LEADERSNET veröffentlicht regelmäßig Interviews, Porträts und Servicegeschichten von aehre. Dabei befasst sich das nachhaltige Businessmagazin stets mit einem der zentralen Themen der Gegenwart: Nachhaltigkeit, in all ihren Facetten von Environment über Social bis Governance, von Innovationen über Generationendiskurs bis zu Nachfolgethemen.
Nachdem es beim vergangenen Mal um Urlaub mit Sinn gegangen ist, geht es dieses Mal um neue Technologien. Viele Dinge, die heute selbstverständlich sind, wurden ursprünglich für und nicht selten von Menschen mit Behinderungen entwickelt. aehre präsentiert fünf aktuelle Innovationen, die bald unser aller Leben erleichtern könnten.
Text: Friedrich Ruhm Perdomo
Kennen Sie den Curb-Cut-Effekt? Er beschreibt das Phänomen, dass Erfindungen, die für Menschen mit Behinderungen gedacht wurden, oft zum Standard für alle werden. Benannt ist er nach den Bordsteinabsenkungen (englisch: curb cuts), die für Menschen im Rollstuhl entwickelt wurden und heute auch Eltern mit Kinderwagen oder Reisenden mit Koffern zugutekommen. Weitere Beispiele für den Curb-Cut-Effekt sind automatische Türen, elektrische Zahnbürsten oder auch Hörbücher, SMS und Spracherkennung.
»Zero steht für null Barrieren und Project dafür, dass wir dieses Ziel bis zu seiner Erreichung verfolgen wollen.« Martin Essl hat das Zero Project initiiert
Aktuell sind es vor allem digitale Technologien und künstliche Intelligenz, die Lösungen zur Überwindung bestimmter Barrieren entwickeln und sich bald für alle Menschen als nützlich erweisen. Eine Organisation, die sich der Suche nach solchen inklusiven Innovationen verschrieben hat, ist Zero Project.
75 Innovationen zum Thema Inklusion wurden in diesem Jahr bei der Zero Project Conference in Wien mit einem Award ausgezeichnet.
Jedes Jahr ruft sie dazu auf, inklusive Innovationen zu nominieren. Die besten Projekte werden mit einem Zero Project Award ausgezeichnet. Darunter waren in diesem Jahr auch folgende Projekte, die sehr gut möglich in Kürze für Menschen mit und ohne Behinderungen so alltäglich sein könnten, wie eben die oben erwähnten.
Sehen lassen per Zuruf
Ziemlich sicher gehört Be My Eyes (bemyeyes.com/de) dazu. Dabei handelt es sich um eine App, die Menschen mit Sehbehinderungen mit sehenden Freiwilligen verbindet. Per Live-Video beschreiben diese, was die Kamera zeigt: das Haltbarkeitsdatum auf der Milchpackung, die richtige U-Bahn oder die Farbe eines Pullovers. Zudem können Nutzer:innen auch Bilder hochladen, zu der eine KI Fragen beantwortet. Gegründet wurde Be My Eyes 2015 vom dänischen Unternehmer Hans Jørgen Wiberg, der selbst eine Sehbehinderung hat. Mittlerweile sind bereits mehr als eine Million Menschen mit Sehbehinderungen mit einem Netzwerk von über zehn Millionen Freiwilligen verbunden.
Be My Eyes. Die App verbindet Menschen mit Sehbehinderungen mit sehenden Freiwilligen und funktioniert mithilfe von KI wie ein zweites Auge © Be My Eyes
Maßgeblich für dieses rasante Wachstum ist, dass Be My Eyes seit Ende 2024 auch auf den Meta-AI-Glasses verfügbar ist. Ein kurzer Fingertipp oder Sprachbefehl genügt, um über die smarte Brille einen Livestream zu starten. Der große Vorteil dabei: Die Hände bleiben frei. Schon jetzt nutzen daher auch Menschen ohne Sehbehinderung die Brille als "zweites Auge" – etwa auf Reisen, zur Orientierung oder für Übersetzungen.
Wearables. Der Facebook-Gründer ist überzeugt, dass smarte Brillen dabei unterstützen, Barrieren im Alltag zu überwinden. © Meta Illustration: iStock Photo
In Europa ist die Metabrille erhältlich, allerdings mit Einschränkungen. Nicht alle Funktionen sind aufgrund unterschiedlicher Datenschutz- und Regulierungsvorgaben in jedem Land vollständig freigeschaltet. Be My Eyes ist jedoch global verfügbar und kostenlos nutzbar.
Anpassen statt ersetzen
Der Weg zum "Welterfolg" scheint auch für ReBokeh (rebokeh.com) nur eine Frage der Zeit, denn die App verwandelt die Kamera des Smartphones in einen Live-Bildschirm.
ReBokeh. Die App verwandelt das Smartphone in einen Livebildschirm und hilft, Kontraste, Farben und Details besser zu erkennen © ReBokeh
Mithilfe von ReBokeh lassen sich Kontrast, Helligkeit, Farben und Schärfe anpassen. Im Unterschied zu klassischen Foto-Apps geschieht das aber nicht im Nachhinein, sondern in Echtzeit. Details, die sonst verschwimmen oder untergehen würden, werden sofort erkennbar. KI-Funktionen wie Texterkennung oder Szenenbeschreibung ergänzen diese Funktion. Neben der Nutzung im Alltag kommt ReBokeh zunehmend auch in öffentlichen Räumen zum Einsatz: In Museen oder auf Flughäfen können über Geofencing zusätzliche Funktionen und Inhalte freigeschaltet werden. Entwickelt wurde ReBokeh von Rebecca Rosenberg, der Gründerin von ReBokeh Vision Technologies mit Sitz in Towson im US-Bundesstaat Maryland. Sie lebt aufgrund von Albinismus mit einer Sehbehinderung, ist jedoch nicht blind. Statt üblicher Hilfsmittel, die das Sehen ersetzen, suchte sie nach einer anderen Lösung, um ihr vorhandenes Sehvermögen besser zu nutzen: "Es gab einfach nichts, was für mich funktioniert hat, also habe ich angefangen, selbst etwas zu bauen."
16 Prozent der Weltbevölkerung leben laut WHO mit einer Behinderung. Das sind rund 1,3 Milliarden Menschen. Hinzu kommt: Jede:r kann im Laufe des Lebens in Situationen geraten, die Barrieren schaffen – durch eine Erkrankung, einen Unfall, im Alter oder auch mit einem Kinderwagen, der plötzlich dieselben Hindernisse sichtbar macht wie ein Rollstuhl.
Wie Rosenberg leben weltweit rund 250 Millionen Menschen mit "Low Vision" – im Vergleich zu etwa 39 Millionen Menschen, die blind sind. Und auch ohne Sehbehinderung gibt es viele Situationen, in denen eine visuelle Unterstützung hilfreich ist – bei schlechten Lichtverhältnissen oder wenn man aus der Distanz Details erkennen möchte. Seit 2022 kann ReBokeh über den App Store von Apple geladen werden, eine Android-Version ist in Entwicklung. Die Grundversion ist kostenlos, zusätzliche Funktionen stehen über Premium-Modelle oder Partnerschaften zur Verfügung.
Die ganze Welt per Sprache
Auch EMVI (emvi.ai) wurde entwickelt, um Menschen mit Low Vision im Alltag zu unterstützen. Die App erkennt Texte, Objekte und Farben, scannt QR- und Barcodes, beschreibt Szenen und hilft, sich zu orientieren – alles mit einer sprachgesteuerten Oberfläche. Nutzer:innen richten die Kamera auf ihre Umgebung, stellen eine Frage und erhalten sofort eine Antwort per Audio.
EMVI. Die App bündelt verschiedene Funktionen und nutzt Sprache als zentrale Schnittstelle. © EMVI
So kann die App etwa Hinweise geben, wo sich ein Ausgang befindet oder ob in einem Saal ein Platz frei ist. EMVI versucht dabei, den Kontext mitzudenken. Das heißt, die App passt die Beschreibungen an die Situation an und kann mithilfe von KI das, was sie sieht, interpretieren – sogar Gesichtsausdrücke. "Wir wollten nicht nur eine App entwickeln, sondern eine neue Art der Smartphone-Nutzung ermöglichen", erklärt Henri De Vroey, Mitgründer und CEO des Start-ups aus Brügge.
Und tatsächlich verändert EMVI, indem sie Funktionen bündelt, die bisher auf mehrere Apps verteilt waren, die Art, wie wir Smartphones nutzen: weg von einzelnen Anwendungen, hin zu einer dialogbasierten Interaktion, bei der Sprache zur zentralen Schnittstelle wird. Davon profitieren auch Menschen ohne Sehbehinderung, die beispielsweise unterwegs Informationen rasch erfassen, Texte zusammenfassen oder sich orientieren wollen. Kein Wunder also, dass sich die App seit dem Start 2024 rasch verbreitet. Inzwischen ist EMVI in 37 Sprachen verfügbar und wird, so De Vroey, täglich mehrere Hundert Mal heruntergeladen.
Geräusche sichtbar machen
Für Menschen mit Hörbehinderungen hat Taptic (tapticapp.com) aus Westfield im US-Bundesstaat Indiana eine App entwickelt, die Geräusche erkennt und in Echtzeit in Vibrations-, Licht- oder Bildschirmhinweise übersetzt.
Warnung. Taptic wurde nach einem Hausbrand entwickelt, bei dem eine gehörlose Frau ums Leben kam. © Illustration: iStock Photo
Dazu erfasst und verarbeitet die Anwendung kontinuierlich Umgebungsgeräusche und wandelt sie in ein Spektrogramm um, das von einem maschinellen Lernmodell analysiert wird. Taptic funktioniert ohne Internet und ohne zusätzliche Hardware. Über Bluetooth können jedoch externe Geräte wie Wearables oder auch intelligente Leuchten verbunden werden. Für Nutzer:innen wird Taptic damit zu einer Art zusätzlichem Sinn. Das macht die App auch für Menschen ohne Hörbehinderungen interessant, etwa in lauten Umgebungen oder nachts. Taptic wurde im April 2024 im App Store veröffentlicht und ist seit Juli 2025 auch für Android verfügbar.
Taptic. Die App erkennt Geräusche und übersetzt sie in Licht-, Vibrationsoder Bildschirmhinweise – in Echtzeit und ohne zusätzliche Hardware. © Taptic
Die zehn häufigsten Warnfunktionen sind kostenlos. In der Premium-Version verfügt die App zudem über eine Echtzeit-Transkription von Sprache sowie Text-to-Speech.
Der Cursor folgt dem Blick
Ein leichtes Nicken und der Pfeil auf dem Bildschirm bewegt sich, ein Blinzeln, klick … SensePilot (sensepilot.tech) ermöglicht es Nutzer:innen, Computer und Videospiele allein über Kopfbewegungen und Mimik zu steuern. Mithilfe von KI nutzt die Software jede handelsübliche Webcam, um Bewegungen und Gesten wie Blinzeln, Lächeln oder das Anheben der Augenbrauen in Steuerbefehle zu übersetzen. Da nicht jede Bewegung oder Geste für jeden Menschen gleich möglich ist, lässt sich die Anwendung individuell anpassen. Das macht SensePilot insbesondere für Menschen mit unterschiedlichen Bewegungseinschränkungen interessant.
SensePilot. Die Software ermöglicht es, Computer und Games über Kopfbewegungen und Mimik zu steuern – mithilfe von KI und einer gewöhnlichen Webcam © SensePilot
Entwickelt wurde SensePilot von einem Start-up mit Sitz in Vilnius (Litauen) zunächst als Prototyp im Rahmen eines Hackathons. Der offizielle Launch erfolgte im Jahr 2025. Aktuell wird die Lösung als Abo angeboten, alternativ ist auch ein einmaliger Kauf möglich. Noch ist die Verbreitung überschaubar, die Einsatzmöglichkeiten jedoch vielfältig. Gut möglich also, dass ihr Gegenüber im
Café oder im Zug demnächst durch Internetseiten scrollt, ein Online-Game spielt oder eine E-Mail beantwortet – und das lediglich mit einem Nicken oder einem Lächeln.
Mehr zum Thema Nachhaltigkeit finden Sie im nachhaltigen Businessmagazin aehre auf www.aehre.media und in der neuen Ausgabe, die am Kiosk oder auch online erhältlich ist.
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