine nachhaltige Bauweise mit ökologischen Materialien und einer klaren, langlebigen Architektur.

Für uns ist das innovativ, weil wir nicht nur Wohnraum schaffen, sondern Lebensqualität – und Strukturen, die auch in Zukunft funktionieren.

LEADERSNET: Wie gelingt es Ihnen, innovative Lösungen mit gesetzlichen Vorgaben in Einklang zu bringen – ohne dabei an Dynamik zu verlieren?

Wessely: Baurecht und Bauordnung sind ein wichtiger Teil jedes Projekts. Durch Erfahrung und gute Vorbereitung lassen sich viele Themen bereits früh klären. Das erleichtert Gespräche mit Behörden und hilft, Projekte effizient umzusetzen.

LEADERSNET: Der Leitsatz "Ingenieurbüros: Motor für Innovation und Technik" – wo sehen Sie sich konkret in diesem Antriebssystem? Zahnrad, Zündfunke oder vielleicht sogar das Navigationssystem?

Wessely: Wenn ich mich einordnen müsste, dann sehe ich uns als Navigationssystem. Wir geben Richtung, bevor Bewegung entsteht. Gerade in frühen Projektphasen helfen wir, Komplexität zu ordnen, Optionen sichtbar zu machen und fundierte Entscheidungen zu treffen. Dabei verbinden wir Technik, Nachhaltigkeit und Nutzung zu einem stimmigen Gesamtbild.

Innovation entsteht nicht nur durch neue Technologien, sondern durch klare Entscheidungen zur richtigen Zeit. Genau dort setzen wir an. Gleichzeitig braucht es auch den Zündfunken – den Moment, in dem aus einer Idee ein konkreter Weg wird. Diesen Impuls geben wir oft mit.

Am Ende geht es nicht darum, einzelne Teile zu sein, sondern das Zusammenspiel zu stärken – damit Projekte nicht nur technisch funktionieren, sondern auch langfristig Sinn ergeben.

LEADERSNET: Sie engagieren sich auch als Fachgruppenobmann-Stellvertreterin der Ingenieurbüros in Niederösterreich. Welche Herausforderungen sehen Sie derzeit für Ingenieurbüros – und welche Unterstützung kann die Fachgruppe hier bieten?

Wessely: Ingenieurbüros stehen derzeit vor mehreren Herausforderungen gleichzeitig. Einerseits steigt die technische Komplexität der Projekte – insbesondere durch Anforderungen an Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und rechtliche Rahmenbedingungen. Andererseits wächst der Bedarf an früher, fundierter Beratung, während gleichzeitig Fachkräfte und zeitliche Ressourcen begrenzt sind.

Viele Büros bewegen sich damit in einem Spannungsfeld zwischen steigenden Anforderungen und wirtschaftlichem Druck. Gleichzeitig verändert sich auch die Erwartungshaltung der Auftraggeber:innen: Entscheidungen sollen schneller getroffen werden, gleichzeitig aber immer fundierter und langfristig tragfähig sein.

Hier sehe ich eine zentrale Aufgabe der Fachgruppe. Wir schaffen Orientierung, indem wir Wissen bündeln, weitergeben und den Austausch innerhalb der Branche fördern. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Aus- und Weiterbildung, um sowohl fachlich als auch unternehmerisch am aktuellen Stand zu bleiben.

Gleichzeitig ist die Interessenvertretung ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit. Ingenieurbüros agieren an der Schnittstelle zwischen Technik, Wirtschaft und Gesellschaft – umso wichtiger ist eine starke Stimme nach außen. Wir setzen uns dafür ein, gute Rahmenbedingungen für unsere Arbeit zu schaffen und die Bedeutung qualifizierter, unabhängiger Planung sichtbar zu machen.

Gerade in dieser Kombination aus Weiterbildung, Vernetzung und Interessenvertretung liegt eine große Chance für die Weiterentwicklung der Branche.

LEADERSNET: Wie beurteilen Sie die Zukunftsperspektiven für junge Menschen in Ihrem Berufsfeld?

Wessely: Die Zukunftsperspektiven sind sehr gut – vielleicht besser denn je. Die Anforderungen an das Bauen verändern sich grundlegend: Nachhaltigkeit, Energie, Bestandserhalt und ganzheitliche Planung rücken stark in den Fokus. Genau hier sind qualifizierte Ingenieurbüros gefragt.

Für junge Menschen eröffnet das ein breites und spannendes Feld. Es geht längst nicht mehr nur um klassische Planung, sondern um Beratung, Strategie und das Verständnis komplexer Zusammenhänge. Wer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und interdisziplinär zu denken, findet hier viele Möglichkeiten.

Gleichzeitig ist es ein Beruf, der Engagement und Lernbereitschaft verlangt. Die Rahmenbedingungen sind anspruchsvoll, aber genau darin liegt auch die Chance, aktiv an der Zukunft unserer gebauten Umwelt mitzuwirken.

Ich sehe großes Potenzial für junge Menschen, die diesen Weg bewusst wählen – weil sie gestalten wollen und verstehen, welche Wirkung gute Planung hat.

www.wessely.at

LEADERSNET Portrait-Serie

Peter Weintögl © Andreas Kraus
Peter Weintögl © Andreas Kraus

"Ingenieurbüros: Motor für Innovation und Technik" – dieser Leitsatz ist weit mehr als ein Slogan. Er ist Antrieb und Anspruch zugleich. Unter Obmann DI (FH) Peter Weintögl stellt die Fachgruppe Ingenieurbüros in der Wirtschaftskammer Niederösterreich ihre Mitglieder als sichtbare Gestalter:innen von Zukunft, Nachhaltigkeit und Fortschritt ins Rampenlicht. 

Fachgruppe Ingenieurbüros, WKNÖ
Wirtschaftskammer-Platz 1, 3100 St. Pölten
Tel.: 02742/851-19721
E-Mail: ing.bueros@wknoe.at
www.ingenieurbueros.at

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