Schon vor Jahrzehnten legten Frauen die Fundamente unserer digitalen Gegenwart, doch ihre Namen wurden fast gänzlich aus den Geschichtsbüchern weggeschrieben. Während Ada Lovelace bereits im 19. Jahrhundert das erste Computerprogramm der Welt verfasste, trieben spätere Pionierinnen den Fortschritt maßgeblich voran. So erfand die Mathematikerin Grace Hopper in den 1950er-Jahren den ersten Compiler und revolutionierte mit der Entwicklung von Programmiersprache die gesamte Softwarewelt. Die sechs ENIAC-Programmiererinnen meisterten in den 1940ern wiederum die manuelle Programmierung des ersten vollelektronischen Computers. Und ohne Margaret Hamilton, die als Direktorin am MIT den Code für die Apollo-11-Mission schrieb, wäre die Mondlandung 1969 gescheitert. Sogar die Grundlagen für heutiges Wi-Fi und Bluetooth verdanken wir einer Frau, nämlich der Hollywood-Ikone und Erfinderin Hedy Lamarr.
Obwohl also die Softwareentwicklung zu Beginn eine stark weiblich geprägte Disziplin war, wurden Frauen systematisch an den Rand gedrängt. Heute steht die Digitalisierung daher vor einem massiven, hausgemachten Diversitätsproblem, denn eine überwiegend männliche Tech-Kultur entwickelt unter anderem Algorithmen, die einseitige Vorurteile spiegeln und bestehende Ungleichheiten im Zeitalter künstlicher Intelligenz zu zementieren drohen.
Stärkung von Frauen und Mädchen
Wie dieser historischen und aktuellen Fehlentwicklung entgegengewirkt werden kann, zeigte sich am 3. Juni 2026 in Wien. Beim Round Table von Unicef Österreich zum Thema "Mädchen- und Frauenrechte im Zeitalter von KI und Digitalisierung" diskutierten Expert:innen gemeinsam mit Ehrengast, Österreichs First Lady, Doris Schmidauer, wie Technologie heute wieder zu einem echten Werkzeug für weibliches Empowerment und globale Vielfalt werden muss.
Ins Leben gerufen wurde die Runde von Unicef Österreich, News und Taxi 40100. Die Einführungskeynote übernahm Schmidauer, gefolgt von einer Vorstellung der Oky App durch Gerda Binder von Unicef. Am Podium anzutreffen waren dabei Elisabeth Dal Bianco (Ikea Austria), Nicole Daniel (DLA Piper), CandyLicious (Dragqueen Artist), Ali Mahlodji (Business Humanist & Leadership Mentor), Martina Romero (Sozialwissenschafterin) und Carina Zehetmaier (Women in AI). Für die Moderation und das Storytelling zeichnete sich Eveline Hruza, Generalsekretärin von Taxi 40100, verantwortlich.
Die Notwendigkeit des Wandels
Einigkeit herrschte unter den Diskutierenden bezüglich der Neutralität von KI-Systemen, denn diese spiegeln gesellschaftliche Machtverhältnisse wider. So beeinflussen Vorteile, die in die digitale Welt hineinprogrammiert werden, Mädchen und Frauen stärker als meist angenommen. Gleichzeitig eröffnen sich durch Digitalisierung und KI neue Berufsfelder und Anwendungen – wie die Oky App von Unicef, mit der ein wesentlicher Teil dazu beigetragen werden soll, die Rechte junger Frauen auf ihrem Entwicklungsweg zu unterstützen.
"Ich bin der Überzeugung, dass wir Künstliche Intelligenz vor allem als Chance und Möglichkeit begreifen sollten – vielleicht sogar als eine Art neues Recht auf Zugang zu Wissen, Unterstützung und Teilhabe. Sie sollte nicht als Pflicht oder Zwang wahrgenommen werden, sondern als Werkzeug, das Menschen freiwillig nutzen können, um ihr Leben, ihre Arbeit und ihre Bildung zu bereichern", so Schmidauer. "Meine Vision ist eine Gesellschaft, in der KI dazu beiträgt, bestehende Ungleichheiten zu verringern, anstatt sie zu verstärken. Richtig eingesetzt kann sie Menschen unabhängig von Herkunft, Einkommen oder Bildungsweg neue Möglichkeiten eröffnen. Sie kann Wissen leichter zugänglich machen, individuelle Unterstützung bieten und dabei helfen, Barrieren abzubauen, die bisher viele Menschen von Chancen und Teilhabe ausgeschlossen haben."
Aufbrechen von Tabus durch inklusive Technologie
Digitale Werkzeuge können junge Frauen weltweit stärken, wenn sie von Anfang an richtig konzipiert werden. Gerda Binder betonte dies am Beispiel der Oky App. Sie erklärt, die Anwendung zeige, wie gut Digitalisierung sein kann, wenn Mädchen wirklich zugehört wird und man sie mitgestalten lässt. Aus den konkreten Bedürfnissen der Zielgruppe sei eine App entstanden, die Wissen vermittle, das Selbstvertrauen stärke und Tabus aufbreche. Binder sieht den Zugang zu solchen Technologien als grundlegend an: "Digitale Teilhabe ist keine Kür, sondern ein Recht. Wenn wir Technologie bewusst inklusiv gestalten, kann sie Mädchen überall auf der Welt empowern. Genau das erleben wir jeden Tag mit Oky."
Wie rasant und tiefgreifend dieser digitale Wandel den Alltag verändert, veranschaulicht Eveline Hruza. Wo man früher noch eine Kutsche gerufen habe, bestelle man ein E-Taxi heute ganz einfach per App. Sie verwies auf Marktstudien, nach denen bereits 80 Prozent der Generation Z ihr Taxi auf diese Weise ordern. Diese Evolution verdeutliche für Hruza das enorme Potenzial des technologischen Fortschritts, da er Abläufe einfacher, schneller und zugänglicher mache. Richtig angepackt, können Digitalisierung und KI so gestaltet werden, dass sie auch Mädchen und Frauen wirksam empowern.
Unternehmenskultur und Verantwortung bei KI
Gleichstellung in der analogen Welt muss sich auch in modernen Systemen wie der Künstlichen Intelligenz (KI) widerspiegeln. Elisabeth Dal Bianco verwies darauf, dass der Frauenanteil von über 50 Prozent unter den Führungskräften im eigenen Unternehmen das Ergebnis konsequenter Arbeit sei. Diese Konsequenz fordert sie nun auch für den technologischen Wandel.
Es müsse sichergestellt werden, dass KI-Systeme die Chancengleichheit fördern, anstatt bestehende Ungleichheiten zu reproduzieren. Dal Bianco nahm hierbei die Wirtschaft in die Pflicht: "Denn am Ende trägt nicht die Technologie die Verantwortung – sondern wir Menschen. Und das beginnt mit der richtigen Haltung und einer klaren Wertekultur im Unternehmen."
Das Fundament von KI: Diversität gegen Vorurteile
Dass Technologie keineswegs unvoreingenommen agiert, betonte Carina Zehetmaier. Künstliche Intelligenz sei nie neutral, da sie aus unseren Daten lerne und die Gesellschaft mit all ihren Vorurteilen widerspiegle. Wenn Frauen und Mädchen die Systeme nicht aktiv mitgestalten, drohe eine Zementierung bestehender Ungleichheiten im Code von morgen. Vielfalt sei daher keine bloße Option, sondern eine zwingende Voraussetzung für faire Systeme. Zehetmaier warnte: "Zukunft passiert nicht, wir gestalten sie – und die Entscheidungen darüber, wie unser Morgen aussieht, treffen wir heute. Wer KI baut, gestaltet Gesellschaft. Diese Verantwortung darf nicht einer kleinen, homogenen Gruppe überlassen werden."
Auch der Experte Ali Mahlodji zog hier einen anschaulichen Vergleich. Er habe seinen Töchtern beigebracht, dass man mit einem Messer entweder ein Butterbrot streichen oder sich bei Unachtsamkeit gegenseitig verletzen könne. Das Gleiche gelte für digitale Werkzeuge und die Personen, die über deren Entwicklung bestimmen. Aktuell sieht er die Gesellschaft an einer entscheidenden Weggabelung. Es müsse intensiv darauf geachtet werden, gesellschaftliche Vorurteile – insbesondere gegenüber Frauen – nicht in die digitale Sphäre zu übertragen. Hier sieht er eine kollektive Pflicht. Der Eintritt in die digitale Welt öffne zwar Räume für Neugierde, doch hänge es von der Gestaltung ab, ob sie zur Büchse der Pandora oder zu einem Ort des Lernens wird. Mahlodji mahnte, diese Welt mit Bedacht zu formen, da einprogrammierte Vorurteile Menschen langfristiger beeinflussen, als viele glauben.
Feministische Perspektiven und regulatorische Rahmenbedingungen
Um diesen Fehlentwicklungen entgegenzusteuern, plädierte die Sozialwissenschaftlerin Martina Romero für einen bewussten Perspektivenwechsel. Sie definierte feministische KI dahingehend, dass Technologie nicht als neutral, sondern immer als Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse verstanden werden muss. Aus einer intersektionalen Perspektive forderte Romero eine KI-Gestaltung, die bestehende Ausschlüsse und Diskriminierungen nicht weiter reproduziert. Vielmehr müsse die Technologie Vielfalt sichtbar machen, die Teilhabe stärken und gerechtere gesellschaftliche Zukunftsräume eröffnen.
Damit solche Ansätze eine breite Wirkung entfalten, reicht eine reine Selbstverpflichtung von Unternehmen jedoch oft nicht aus. Es braucht rechtliche Leitplanken. Nicole Daniel gab zu bedenken, dass bestehende Antidiskriminierungsgesetze zwar grundsätzlich auch für KI gelten, diese jedoch nicht für algorithmische Systeme entwickelt wurden. Es seien daher tiefergehende Normen gefordert, um Diskriminierung effektiv zu verbieten.
Der EU AI Act stellt laut der Expertin einen wichtigen Meilenstein dar. Sie führte aus, dass dieser gesetzliche Rahmen helfe, geschlechtsbezogene Benachteiligungen und andere Diskriminierungen frühzeitiger zu erkennen und zu begrenzen. "Entscheidend wird jedoch sein, wie wirksam diese Vorgaben in der Praxis umgesetzt und kontrolliert werden", betonte Daniel.
Mentale Gesundheit und Schutz im digitalen Raum
Neben strukturellen und rechtlichen Fragen im Hintergrund betrifft die Digitalisierung die Menschen auch ganz direkt im Alltag – oft durch negative Dynamiken wie Cybermobbing. Die Dragqueen-Künstlerin CandyLicious machte deutlich, dass beim Thema Hass im Netz endlich ehrlich ausgesprochen werden muss, dass niemand diese Belastung alleine bewältigen sollte. In diesem Kontext seien Selfcare, ein starkes Bewusstsein für die eigene mentale Gesundheit sowie die Unterstützung durch Freund:innen und Familie überlebenswichtig.
www.taxi40100.at
www.unicef.at
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