Universalmuseum Joanneum
Der Grazer Gehfotograf

| Gerhard Krispl / LEADERSNET-ART Herausgeber 
| 26.02.2026

Die Ausstellung im Museum für Geschichte zeigt seltene Grazer Gehfilm-Aufnahmen aus den Jahren 1929 bis 1932 als eine frühe Form der Straßenfotografie.

In größeren Städten und an touristisch frequentierten Orten begegnete man ab Ende der 1920er-Jahre den sogenannten Gehfilmern – Fotograf:innen, die Passant:innen auf der Straße in Sequenzen von meist drei Aufnahmen fotografierten und dabei Zufall, Spontanität und filmische Elemente kombinierten.

Diese wenig bekannte Form der Straßenfotografie steht im Mittelpunkt der Ausstellung im Museum für Geschichte, die seltene Gehfilm-Aufnahmen aus Graz aus den Jahren 1929 bis 1932 präsentiert. Die Bilder eröffnen Einblicke in den urbanen Alltag der Krisenjahre, zeigen die Vielfalt der Bevölkerung und laden die Besucher:innen dazu ein, über heutige Formen des Fotografierens im öffentlichen Raum nachzudenken.

Die Straße als Atelier

Gehfilmer waren Berufsfotograf:innen, die in den 1920er-Jahren auf die wachsende Popularität der Kinos reagierten und angesichts wirtschaftlicher und politischer Krisen sowie rückläufiger Studioaufträge neue Einnahmequellen suchten. Auf Plätzen, Geschäftsstraßen, Promenaden und Flaniermeilen fotografierten sie zufällig vorbeikommende Personen in drei kurz aufeinanderfolgenden Momentaufnahmen. Danach erhielten die Porträtierten eine Karte mit Bildnummer und dem Hinweis: "Sie sind gefilmt worden!" Die entwickelten Bildstreifen konnten wenige Tage später abgeholt oder zugesandt werden.

"Sie selbst nannten sich Gehfilmer, um sich aufzuwerten und sich auf eine Ebene mit dem populären Medium Film zu setzen – tatsächlich handelt es sich jedoch um eine fotografische Praxis. Für die Abgebildeten bedeutete jede Aufnahme zudem einen kurzen Moment des Ruhmes: für einen Augenblick waren sie selbst im Film", so die Kuratorin Mila Palm.

Charakteristisch für Gehfilm-Aufnahmen sind die meist vertikal angeordneten Einzelbilder mit sichtbarem Perforationsrand. Sie erzeugen den Eindruck einer Filmsequenz. Diese bewusste Anspielung auf das populäre Medium Film und der mit der Aufnahme einhergehende "Starmoment" waren ein zentrales Verkaufsargument der Gehfilmer:innen: Sie vermittelten den Porträtierten das Gefühl, selbst Teil einer Filmszene zu sein. Möglich wurden diese Bewegungssequenzen durch spezielle Kameras für serielle Aufnahmen, etwa die Debrié Sept, die zwischen 1922 und 1927 in Frankreich hergestellt wurde, oder die in Deutschland ab 1928 von Gerhard Steinborn patentierte AKICE – Steinborn's Geh-Film-Aufnahmen. Auch die Gehfilmer in Graz nutzten vergleichbare Apparate, dort erreichte diese Form der Straßenfotografie um 1930 ihren Höhepunkt.

GehfotografTypische Gehfilm-Aufnahmen bestehen aus aufeinanderfolgenden Bildsequenzen © Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Im Gegensatz zur sorgfältig inszenierten und von starren Posen geprägten Studiofotografie wirken Gehfilm-Aufnahmen unmittelbar und dynamisch. Sie verbinden Zufall und Spontanität mit fotografischer Präzision. Die Fotograf:innen achteten auf Schärfe, kleine Bewegungssprünge und darauf, dass die Porträtierten vollständig erfasst wurden. Die Reaktionen auf die Kamera – überrascht, zögernd, irritiert oder bewusst posierend – zeigen, wie Menschen auf diese neue Form der Straßenfotografie reagierten oder sie als Möglichkeit zur öffentlichen Selbstdarstellung nutzten.

Die Ausstellung "Der Grazer Gehfotograf" präsentiert rund 600 Gehfilm-Aufnahmen eines unbekannten Grazer Fotografen aus den Jahren 1929 bis 1932 aus der Sammlung der Kuratorin Mila Palm. Die gezeigten Bildstreifen sind eine Auswahl aus rund 1.200 Fotografien, die vermutlich nicht abgeholt wurden – singuläre Relikte einer Gesamtproduktion von wohl über 10.000 Aufnahmen. Dieser außergewöhnliche Bestand seltener Gehfilm-Aufnahmen ist eine einzigartige Quelle für ein fotografisches Phänomen, das in Österreich nur wenige Jahre praktiziert wurde.

In Format, Gestaltung und Bildausrichtung heben sich die Grazer Aufnahmen deutlich von gängigen Gehfilm-Bildern ab. Sie zeigen, dass der Fotograf über rein kommerzielle Zwecke hinausdachte: Vor seine Kamera traten nicht nur potenzielle zahlungskräftige Kund:innen, sondern auch Kinder und Arbeiter:innen. Auf diese Weise dokumentieren die Aufnahmen die Vielfalt der Stadt und geben einen bemerkenswerten Einblick in den urbanen Alltag dieser Krisenjahre in Graz. Sie zeigen flüchtige Begegnungen im öffentlichen Raum und markieren den Beginn einer Bildpraxis, die heute in Snapshots, Selfies, Street Photography und Paparazzi-Fotografie fortlebt.

Der einmalige Bestand an Grazer Gehfilm-Aufnahmen ist umfassend im Buch "Der Grazer Gehfotograf" (hrsg. von Mila Palm, Verlag Rorhof, 2023) dokumentiert.

Gehfotograf
Ausstellungsansicht "Der Grazer Gehfotograf" im Museum für Geschichte © Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Weitere Programmhighlights im Museum für Geschichte

Die im Dezember 2025 eröffnete Ausstellung Aufbruch! Steiermark – Kärnten wird 2026 von einem vielfältigen Rahmenprogramm begleitet: Vorträge und Führungen in Graz, Exkursionen entlang der Koralmbahn von April bis Oktober sowie eine fünfteilige Gesprächsreihe mit Wolfgang Schlag zu regionalen Zukunftsthemen im Herbst.

Weiter ergänzt wird das Programm durch eine Intervention zum Frauen*Monat über die Fotografin Terezija/Therese Mostler (05.03.–29.03.2026) und die nächste Ausstellung in der Hofgalerie Nach dem Krieg (19.06.2026–06.01.2027), die humanitäre Hilfe und Wiederaufbau in der Steiermark nach 1945 thematisiert.

Der Grazer Gehfotograf
Eine Stadt in Bewegung 1929–1932
Museum für Geschichte
bis 31. Mai 2026
Kuratiert von Mila Palm
www.museumfuergeschichte.at

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Herausgeber von LEADERSNET-ART ist Gerhard Krispl.

 

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