Fotos vom Vereinsjubiläumsfest im Hotel Regina
ganznormal.at feierte 15 Jahre Einsatz für Entstigmatisierung seelischer Leiden

Bei der Jubiläumsfeier zogen Fachleute aus Medizin, Psychotherapie und Sozialversicherung Bilanz und sprachen darüber, wo es in der Versorgung noch hakt. Zudem durfte sich der Vereinsgründer über eine besondere Ehrung freuen.

Bereits seit 2011 engagiert sich der Verein ganznormal.at dafür, dass über psychische Erkrankungen genauso offen gesprochen werden kann wie über körperliche Leiden. Anlässlich des 15-jährigen Bestehens lud die Plattform nun zahlreiche langjährige Wegbegleiter:innen am 15. Oktober gemeinsam mit vie-health, der Kommunikationsplattform von Vienna Eco, ins Wiener Hotel Regina. Auf dem Programm standen ein Rückblick auf die Anfänge, eine Podiumsdiskussion über künftige Herausforderungen und eine besondere Würdigung für jenen Mann, der den Verein einst ins Leben gerufen hatte.

Psychische Gesundheit aus der Tabuzone holen

Gegründet wurde ganznormal.at vom Wiener Landtagsabgeordneten Christian Deutsch und seinem Team mit dem Gedanken, eine Plattform zu schaffen, die die öffentliche Auseinandersetzung mit seelischer Gesundheit fördern sollte. Der Bedarf ist groß, denn Studien zufolge ist rund ein Drittel der Menschen in Österreich im Laufe des Lebens selbst von einer psychischen Erkrankung betroffen, und noch deutlich mehr haben als Angehörige damit zu tun. Wie körperliche Krankheiten können auch seelische leicht oder schwer, vorübergehend oder chronisch verlaufen. Dennoch werden Betroffene nach wie vor stigmatisiert und ihre Erkrankungen häufig verschwiegen. Genau hier setzt der Verein an, da ein offener gesellschaftlicher Diskurs als Voraussetzung für einen unvoreingenommenen Umgang mit dem Thema gilt.

Schon die erste Kampagne 2011 sorgte für großes Aufsehen. Sie zeigte einen eingegipsten Arm und machte damit sichtbar, dass ein Knochenbruch meist nach wenigen Monaten verheilt ist, eine psychische Erkrankung in der Regel aber deutlich mehr Zeit braucht. In den folgenden Jahren gewann die Plattform mit Veranstaltungen und Medienkampagnen stetig an Bekanntheit und erhob unter anderem die Forderung nach Psychotherapie auf Krankenschein für alle.

Seit einigen Jahren ist ganznormal.at zudem mit einer reichweitenstarken Werbelinie auf Plakaten, Infoscreens und in Anzeigen ebenso präsent wie in Arztpraxen und am Flughafen. Slogans wie "Depressionen kann ich mir nicht leisten", "Ängste kann ich mir nicht leisten" oder "Selbstzweifel kann ich mir nicht leisten" sprechen psychische Leiden ohne Umschweife an. Daneben greift der Verein regelmäßig aktuelle Entwicklungen auf, etwa die psychischen Folgen der Covid-19-Pandemie, Demenzvorsorge und -früherkennung für die Babyboomer-Generation oder Ängste und Selbstzweifel bei Jugendlichen.

Erfolge und offene Baustellen

Eröffnet wurde der Jubiläumsabend von Alexander Biach, Generaldirektor der SVS und stellvertretender Vorsitzender von ganznormal.at, der den Vereinsvorsitzenden Julian Jäger, Vorstand der Flughafen Wien AG, vertrat. Danach blickte Moderator Ralph Vallon, selbst Mitglied des Vereinsvorstands, im Gespräch mit Gründer Christian Deutsch auf die Entstehung der Plattform von der ersten Idee bis zur Umsetzung sowie auf die Anfangsjahre zurück. Im Anschluss hob Ursula Karnthaler, stellvertretende Leiterin der MA 15 (Gesundheitsdienst der Stadt Wien), hervor, wie viel ganznormal.at bereits zur nachhaltigen Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen beigetragen hat.

Den Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft spannte anschließend die Podiumsdiskussion unter dem Titel "Wenn das Denken in der Seele wehtut". Gemeinsam mit Alexander Biach diskutierten dort Christa Rados (Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie), Georg Psota (Psychiater, Leiter des Fachbeirats von ganznormal.at) und Sonja Ramskogler (Psychotherapeutin und Mitglied des Vereinsvorstands von ganznormal.at). Einig war man sich darin, dass die konsequente Präsenz auf allen Medienkanälen und bei Veranstaltungen samt begleitender Pressearbeit das Bewusstsein für psychische Gesundheit spürbar geschärft habe. Pro Jahr sei auf diese Weise Pro-Bono-Medienpräsenz im Wert von bis zu 350.000 Euro zusammengekommen. Auch aus Sicht der Sozialversicherung habe sich die Lage für Patient:innen verbessert, zudem sei die Psychotherapie auf Krankenschein inzwischen Realität.

Ganz reibungslos funktioniere der Zugang allerdings noch nicht. Die Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen am Podium kritisierten das aufwendige Bewilligungsverfahren und forderten einen einfachen, niederschwelligen Weg zur Therapie. Bei Jugendlichen reichten Therapiestunden allein außerdem nicht aus, hier brauche es auch die Unterstützung der Eltern. Schließlich dürften die Fortschritte bei der Behandlung von Depressionen, Ängsten und Selbstzweifeln nicht dazu führen, dass schwere psychische Erkrankungen wie Schizophrenie aus dem Blick geraten, denn auch ihnen gebühre besondere Aufmerksamkeit.

Ehrenvorsitz für den Gründer

Zum Abschluss des offiziellen Teils wurde Gründer Christian Deutsch für seine Verdienste um den Aufbau des Vereins zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Zudem nutzte Biach die Gelegenheit, sich bei den langjährigen Partnerunternehmen zu bedanken, ohne deren Unterstützung die Sensibilisierungsarbeit nicht möglich wäre. Am Leitgedanken des Vereins soll sich auch nach 15 Jahren nichts ändern – er lautet weiterhin "Reden wir darüber!"

Ausklingen ließen die Gäste den Abend bei einer Weinverkostung des Club Cuvée mit Weinen der Winzerhöfe Martin, Dockner, Rabl und Kerschbaumer. Gesehen wurden dabei unter anderem Johannes Wancata (Psychiater, MedUni Wien), Susanne Schicker (WSE), Jutta Bergler-Klein (Leiterin der Kardio-Onkologischen Ambulanz, MedUni Wien), Dieter Steup (Interessenvertreter 1. Bezirk, WKW), Roland Young (Berater), Peter Wehle (klinischer Psychologe, Vereinsvorstand ganznormal.at), Gerhard Klicka (IBG), Christian Moritz (Consultatio), Jürgen Colombini (Unique), Birgit Pointner (ORF), Annika Veith (Caritas Wien), Michael Pavusek (Younion), Petra Pinker (Lehrlingsexpertin), Loreta Pfeifer (Gesundheitsverbund), Irmtraud Rossgatterer (Bankerin), Raphaela Vallon-Sattler (Organisation, ganznormal.at), Andreas Walter (Psychiater), Caroline Krammer (AUVA), Stefan Höffinger (Unternehmensberater), Ivan Jukic (Gesamtleiter, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien) und Axel Moser (Geschäftsführer, Ärzteverlag).

LEADERSNET war bei der Veranstaltung. Einen Eindruck können Sie sich hier machen. 

www.ganznormal.at

www.vie-club-cuvee.at

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