"Religious Ink"
In Dornbirn wurde zwischen den Kirchenbänken tätowiert

| Larissa Bilovits 
| 28.09.2026

Mit "Religious Ink" brachte die Pfarre St. Martin Körperkunst und Spiritualität unter ein gemeinsames Kirchendach. Besucher:innen konnten sich dabei ein dauerhaftes Glaubenszeichen stechen lassen.

Wer die katholische Kirche vor allem mit Weihrauch, Orgelklang und stillen Kirchenbänken verbindet, musste sich in Österreich zuletzt mehrmals neu orientieren. Erst brachte der international gefeierte Priester-DJ Padre Guilherme auf der Seebühne Mörbisch rund 5.000 Menschen zum Tanzen (LEADERSNET berichtete), nun wurde vergangenen Freitag in der Dornbirner Stadtpfarrkirche St. Martin tätowiert. Unter dem Titel "Religious Ink" konnten sich Interessierte auf Einladung der Pfarre St. Martin und der Jungen Kirche Vorarlberg direkt im Gotteshaus ein Motiv stechen lassen.

Vorträge, Gespräche und Tattoos im Kirchenschiff

Von 17:30 bis 22 Uhr drehte sich in St. Martin alles um die Verbindung von Körperkunst, Identität und Glauben. Den inhaltlichen Auftakt übernahmen die Kultur- und Sozialanthropologin sowie Tätowiererin Julia Pucher und der Theologie- und Geschichtsstudent Lukas Mattei. Im Anschluss stand eine Gesprächsrunde auf dem Programm, in der mehrere Gäste von ihren persönlichen Erfahrungen mit Tattoos und religiösen Symbolen erzählten. Laut den Veranstalter:innen sollte der Abend Vorbehalte gegenüber Tätowierungen abbauen und die persönlichen Geschichten hinter religiösen Motiven in den Vordergrund rücken. Mit im Boot war die Initiative "Denk Dich Neu", über die die katholische Kirche österreichweit junge Erwachsene gezielt abseits des klassischen Pfarrlebens ansprechen will.

Für das Highlight des Abends war schließlich der spanische Tattoo-Künstler Fernando Cardona zuständig. Er ist unter dem Namen "Ego Sum Lux Mundi" bekannt, übersetzt "Ich bin das Licht der Welt". Cardona pendelt zwischen Barcelona und London und ist regelmäßig für Gastspiele in anderen europäischen Städten unterwegs. In seinen Arbeiten treffen religiöse Ikonografie, Mythologie und mittelalterliche Kunst auf Einflüsse aus Popkultur und Gegenwart. Fünf Tattootermine bei ihm waren bereits im Vorfeld nach dem Prinzip "first come, first served" über die Website der Jungen Kirche Vorarlberg vergeben worden. Weitere Plätze wurden am Abend unter den anwesenden Besucher:innen verlost. Wie viele Tattoos letztlich insgesamt entstanden, ist nicht bekannt.

Pfarrer mit Glaubensbekenntnis auf dem Rücken

Dass ausgerechnet die Dornbirner Stadtpfarrkirche zum Schauplatz der Aktion wurde, kam nicht ganz von ungefähr. Stadtpfarrer Dominik Toplek ist selbst bekennender Tattoo-Fan und trägt sein persönliches Glaubensbekenntnis großflächig auf dem Rücken. Die von ihm selbst entworfene Komposition umfasst unter anderem den Namen Gottes in hebräischen Buchstaben, einen altgriechischen Verweis auf Jesus, Galaxien, die vier Elemente, die Erde, den vitruvianischen Menschen und den lateinischen Begriff "Anima" für Seele. Christliche Symbolik steht darin gleichberechtigt neben Motiven aus Naturphilosophie und Kunstgeschichte.

Auch mit "Religious Ink" selbst ist Toplek eng verbunden. Schon bei der ersten Ausgabe 2021, die damals im Pfarrzentrum Dornbirn-Rohrbach stattfand, war er Teil des Podiums. Im Mai 2022 folgte in Rankweil ein Gesprächsabend zum Thema, an dem er ebenfalls teilnahm. Nach dem Erfolg der Premiere wurde das Format heuer neu aufgelegt, dieses Mal mitten im Zentrum von Dornbirn und erstmals direkt in einem Kirchenraum.

Religiöse Tattoos sind keine moderne Erfindung

So überraschend der Anblick eines Tätowierers in einer Vorarlberger Pfarrkirche wirken mag, die Verbindung von Christentum und Tattoos reicht weit zurück. Wie Julia Pucher etwa gegenüber dem ORF Vorarlberg erklärte, waren Tätowierungen früher vor allem bei Pilger:innen verbreitet. Kreuze und andere Symbole erinnerten etwa an eine Reise ins Heilige Land und machten Glauben und Zugehörigkeit buchstäblich am Körper sichtbar.

Das Verhältnis zwischen Kirche und Körperkunst bezeichnet die Anthropologin dennoch als von jeher zwiespältig. In antiken Schriften sei für die Praxis lange der Begriff "Stigma" verwendet worden, der bis heute negativ besetzt ist. Im alten Griechenland und in Rom dienten Tätowierungen häufig als Straf- oder Zwangsmarkierung. Erst ab dem 18. Jahrhundert habe sich mit dem englischen Wort "tattoo" auch der Blick auf Tätowierungen als Kunstform durchgesetzt.

www.kath-kirche-dornbirn.at

www.junge-kirche-vorarlberg.at

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