Mental Load & Vereinbarkeit
Frauen tragen den Großteil der unsichtbaren Alltagsarbeit

| Wolfgang Zechner 
| 16.06.2026

Eine neue Studie von Bipa und dem Österreichischen Institut für Familienforschung der Universität Wien zeigt deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern bei der Organisation von Familie, Haushalt und Care-Arbeit.

Wer am Ende eines Arbeitstages noch daran denkt, den Arzttermin für das Kind zu vereinbaren, den nächsten Elternabend im Kalender einzutragen oder den Geburtstag der Schwiegermutter vorzubereiten, trägt den sogenannten Mental Load. Die permanente Verantwortung für Planung, Organisation und Koordination des Familienalltags ist in Österreich weit verbreitet, allerdings nicht gleich verteilt.

Das zeigt eine neue repräsentative Studie von Bipa, die gemeinsam mit dem Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF) der Universität Wien durchgeführt wurde. Demnach übernehmen Frauen deutlich häufiger die Verantwortung für Planung, Organisation und emotionale Betreuung innerhalb der Familie. Gleichzeitig fühlen sie sich von dieser unsichtbaren Arbeit stärker belastet als Männer. Insgesamt wurden für die Studie im Mai 1.579 Personen in Österreich im Alter zwischen 16 und 75 Jahren befragt.

"Die Studie wie auch der aktuelle Forschungsstand zeigen eindeutig, dass die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit kein individuelles Problem ist, sondern ein strukturelles – eines, das tief in unserer Sozialisation verwurzelt ist", sagt Eva-Maria Schmidt vom Österreichischen Institut für Familienforschung.

Rollenbilder prägen den Alltag

Die Untersuchung zeigt, dass traditionelle Rollenbilder weiterhin tief in der Gesellschaft verankert sind. Mehr als zwei Drittel der Befragten sind der Meinung, dass Frauen besser darin seien, Geburtstage oder besondere Anlässe zu organisieren und den Familienalltag zu koordinieren. Umgekehrt werden technische Aufgaben und Reparaturen überwiegend Männern zugeschrieben.

Diese Sichtweise spiegelt sich auch in der gelebten Arbeitsteilung wider. Mehr als jede zweite Frau organisiert Arzttermine für Kinder oder Angehörige überwiegend selbst, bei Männern trifft das auf weniger als jeden Fünften zu. Auch bei Schulterminen, Lernunterstützung oder der emotionalen Begleitung von Kindern liegt die Hauptverantwortung deutlich häufiger bei Frauen.

Bemerkenswert ist dabei, dass viele Aufgaben gar nicht bewusst verteilt werden. Fast drei Viertel der Befragten geben an, bestimmte Tätigkeiten automatisch und aus Gewohnheit zu übernehmen, ohne jemals ausdrücklich darum gebeten worden zu sein.

Finanzielle Sorgen treffen beide Geschlechter

Während Frauen bei Haushalt und Familie deutlich mehr Verantwortung tragen, zeigt sich beim finanziellen Druck ein anderes Bild. Rund sieben von zehn Österreicher:innen fühlen sich durch Inflation und steigende Lebenshaltungskosten belastet. Fast jede zweite Person macht sich regelmäßig Sorgen um die finanzielle Zukunft der Familie.

Die Verantwortung für Haushaltsfinanzen und Vorsorge liegt allerdings häufiger bei Männern. Mehr als die Hälfte der Männer gibt an, den Überblick über die Familienfinanzen überwiegend selbst zu behalten. Gleichzeitig sehen sich 59 Prozent der Männer primär für das Erwerbseinkommen verantwortlich. Die Studienautor:innen sprechen deshalb von unterschiedlichen Belastungsformen: Frauen tragen mehr Mental Load im Familienalltag, Männer sehen sich häufiger in der Rolle des finanziellen Hauptverantwortlichen.

Wahrnehmungslücke sorgt für Konflikte

Besonders deutlich werden die Unterschiede bei der Bewertung der Aufgabenverteilung. Während 87 Prozent der Männer die Aufteilung der Planungs- und Organisationsarbeit als fair empfinden, stimmen nur 66 Prozent der Frauen dieser Aussage zu. Mehr als jede zweite Frau gibt zudem an, dass ihre organisatorische Arbeit im Alltag von Partner häufig nicht wahrgenommen wird.

"Mental Load beginnt lange vor der eigentlichen Tätigkeit: Bedürfnisse und Notwendigkeiten antizipieren, Möglichkeiten zur Befriedigung ermitteln, Entscheidungen treffen und Ergebnisse überwachen", erklärt Schmidt. Diese Form der kognitiven und emotionalen Arbeit sei oft weder sichtbar noch ausreichend anerkannt.

Die Folgen zeigen sich auch in den Beziehungen. Jedes dritte Paar berichtet von Konflikten aufgrund ungleich verteilter Alltagsverantwortung. Bei den 20- bis 29-Jährigen betrifft dies sogar mehr als jedes zweite Paar.

Belastung wirkt sich auf Gesundheit und Beruf aus

Ein Fünftel der Österreicher fühlt sich durch Alltagsaufgaben stark belastet. Frauen sind davon deutlich häufiger betroffen als Männer. Fast ein Drittel der Frauen leidet mehrmals pro Woche unter stressbedingten körperlichen Beschwerden. Zudem fühlen sich viele erschöpft und haben gleichzeitig das Gefühl, nicht genug geleistet zu haben.

Die Auswirkungen reichen bis ins Berufsleben. Knapp jede fünfte befragte Person war im vergangenen Jahr aufgrund von Erschöpfung im Krankenstand. 17 Prozent der Frauen geben zudem an, berufliche Ambitionen zurückzuschrauben, um Familie und Haushalt bewältigen zu können. Für Bipa-Geschäftsführerin Margit Reisinger zeigen die Ergebnisse vor allem eines: "Entscheidend ist, dass sichtbar wird, was oft unsichtbar bleibt – die mentale Last, die Planung und die Organisation. Nur was man messen kann, kann man auch verändern."

Pikantes Detail am Rande

Ein Detail am Rande der Pressekonferenz sprach fast ebenso Bände wie die Studie selbst: Unter den anwesenden Medienvertreter:innen befand sich genau ein Mann. Dass Themen wie Care-Arbeit, Mental Load und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vielfach leider noch immer als "Frauenthemen" wahrgenommen werden, zeigte sich damit nicht nur in den Studienergebnissen, sondern auch im Publikum.

www.bipa.at

www.oif.ac.at

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