Maranello setzt den "Luce" unter Strom
Erster Elektro-Ferrari will das Luxussegment revolutionieren

Maserati und Porsche haben vorgelegt, jetzt zieht Maranello nach. Mit dem Luce hat die Traditionsmarke ihr erstes vollelektrisches Modell präsentiert. Bei dem kühnen Fünfsitzer hatte Ex-Apple-Designer Jony Ive seine Finger im Spiel.

Ferrari schlägt ein neues Kapitel seiner Unternehmensgeschichte auf und präsentiert hat am Montagabend in Rom mit dem Luce sein erstes vollelektrisches Modell präsentiert. Das Fahrzeug verbindet lokal emissionsfreien Antrieb mit einer neuen, unkonventionellen Designsprache. Ob die Kund:innen des italienischen Sportwagenbauers für ein derart mutig gestaltetes, noch dazu rein elektrisch angetriebenes Auto bereit sind, wird sich in den Wochen nach der Markteinführung zeigen. Bei Konkurrenten wie Porsche oder Maserati kommen die E-Modelle weniger gut an als erhofft, Lamborghini hat seinen bereits fix angekündigten Stromer sogar wieder komplett über Bord geworfen.

Laut Ferrari-CEO Benedetto Vigna stellt ein Unternehmen seine Führungsstärke unter Beweis, wenn es den Mut hat, Neues zu wagen und sich den Herausforderungen neuer Technologien zu stellen. "Der Ferrari Luce ist das Ergebnis von mehr als 60 unserer neuen Patente und bildet das Herzstück eines Netzwerks aus Kooperationen mit herausragenden Technologiepartnern. Wir haben ein Auto geschaffen, das einzigartige Fahrerlebnisse mit außergewöhnlicher Leistung, Fahrspaß und Komfort für die Ferraristi von heute und morgen vereint", so Vigna.

Ferrari Luce© Ferrari

Kooperation außerhalb des eigenen Designstudios

Um die technologische Einzigartigkeit visuell zu unterstreichen, ging das Unternehmen beim Design neue Wege. Das Projekt wurde an das Kreativkollektiv LoveFrom übergeben, um eine innovative Erfahrung im Luxussektor einzubringen und neue Designsprachen anzuregen. Ferrari-Aufsichtsratsvorsitzender John Elkann kennt die LoveFrom-Mitbegründer, den Ex-Apple-Designer Jony Ive und Marc Newson, bereits länger. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit wird als eine interdisziplinäre, unkonventionelle Perspektive beschrieben.

Ferrari Luce© Ferrari

Technische Kennzahlen und Performance

Trotz des neuen Konzepts soll das Modell die gewohnte technische Exzellenz der Marke bieten. Angetrieben von vier Elektromotoren – einem an jedem Rad – liefert das Fahrzeug eine Gesamtleistung von 1.050 PS. Die Beschleunigung von null auf 100 km/h erfolgt in 2,5 Sekunden, die 200-km/h-Marke ist nach nur 6,8 Sekunden geknackt und die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 310 km/h. Wie bei allen E-Autos ist auch hier die Reichweite ein wichtiger Stammtischwert. Laut den Italienern soll der 2.260 Kilogramm schwere Wagen – ausgestattet mit einer 800-Volt-Architektur und einem 122-kWh-Batteriepack – 530 Kilometer (WLTP) weit kommen.

Ferrari Luce© Ferrari

Alltagstauglichkeit

Ferrari zufolge, richte sich der Luce an eine neue Art von Kund:innen und könnte für viele das erste Modell der Marke sein. Neben dem emissionsfreien Antrieb bietet der Wagen eine Cab-Forward-Architektur mit Platz für bis zu fünf Personen (es gibt auch eine Viersitzeroption) sowie einen geräumigen Kofferraum. Optisch fällt das Modell durch eine aerodynamische Linienführung, hinten angeschlagene Türen und eine fast vollständig in die Karosserie integrierte Fahrgastzelle auf. Bezüglich Alltagstauglichkeit soll er selbst den SUV-Coupé-artigen Purosangue in den Schatten stellen. Dank des Entfalls eines Mitteltunnels bietet der Innenraum für einen Ferrari außergewöhnlich viel Platz – auch im Fond, wo den Passagier:innen eigene Displays zur Verfügung stehen. Alle Sitze lassen sich individuell elektrisch verstellen, wobei die Vordersitze beheizbar und optional mit einer Massagefunktion ausgestattet sind.

Innovative Fahrzeugsteuerung und reduzierter CO₂-Fußabdruck

Technisch setzt Ferrari auf eine neue "Fahrzeugsteuereinheit" (VCU), die alle Systeme vernetzt und die Sollwerte den Angaben zufolge 200-mal pro Sekunde aktualisiert. Die vorderen Motoren leisten 210 kW an der Achse, die hinteren 620 kW. Das Gesamtdrehmoment beträgt 7.750 Nm an den Rädern. Ein sogenanntes E-Manettino am Lenkrad regelt Leistung, Traktion und Dynamik über die Modi "Range", "Tour" und "Performance". Zudem kommt erstmals ein separater, elastisch gelagerter Rahmen zur Vibrationsminimierung zum Einsatz. Zur Reduzierung der CO₂-Emissionen in der Produktionsphase um 70 Prozent trage die Verwendung von Sekundäraluminiumlegierungen bei, teilte Ferrari mit.

Um das für die Marke typische Klangerlebnis zu bewahren, erfasst ein Präzisionsbeschleunigungsmesser an der Hinterachse die Eigenfrequenzen der rotierenden Bauteile, die anschließend ausgeglichen und verstärkt werden. Für die Verzögerung sorgt eine Kombination aus regenerativen Bremsen und mechanischen Carbon-Keramik-Bremsen.

Ferrari Luce© Ferrari

Interieur zwischen analoger und digitaler Welt

Laut den Italienern verbindet das vom Kreativkollektiv gestaltete Interieur diverse Elemente aus der Automobil- und Luftfahrtindustrie. Auf der gläsernen Mittelkonsole, die wie Smartphone-Displays aus widerstandsfähigem Corning Gorilla Glass gefertigt ist, kommt eine "E-Ink"-Technologie zum Einsatz: Sobald der Schlüssel eingesteckt wird, überträgt sich das Gelb des Ferrari-Logos auf den Gangwahlhebel.  Gesteuert wird der Luce über ein rundes Dreispeichenlenkrad aus anodisiertem Aluminium und einem schlanken Lederkranz. Es ist auf wenige Bedienelemente reduziert: Die Blinkertasten befinden sich auf den vorderen Speichen, das Fernlicht auf der Rückseite. Seitlich angebrachte Satelliten steuern den Antrieb, die Assistenzsysteme (ADAS), die Wischer sowie die Fahrdynamik. Letztere wird (wie erwähnt) über das traditionell in Rot gehaltene E-Manettino samt separater Dämpfersteuerung geregelt.

Ferrari Luce© Ferrari

Da Jony Ive Kunststoff ablehnt, dominieren im Cockpit Glas, Leder und Aluminium. Das Instrumentenpanel besteht aus zwei hintereinanderliegenden OLED-Schirmen von Samsung in einem Aluminiumrahmen, die optisch an Smartphones erinnern. Drei einzeln gerahmte Rundinstrumente mit lupenartigen Deckgläsern sollen die visuelle Akkommodation erleichtern und dem Cockpit einen analogen Charakter verleihen. Dazu trage auch die physische Tachonadel bei, die über einen hinterleuchteten, verzahnten Außenkranz dezentral angetrieben wird. Die oben rechts auf dem zentralen Bildschirm via Kugelgelenk gelagerte Uhr dient zudem als Stoppuhr und Kompass. Ein neu entwickeltes Audiosystem mit 21 Lautsprechern und einer Leistung von 3.000 Watt rundet die Ausstattung ab.

Fazit

Mit dem Luce wagt Ferrari einen strategischen Kurswechsel, während Konkurrenten ihre Elektroauto-Ambitionen wegen schwacher Nachfrage zuletzt zurückschraubten, halten die Italiener an ihrem Fahrplan fest. Wer sich den Stromer in die Garage stellen will, sollte mindestens 550.000 Euro am Konto haben, die Auslieferung soll im vierten Quartal 2026 beginnen. Und für alle Petrolheads unter der solventen Ferrari-Kundschaft gibt es nach wie vor die restliche Modellpalette. Zwar werden auch die Verbrenner immer stärker elektrifiziert, aber das bringt im Alltag in Sachen Performance und Effizienz meist nur Vorteile.

www.ferrari.com

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