Im Rahmen des neuen "Schiefer Talks" drehte sich alles um das Thema "Life Sciences – Health Innovations-Hub Austria". Dazu sprach Paul Leitenmüller (CEO, Opinion Leaders Network) mit seinen Gästen Andreas Köttl (Präsident VÖPE & ÖGNI), Barbara Sladek (Gründerin & CEO myBioma), Pavol Dobrocky (Country Managing Director Boehringer Ingelheim) und Martin Schiefer (CEO Schiefer Rechtsanwälte). Letzterer fungierte gleichzeitig als Gastgeber in seiner Kanzlei am Wiener Rooseveltplatz.
Warum eine ganze Branche zum Standortfaktor wird
Hinter dem Begriff "Life Sciences" verbirgt sich alles, was rund um Gesundheit geforscht, entwickelt und produziert wird – von der Grundlagenforschung über die Diagnostik bis zur Pharmaproduktion. Die Frage, die über dem Round Table stand, war eine wirtschaftliche: Kann eine Branche wie diese die Jobs und den Wohlstand der Zukunft in Österreich absichern? Dass es dabei um weit mehr als um einzelne Betriebsansiedlungen geht, rechnete Pavol Dobrocky vor: "Life Sciences sind die Industrie der Zukunft, weil wir neue Medikamente und medizinische Verfahren brauchen, die uns dabei helfen, länger gesund zu bleiben. Studien zeigen, dass jeder Euro, der in Life Sciences investiert wird, fünf bis sechs Euro an die Gesellschaft zurückgibt." Dazu kämen Arbeitsplätze für hochqualifizierte Menschen, die damit im Land gehalten werden könnten.
Barbara Sladek kam aus der Perspektive einer Gründerin zum selben Schluss, hob aber einen anderen Aspekt hervor: "Als Start-up ist das für mich der 'European Dream' oder auch der 'Austrian Dream', weil hier Wertschöpfung und Nachhaltigkeit entstehen. Life Sciences sind außerdem sehr resilient und widerstandsfähig gegenüber unterschiedlichen Krisen."
Geforscht und produziert wird allerdings nicht einfach an beliebigen Orten, sondern in Gebäuden, die genau darauf zugeschnitten sein müssen. Für die Immobilienbranche entsteht damit eine eigene Assetklasse, die nach anderen Regeln funktioniert als ein Bürohaus. Andreas Köttl, der zuvor studentisches Wohnen und Datencenter entwickelt hat, sieht darin den logischen nächsten Schritt. "Das ist eine betriebene Immobilie mit großem Potenzial. Ein guter Betreiber liefert dem Entwickler gewissermaßen das Kochrezept dafür, was gebaut werden muss. Passiert dabei ein Fehler, stimmen am Ende weder die Miete noch das Produkt."
Zu wenig Risikokapital und ein übermächtiger US-Markt
Ehe Projekte umgesetzt werden können, braucht es selbstverständlich aber Kapital, und spätestens dort wird es für heimische Unternehmen unangenehm. "Life-Science-Start-ups brauchen viel Geld. Zum Glück ist die Förderlandschaft in Österreich sehr gut", meinte Sladek. Ab einem bestimmten Punkt ende diese Unterstützung jedoch, und geeignete Investor:innen seien in Österreich wie auch in Europa nur schwer zu finden. Ihr Unternehmen expandiert deshalb in die USA, auch um dort Kapitalgeber:innen zu erreichen. Ihr Appell an Politik und Gesellschaft fiel entsprechend klar aus: "Ich würde mir wünschen, dass Risikokapital in Österreich ein Schlagwort wird, das leichter von der Zunge geht."
Dass dieser Sog nach Übersee kein rein österreichisches Phänomen ist, ordnete Dobrocky im globalen Wettbewerb ein. "Die USA machen 50 Prozent des Weltmarktes aus. Gleichzeitig sehen wir, dass Europa in den vergangenen 30 bis 40 Jahren stark an Wettbewerbsfähigkeit verloren hat. Entscheidend ist, dass der europäische Markt Innovationen aus Europa entsprechend honoriert." Bleibe diese Bewertung aus, folgten den abwandernden Märkten über kurz oder lang auch die Investitionen.
Köttl hält die Voraussetzungen hierzulande trotzdem für gegeben, solange die Rahmenbedingungen stabil bleiben und klare Signale aus der Politik kommen. Diese ortete er derzeit sowohl auf kommunaler als auch auf Bundesebene: "Wir sind überzeugt, dass Österreich hervorragende Voraussetzungen bietet, um auch im Bereich Life Sciences die Fahne hochzuhalten und hier einen starken Pflock in Europa einzuschlagen."
Vergaberecht als Hebel für den Standort
Ein Hebel dafür liege längst bereit, werde aber kaum genutzt: das Vergaberecht. "Alles, was die öffentliche Hand einkauft – vom Eurofighter bis zum Klopapier –, läuft hoffentlich über unsere Hände", umriss Martin Schiefer sein Betätigungsfeld. Auch dort müsse man neue Wege gehen und private mit öffentlichen Interessen verbinden, weil die Haushalte derzeit sehr angespannt seien. Mit der erstmals vorliegenden österreichischen Industriestrategie und Initiativen wie "Made in Europe" ließen sich Unternehmen, die für Wertschöpfung, Innovation und einen starken Forschungsstandort sorgen, in Vergabeverfahren gezielt bevorzugen, ganz ohne zusätzliche Förderungen. "Der klassische Zuschlag an das billigste Angebot hat aus unserer Sicht ausgedient", stellte er fest, denn die Umwegrentabilität eines Werks am Standort sei um ein Vielfaches höher als der reine Produktpreis. Dass Europa sich mit Regulierung selbst im Weg steht, wollte Schiefer trotzdem nicht pauschal stehen lassen: "Wir haben uns in den vergangenen fünf bis zehn Jahren völlig verkokelt, wie man auf Österreichisch sagt. Regulierung grundsätzlich ja, aber mit Augenmaß und Vernunft."
Wo öffentliche Hand und Private ohnehin zusammenkommen müssen, führt für Köttl kein Weg an kooperativen Modellen vorbei, wie sie etwa beim Wiener "Viertel Zwei" (LEADERSNET berichtete u.a. hier) zur Anwendung kamen. "Das funktioniert nicht im stillen Kämmerchen. Ich würde mir wünschen, dass es solche Modelle auch im Bereich Life Sciences gibt – dass man gemeinsam arbeitet und die jeweiligen Strategien aufeinander abstimmt."
Warum Österreich auf "Brainpower" setzen sollte
Am Ende zeigten sich alle Beteiligten zuversichtlich, formulierten zugleich aber auch einen klaren Handlungsauftrag. "Es gibt große Hoffnung auf neue Medikamente, die Leben retten oder verlängern können. Wir müssen uns aber überlegen, wie wir dafür sorgen, dass es in Europa mehr Unternehmen gibt, die im Bereich Life Sciences forschen und arbeiten", so Dobrocky.
Gastgeber Schiefer verband seinen Ausblick schließlich mit dem Kanzlei-Claim "Denken neu": "Wir sind ein Land mit wenigen Rohstoffen, aber sehr viel Brainpower. Wenn wir diese Stärke mit den Vorzügen des Standorts verbinden – und dazu noch die lebenswerteste Stadt der Welt bieten –, dann machen wir vieles richtig."
Was Andreas Köttl, Barbara Sladek, Pavol Dobrocky und Martin Schiefer zum Thema "Life Sciences – Health Innovations-Hub Austria" sonst noch sagen, sehen Sie im LEADERSNET.tv-Video.
Fotos vom Dreh sehen Sie in unserer Galerie.
www.schiefer.at
www.voepe.at
www.ogni.at
www.mybioma.com
www.boehringer-ingelheim.com
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