Wenn Algorithmen Texte schreiben, Routen planen und womöglich bald über Leben und Tod im Straßenverkehr entscheiden, drängt sich eine Frage immer stärker auf: Wer steht im Ernstfall dafür gerade? Das Internationale Forum für Wirtschaftskommunikation (IFWK) versammelte dazu kürzlich eine Expertenrunde im Pressezentrum der Austria Presse Agentur (APA) in Wien. Auf Einladung von IFWK-Gründer Rudolf J. Melzer eröffnete die Philosophin und Buchautorin Lisz Hirn die Veranstaltung mit einem Impulsreferat. Danach diskutierte sie mit APA-Geschäftsführerin und Chefredakteurin Maria Scholl sowie mit Roland Fleischhacker, KI-Pionier und CEO der deepsearch GmbH. Durch das Gespräch führte Sheconomy-Mitgründerin Michaela Ernst.
Was KI ist und wer sie prägt
Mit dem Bild der KI als neutralem Werkzeug konnten gleich mehrere Diskutant:innen wenig anfangen. "KI ist kein Werkzeug wie ein Hammer oder ein Kugelschreiber, sie ist eine Stufe höher", sagte Hirn. Scholl gab zu bedenken, dass auch herkömmliche Werkzeuge nie neutral seien. Fleischhacker stellte wiederum das Wort "Intelligenz" infrage, vielmehr handle es sich bei KI um reine Statistik. Zudem kritisierte Scholl, wie ungenau oft über KI gesprochen wird. Unter dem Begriff würden sehr unterschiedliche Anwendungen zusammengefasst, und nur wenige Menschen verstünden tatsächlich, wie sie funktionieren.
Wie ein System antwortet, hängt laut Fleischhacker wesentlich von seinen Trainingsdaten ab. Ein Modell, das nur Rosamunde Pilcher gelesen hat, würde die Welt anders beschreiben als eines, das ausschließlich Perry Rhodan kennt. Welche Daten zum Einsatz kommen, entscheiden allerdings wenige große Technologieunternehmen. Scholl verwies dabei auf journalistische Texte, die ohne Erlaubnis für das Training von KI-Modellen verwendet worden seien. Selbst unter KI-Expert:innen ist deshalb vom "womöglich größten Diebstahl in der Geschichte der Menschheit" die Rede. Zugleich sieht Scholl in der Technologie große Chancen für die Verbreitung von Informationen.
Wenn aus Vorschlägen Entscheidungen werden
Für Fleischhacker beginnt eine neue Stufe der Verantwortung dort, wo KI nicht mehr bloß Vorschläge macht. Ein Navi überlasse dem Menschen die Wahl der Route. Ein System, das eigenständig ein übergeordnetes Ziel verfolgt, bekomme dagegen erheblich mehr Handlungsspielraum und setze dieses Ziel konsequenter um als jeder Mensch.
Wie schwierig eine solche Entscheidung werden kann, zeigte Hirn am Beispiel eines autonomen Fahrzeugs, das in einer Gefahrensituation zwischen zwei Menschen abwägen müsste. "Gerechtigkeit ist so nicht ausrechenbar", sagte sie. Selbst scheinbar klare Angaben über die Beteiligten könnten sich als unvollständig erweisen. Deshalb sei es wichtig, sich möglichst viele Handlungsoptionen offenzuhalten.
Wer für Schäden haftet
Was geschieht, wenn eine KI-Entscheidung Schaden anrichtet? Eigene Haftungsregeln für KI gibt es bislang nicht, erklärte Julian von Lenthe von der Kanzlei Lugger | Bankler. Stattdessen greifen teils 200 Jahre alte Rechtsgrundsätze, nach denen Geschädigte der Gegenseite rechtswidriges und schuldhaftes Handeln nachweisen müssen. Auf die Frage, wer bei KI-Anwendungen letztlich haftet, hatte von Lenthe eine knappe Antwort: "Das kann einer sein, es können alle sein oder niemand."
Fleischhacker rechnet vor allem durch die zunehmende Vernetzung der Systeme mit einem weiteren Entwicklungsschub. "Was wir heute sehen, ist nur ein Abklatsch von dem, was wir in fünf Jahren sehen werden." Hirn stellte die Debatte abschließend in einen historischen Rahmen. Ähnliche Ängste vor einer Technologie, die im Extremfall die Menschheit auslöschen könnte, habe es schon Mitte des 20. Jahrhunderts rund um die Atombombe gegeben. Wie damals gebe es auch heute "keine andere Wahl als damit zu leben", die ethischen Fragen würden dabei weiter an Bedeutung gewinnen. "KI überschreitet unsere Möglichkeiten. Wir müssen wissen, wie wir das in Schach halten können."
Austausch über das Podium hinaus
Im Publikum sowie beim anschließenden Networking mit Prickelndem der Sektkellerei Szigeti dabei waren unter anderem Beate Kniescheck (Cyberpsychologin und Inhaberin, aditorial Agentur für Kommunikation), Matthias Compes (Partner und Geschäftsführer, Translink Corporate Finance Austria), Thomas Gangl (Aufsichtsratsmitglied, Reploid Group AG; ehemaliger CEO von Borealis), Karl Koczurek (Landesdirektor Wien, ÖBV Österreichische Beamtenversicherung), Klaus Schmid (Geschäftsführer, Amberon Consulting), Robert Bodenstein (Unternehmensberater, InfoManagement Unternehmensberatung), Peter Szigeti (Geschäftsführer, Sektkellerei Szigeti), Georg Lemmerer (Senior Direktor und Bereichsleiter Private Banking Wien & Kitzbühel, Schelhammer Capital), Manfred Ofner (CIO, Prinzhorn Holding), Martha Salaquarda (Leiterin Marketing & Kommunikation, Verbund Energy4Business), Marte Fjelland (Head of Global Engineering, RHI Magnesita), Gerhard Wolf (Partner Audit und Head of People, KPMG Austria), Michael Sponring (Director und Territory Leader Energy, Utilities & Resources, PwC Österreich), Stefan Siegl (Geschäftsführer, Imavida) und Roman Kutter (Experte für Kreislaufwirtschaft, Imavida).
www.ifwk.net
Kommentar veröffentlichen