LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Harasek, 2025 wurden beim Österreichischen Patentamt 2.272 Erfindungen angemeldet, gleichzeitig liegt Österreich bei internationalen Innovationsvergleichen oft nur im europäischen Mittelfeld. Ist Österreich tatsächlich weniger erfinderisch, als wir glauben – oder sind wir einfach schlecht darin, aus guten Ideen große Geschäfte zu machen?
Stefan Harasek: Den Österreicher:innen mangelt es nicht an Erfindergeist – ganz im Gegenteil. Das belegen auch internationale Rankings: Im aktuellen European Innovation Scoreboard der EU-Kommission liegen wir auf Platz acht in der EU, also im oberen Drittel. Und in der Kategorie "Intellectual Assets", wo unter anderem die Patentanmeldungen pro Kopf gezählt werden, liegen wir mit Platz zwei sogar im Spitzenfeld.
Österreich ist also alles andere als ideenarm, schwächelt aber zum Teil bei der Verwertung. Im Innovation Scoreboard schneiden wir weniger gut ab bei Umsätzen mit innovativen Produkten oder der Anzahl der Unternehmen mit Produkt- und Dienstleistungsinnovationen. Der größte Hemmschuh für unsere Innovationslandschaft ist die Verfügbarkeit von Risikokapital – und das braucht es, um aus guten Ideen große Geschäfte zu machen. Auch unser Jahresschwerpunkt 2026 schlägt in diese Kerbe: Wir legen den Fokus auf Start-ups und KMU – und wie wir die Bedingungen für sie weiter verbessern können.
LEADERSNET: Sie haben 2004 selbst als Patentprüfer im Patentamt begonnen und kennen damit nicht nur die politische und strategische, sondern auch die technische Seite des Hauses. Was unterscheidet einen durchschnittlichen Einfall von einer wirklich außergewöhnlichen Erfindung? Und gibt es ein Patent, das Ihnen bis heute besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Harasek: Technisch lässt sich meist leichter objektivieren, ob eine Erfindung "etwas ist", im Sinne von Patentierbarkeit. Aber ob sie in einem konkreten Produkt am Markt erfolgreich sein wird, lässt sich im Vorhinein schwer abschätzen. Da spielt so viel mit hinein – von der konkreten technischen Umsetzung im Produkt über das Design bis zum Marketing. Und manchmal adressiert ein Produkt Bedürfnisse, die davor niemand auf dem Schirm hatte, und wird plötzlich zum Riesenerfolg.
Ein:e Patentprüfer:in stellt im Grunde eine einzige Frage: Hätte eine durchschnittliche Fachperson auf diesem Gebiet die Lösung mit dem vorhandenen Wissen ohnehin gefunden? Wenn ja, ist es ein Einfall. Wenn nein, ist es eine Erfindung. Rund die Hälfte der Anmeldungen, die bei uns eingehen, führt am Ende zu einer Erteilung. Die andere Hälfte scheitert an dieser Überprüfung.
Für mich sind die beeindruckendsten Erfindungen die, bei denen auf ein technisches Problem Lösungsansätze aus ganz anderen Gebieten angewendet werden. Ein klassisches Beispiel dazu ist der Klettverschluss: Der Ingenieur George de Mestral ging oft mit seinem Hund im Wald spazieren. Und die Kletten, die sich immer in dessen Fell festhakten, inspirierten ihn dazu, einen Verschluss nach dem gleichen Prinzip zu entwickeln.
LEADERSNET: So neu das damals war, kann KI heute Texte schreiben, Bilder erzeugen, Code programmieren und technische Lösungen vorschlagen. Sie haben betont, dass geniale Ideen dem Menschen vorbehalten bleiben. Wo würden Sie die Grenze ziehen: Ab wann ist eine KI nicht mehr bloß Werkzeug, sondern tatsächlich Mit-Erfinderin?
Harasek: Rechtlich ist die Sache klar: Erfinder:in kann nur eine natürliche Person sein, also ein Mensch aus Fleisch und Blut. Das haben verschiedene Höchstgerichte schon mehrfach so entschieden. Ich halte das auch für richtig so: KI in ihrer heutigen Form ist eher epigonal, also nachahmend. Sie führt das weiter, worauf wir Menschen sie trainiert haben. Damit ist KI ein enorm nützliches Werkzeug, auch im Innovationsbereich, und ich will das gar nicht kleinreden. Aber der Sprung, von dem ich vorhin gesprochen habe – das wahrhaft Kreative und Schöpferische, zum Beispiel dieser Transfer von Lösungsansätzen aus einem ganz anderen Gebiet – kommt immer noch vom Menschen.
LEADERSNET: Patentämter stehen damit vor einer ziemlich grundsätzlichen Frage: Wenn eine KI eine technische Lösung entwickelt, die neu, erfinderisch und wirtschaftlich verwertbar ist – wem gehört diese Erfindung? Dem Unternehmen, das die KI besitzt? Dem Menschen, der den Prompt eingegeben hat? Oder müsste unser Patentrecht völlig neu gedacht werden?
Harasek: Ich denke, hier muss man zwei Fragen sauber trennen: Wer hat's erfunden – und wem gehört die Erfindung in rechtlicher und wirtschaftlicher Hinsicht? Erfinder:innen können nur natürliche Personen sein und die Erfindung muss kausal auf sie zurückgehen. Das wird im skizzierten Beispiel am ehesten auf die zutreffen, die das Prompting gemacht haben. Wenn diese Personen in einer Firma arbeiten und in einem dienstlichen Zusammenhang tätig waren – und etwa ein KI-Tool des Unternehmens für ihre berufliche Tätigkeit genutzt haben – dann könnte die Erfindung eine sogenannte Diensterfindung sein und das Unternehmen kann in der Regel ein Aufgriffsrecht an der Erfindung geltend machen.
Im Großen und Ganzen sehe ich hier keinen Anlass, das Patentrecht völlig neu zu denken. Mein praktischer Rat an Unternehmen ist entsprechend unspektakulär: Führen Sie Aufzeichnungen darüber, wer welchen Beitrag geleistet hat. Wer das erst nachträglich rekonstruieren muss, tut sich da schwerer – und zwar völlig unabhängig davon, ob eine KI beteiligt war.
LEADERSNET: Ein Patent schafft für eine gewisse Zeit ein Monopol auf eine technische Erfindung. Das soll Innovation fördern, kann aber auch dazu führen, dass Wissen abgeschottet wird. Wie findet man die richtige Balance zwischen dem berechtigten Schutz der Erfinder:innen und dem Interesse der Gesellschaft, dass auf einer Idee weitergebaut werden kann?
Harasek: Das Geniale am Patentwesen ist, dass es die Verfügbarkeit von Wissen überhaupt erst sicherstellt. Alle erteilten Patente müssen veröffentlicht werden – im Tausch für ein Exklusivrecht auf die wirtschaftliche Verwertung für eine Dauer von 20 Jahren. Damit kann man für weitere Forschung und Entwicklung auf diesem Wissen aufbauen. Und nach Ablauf der Schutzdauer wird die Erfindung gemeinfrei, steht also der Allgemeinheit auch zur wirtschaftlichen Nutzung frei zur Verfügung.
Ohne Patente müsste man alles möglichst geheim halten, um sicherzugehen, dass nicht andere den Nutzen aus der eigenen Forschung und Entwicklung ziehen. Die Folge wäre ein gewaltiges Informationsdefizit über den tatsächlichen Entwicklungsstand im jeweiligen Gebiet – und in der Folge sehr viel parallele Arbeit an sehr ähnlichen Dingen. Das wäre schrecklich ineffizient und würde den Fortschritt ausbremsen, weil man ständig das Rad neu erfinden muss.
Man sieht am besten, was das wert ist, wenn man sich anschaut, wie es ohne läuft. Der Geigenbauer Antonio Stradivari hat sein Verfahren nie offengelegt. Sein Wissensvorsprung war zu Lebzeiten sein Vermögen – aber nach seinem Tod war dieses Wissen weg. Es gibt dazu keine schriftliche Dokumentation. Das ist der Preis der Geheimhaltung und bezahlt wird er von der Allgemeinheit.
LEADERSNET: Reicht in diesem Zusammenhang mehr Geld für Forschung? Brauchen wir mehr technische Bildung, mehr Risikokapital und eine andere Fehlerkultur? Oder fehlt es uns vor allem an etwas, das sich nicht budgetieren lässt: der Lust, eine vermeintlich verrückte Idee überhaupt auszuprobieren?
Harasek: Mehr Geld aus öffentlicher Hand allein kann nicht die Antwort sein: Bei den Forschungsausgaben liegt Österreich europaweit im Spitzenfeld. Ja, wir brauchen mehr technische Bildung und mehr Risikokapital. Vor allem aber brauchen wir mehr Risikobereitschaft und mehr Willen, Ideen tatsächlich umzusetzen. Bei fast jeder Erfindung gibt es am Anfang Leute, die sie für blöd oder unnötig halten. Was zählt, ist die Bereitschaft, trotzdem weiterzumachen. Und die lässt sich nicht budgetieren.
Man kann dieser Bereitschaft aber den Weg bereiten, so wie das die neue Industriestrategie Österreich 2035 macht, die auf Stärken fokussiert, statt alles ein bisschen zu fördern. Und durch ein Umfeld, in dem ein gescheiterter Versuch kein Makel im Lebenslauf ist, sondern wichtige Lebenserfahrung. Ein Land, dem es so gut geht wie uns, muss sich vor Bequemlichkeit hüten und sich Innovation bewusst auf die Fahnen heften.
LEADERSNET: Was müsste sich daher in Österreich verändern, damit diese Erfindung tatsächlich hier entsteht – und nicht zwar von einem österreichischen Kopf erdacht, aber am Ende in Kalifornien, China oder anderswo entwickelt und vermarktet wird?
Harasek: Das Entstehen der Erfindungen ist, wie gesagt, nicht unser Problem. Unsere Schwachstelle ist die wirtschaftliche Verwertung – und während die Gründungsphase oft noch ganz gut funktioniert, gelingt die Skalierung im Markt zu selten. Dafür fehlt das Kapital. Und wenn das Umfeld für die Skalierung fehlt, dann führt das eben häufig dazu, dass Gründer:innen lieber aussteigen und ihr Unternehmen verkaufen. In die USA, nach China oder sonst wohin. Eine Zahl veranschaulicht dieses Problem besonders deutlich: Über 80 Prozent des Wagniskapitals, das europäische Unternehmen investieren, fließt in Unternehmen in den USA.
Risikokapital bereitstellen können wir als Patentamt nicht, das ist nicht unsere Aufgabe. Was wir können: dafür sorgen, dass ein Unternehmen mit einem belastbaren Schutzrecht in ein Investorengespräch geht. Ein geprüftes Patent ist für eine:n Investor:in ein gutes Argument. Eine ungeschützte Idee ist ein Risiko. Wir beobachten auch, dass international – aber langsam auch in Europa – die IP-basierte Finanzierung an Bedeutung gewinnt: In einigen Ländern wird geistiges Eigentum bereits verstärkt als Kreditsicherheit oder Bewertungsgrundlage genutzt, um Kapital aufzunehmen – das Patent wird dort direkt zum wirtschaftlichen Hebel für die Unternehmensfinanzierung.
Das Problem ist übrigens nicht neu. Josef Madersperger hat 1814 in Wien ein Privileg auf seine Nähmaschine bekommen und ist trotzdem arm gestorben, weil ihm das Geld für den Bau einer Fabrik fehlte. Reich geworden ist damit vierzig Jahre später ein Amerikaner. Man könnte fast sagen: Wir sind seit zweihundert Jahren gut im Erfinden und nicht so gut im Verwerten. Der Unterschied ist, dass sich das heute niemand mehr als österreichische Eigenheit durchgehen lassen kann.
LEADERSNET: Vielen Dank!
www.patentamt.at
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