Analyse des OeNB-Gouverneurs
Martin Kocher sieht wachsenden Handlungsdruck für die EZB

| Tobias Seifried 
| 04.11.2026

Steigende Öl- und Gaspreise verschärfen laut dem OeNB-Gouverneur die Inflationsrisiken. In einer Analyse erläutert er die jüngste Zinspause und erklärt, weshalb die kommenden Wochen für den weiteren Kurs entscheidend werden.

Sollte sich die Lage nicht verbessern, könnte aus Sicht von Martin Kocher eine geldpolitische Reaktion notwendig werden. In seinem Blogbeitrag verweist der Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) auf gestiegene Energiepreise und höhere Renditen langfristiger Staatsanleihen. Deren Zusammenspiel stelle die Europäische Zentralbank (EZB) vor ein Spannungsfeld: Während teurere Energie die Inflation anheize, könnten verschärfte Finanzierungsbedingungen die Nachfrage bremsen.

Den Beschluss des EZB-Rats, die Leitzinsen im Oktober unverändert zu lassen (LEADERSNET berichtete), hält Kocher angesichts dieser gegenläufigen Effekte für angemessen. Zugleich warnt er: "Sollte sich die Situation in der nächsten Zeit nicht verbessern, deutet das geldpolitische Umfeld auf eine Reaktionsnotwendigkeit hin. Denn die Risiken für die Inflation haben eindeutig zugenommen."

Energiepreise über den Prognoseannahmen

Die September-Prognosen der EZB hätten auf Basis damaliger Markterwartungen einen allmählichen Rückgang der Energiepreise unterstellt, erläutert der Notenbank-Gouverneur. Wegen des anhaltenden Konflikts im Nahen und Mittleren Osten hätten sich Öl und Gas jedoch weiter verteuert. Die Preise lägen inzwischen über den Annahmen des Basisszenarios und teilweise sogar über jenen des ungünstigeren Alternativszenarios.

Das bedeute allerdings nicht, dass dieses Szenario insgesamt nun am wahrscheinlichsten sei, betont Kocher. Entscheidend sei vielmehr, wie lange die Energiepreise erhöht blieben und wie stark sich der Anstieg auf andere Waren und Dienstleistungen übertrage.

Für eine Verfestigung des Inflationsdrucks durch sogenannte Zweitrundeneffekte gebe es bislang keine eindeutigen Belege. Mit der Dauer des Konflikts wachse jedoch das Risiko, dass Unternehmen höhere Kosten weitergeben und Beschäftigte einen Ausgleich über die Löhne anstreben. "Die Geldpolitik kann den ursprünglichen Anstieg der Energiepreise nicht rückgängig machen. Sie muss und wird aber verhindern, dass sich der Energiepreisschock in den Preisen verfestigt."

Stabile Erwartungen sind keine Entwarnung

Als wichtigen Gradmesser nennt Kocher die Inflationserwartungen. Laut der jüngsten EZB-Umfrage seien die kurzfristigen Erwartungen der Konsument:innen gestiegen, während die längerfristigen weitgehend stabil geblieben seien. Finanzmarktindikatoren zeichneten ein ähnliches Bild.

Diese Stabilität sei positiv, rechtfertige aber keine Entwarnung. Würden sich höhere Inflationserwartungen verfestigen, könnten weitere Lohnforderungen und Preiserhöhungen folgen. Dadurch drohe eine länger erhöhte Inflation, die die Kaufkraft zusätzlich belaste.

Höhere Renditen wirken in beide Richtungen

Parallel hätten sich die Finanzierungsbedingungen verschärft. Als Gründe für höhere langfristige Staatsanleiherenditen nennt Kocher unter anderem Zins- und Inflationserwartungen, höhere Risikoprämien sowie den wachsenden Finanzierungsbedarf der Staaten. Auch große Technologieunternehmen trügen mit Anleiheemissionen zur Finanzierung ihrer KI-Investitionen zum steigenden Angebot bei.

Höhere Staatsanleiherenditen verteuerten wiederum die Finanzierung für Haushalte und Unternehmen. Das könne Wohnbau, Konsum und Investitionen bremsen und damit den Inflationsdruck mittelfristig verringern. Gleichzeitig könnten höhere Finanzierungskosten die Produktion verteuern und zusätzliche Preiserhöhungen auslösen.

Steigende Renditen seien deshalb nicht automatisch hilfreich für die Preisstabilität. Sie könnten die wirtschaftlichen Folgen des Energieschocks verstärken, ohne dessen preistreibende Wirkung verlässlich auszugleichen.

Einen möglichen Beitrag zur Entspannung sieht Kocher in einer glaubwürdigen, wachstumsfreundlichen Budgetkonsolidierung. Diese könnte die Nachfrage dämpfen, das Vertrauen in die Tragfähigkeit öffentlicher Schulden stärken und über sinkende Risikoprämien private Investitionen unterstützen.

Dezember-Prognosen sollen mehr Klarheit bringen

Für die EZB gelte es, die Risiken beider Handlungsrichtungen abzuwägen: Eine vorschnelle weitere Straffung könnte die Wirtschaft zusätzlich belasten, eine zu zurückhaltende Reaktion hingegen die Inflation verfestigen. Bereits in einer früheren Analyse hatte Kocher die Hintergründe der Zinsentscheidungen erläutert (LEADERSNET berichtete).

Die neuen Projektionen des Eurosystems im Dezember sollen nun eine aktualisierte Bewertung ermöglichen. Bis dahin würden insbesondere die Lohnentwicklung, die Preisentscheidungen der Unternehmen und die Auswirkungen höherer Finanzierungskosten wichtige Hinweise liefern.

Eine konkrete Zinsentscheidung nimmt Kocher in seinem Beitrag nicht vorweg. Seine Leitlinie formuliert er dennoch deutlich: "Aber weder vorschnelles Handeln noch untätiges Abwarten sichern Preisstabilität. Entscheidend ist, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu tun."

www.martin-kocher.com

www.oenb.at

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