"Die Automobilindustrie ist nicht innovationsresistent"

Christian Pesau, Chef der Automobilimporteure, über die Verdienste der Autobranche, die Vienna Autoshow 2018 und seine Wünsche an die neue Regierung. 

Am 11. Jänner startet die mittlerweile zwölfte Ausgabe der Vienna Autoshow, Österreichs größte Messe rund um das Thema Auto und allem was dazugehört. LEADERSNET hat sich aus diesem Grund mit Christian Pesau, Geschäftsführer von Österreichs Automobilimporteuren, zum Interview getroffen und sich mit ihm über den Dieselskandal, neue Mobilitätskonzepte, die Leistungen und Versäumnisse der Automobilindustrie und die tatsächlichen Entscheidungskritierien des durchschnittlichen Autokäufers unterhalten. 

LEADERSNET: Welche Bedeutung hat die Vienna Autoshow  für die heimische Automobilbranche?

Pesau: Die Vienna Autoshow ist für alle Automobilhersteller ein wichtiger Impuls zu Beginn des Jahres. Während bei den großen Automessen in anderen Ländern immer weniger Marken ausstellen, ist bei uns das Gegenteil der Fall. Wir haben heuer einen Ausstellerrekord. Es wird wieder das ganze Spektrum der Automobilindustrie angeboten – vom Kleinwagen über den Sportflitzer bis hin zu den unterschiedlichen Antriebskonzepten. Es ist die größte Publikumsmesse Österreichs und wir erwarten wieder einen sehr starken Besucherandrang.

LEADERSNET: Worauf führen Sie es zurück, dass Österreich so vom internationalen Trend abweicht?

Pesau: Ich würde jetzt nicht unbedingt von einem internationalen Trend sprechen. Aber es ist schon so, dass jeder Autohersteller die Art der Präsentation seiner Produkte permanent hinterfragt. Hierzulande funktioniert das Konzept der Vienna Autoshow in Kombination mit der Ferienmesse als großes, etabliertes Event zu Beginn des Jahres einfach. Wir sehen auch an den Publikumsreaktionen und am Zulauf, wie gut diese Messe ankommt und wie wichtig sie ist.

LEADERSNET: Selbstfahrende Autos, neue Mobilitätskonzepte, alternative Antriebsformen, Dieselgate oder Abgasskandal waren in den vergangen zwei Jahren die großen Themen, die die Berichterstattung rund um das Auto sowohl positiv als auch negativ dominiert haben. Haben diese Schlagzeilen einen Einfluss auf das Kaufverhalten der Endkonsumenten?

Pesau: Die ganze Branche befindet sich gerade in einem kompletten Wandel. Die Schlagworte der Zukunft sind: Konnektivität, autonomes Fahren, Sharing Economy und Elektromobilität. Was die mediale Berichterstattung rund um das Thema Diesel betrifft, wird die Diskussion meiner Meinung nach nicht sachlich geführt. Festzuhalten ist, dass ein Dieselmotor am letzten Stand der Technik absolut sauber ist. Das spiegelt sich auch im Kaufverhalten der Kunden wider. Trotz der teilweise negativen Diskussionen war 2017 ein Rekordjahr, was den Absatz betrifft. Man sieht also, dass diese Diskussionen eigentlich keine Auswirkungen auf den Konsumenten haben.

LEADERSNET: Was glauben Sie sind für den durchschnittlichen Autokäufer die tatsächlichen Entscheidungskriterien beim Autokauf?

Pesau: Da gibt es die unterschiedlichsten Untersuchungen. Natürlich spielt der Preis eine große Rolle – das hängt aber natürlich auch vom Fahrzeugsegment ab. Komfort ist ein wichtiges Entscheidungskriterium, genauso wie Farbe und innovative Konzepte.

LEADERSNET: Welche alternative Antriebsform wird sich mittel- oder langfristig durchsetzen und die fossilen Brennstoffe tatsächlich verdrängen?

Pesau: Das Stichwort der Stunde ist natürlich die Elektromobilität, die auch medial und politisch derzeit ganz stark im Fokus steht. Aber es gibt natürlich auch andere Antriebskonzepte, die ökologisch wichtig sind, wie etwa Erdgas oder Wasserstoff. Wohin die Reise schlussendlich geht, kann man aus heutiger Sicht noch nicht konkret sagen. Man muss aber auch ganz klar festhalten, dass die konventionellen Antriebe wie Diesel und Benzin weiterhin ihre Berechtigung haben. Am letzten Stand der Technik sind sie, wie bereits erwähnt, sehr sauber und daher werden sie uns noch lange begleiten.

LEADERSNET: Carsharing ist vor allem im urbanen Bereich ein großes Thema und erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass es in Zukunft weniger Autos in der Stadt geben wird, weil weniger Menschen, die in den Ballungszentren wohnen, ein Auto besitzen werden. Welche Konsequenzen bringt das für die Automobilindustrie und vor allem für die Händler mit sich?

Pesau: Wenn man von Carsharing spricht, dann ist es so, dass Free-Floating-Systeme wie Car2Go und DriveNow sehr gut funktionieren. Dadurch besteht die Möglichkeit, neue Kundengruppen anzusprechen, die sich sonst vielleicht gar nicht mit dem Thema Auto auseinandergesetzt hätten.

LEADERSNET: Der Onlinehandel hat auch den Autohandel stark verändert. Gerade am Gebrauchtwagensegment ist es so, dass viele Menschen ihr Auto online kaufen. Welche Veränderungen haben sich dadurch für die Autohäuser ergeben?

Pesau: Natürlich ist es so, dass verstärkt im Internet Informationen eingeholt werden und eine Vorauswahl getroffen wird. Das bedeutet, dass die Frequenz im Showroom eine andere ist. Menschen gehen nicht mehr fünf Mal ins Autohaus, bevor sie sich entscheiden, sondern sind schon beim ersten Besuch sehr gut informiert. Dennoch braucht es meiner Ansicht nach weiterhin einen guten Betreuer vor Ort, der die Kunden professionell beraten kann. Ich denke, der Großteil der Kunden will auch weiterhin, dass das Erlebnis Autokauf beim Händler stattfindet. Deswegen glaube ich auch nicht, dass der klassische Händler in absehbarer Zukunft ersetzt werden kann.

LEADERSNET: Wie sehen Sie die Zukunft der Automobilimporteure im Hinblick auf die Tatsache, dass die Vertriebskonzepte einer Marke wie Tesla keine Importeurs- und Händlerstruktur vorsehen?

Pesau: Tesla ist ein hochinnovatives Unternehmen, das viele Impulse in Richtung Elektromobilität gesetzt hat. Andererseits ist es auch so, dass es sich um eine absolute Ausnahmemarke handelt, die es schafft, sich immer weiter zu finanzieren, ohne jemals Geld verdient zu haben. Deshalb glaube ich auch nicht, dass sich diese Vertriebsform für alle Automarken eignet. Bei einer Massenmarke, die auch im herkömmlichen Sinn Geld verdienen muss, ist der klassische Autohandel unverzichtbar.

LEADERSNET: Also glauben Sie nicht, dass es in diesem Bereich in absehbarer Zeit zu großen Umwälzungen kommen wird?

Pesau: Es wird sicherlich da und dort Bereinigungen geben. Aber der Händler an sich ist auch für den Hersteller immens wichtig. Es ist eine gelebte Partnerschaft, die auch weiterhin aufrecht bleiben wird.

LEADERSNET: Wenn man mit Menschen spricht, die in der Autobranche arbeiten, wird hinter vorgehaltener Hand oft kritisiert, dass es sich um eine sehr konservative und innovationsresistente Industrie handelt. Viele Innovationen der letzten Jahre werden durch neue Unternehmen wie Tesla oder branchenfremde Konzerne wie Google oder Apple angetrieben. Woran liegt das?

Pesau: Es ist natürlich wichtig, dass die etablierte Automobilindustrie nicht den Anschluss verliert. Aber bei der Umwälzung, die jetzt gerade stattfindet, ist schon zu bemerken, dass sich auch die Autokonzerne massiv neu aufstellen. Es werden Programmierer gesucht, Entwickler engagiert, man baut eigene Batteriefabriken. Es wird alles getan, um vorne dran zu bleiben. Also kann ich den Vorwurf, dass die Automobilindustrie innovationsresistent ist, so nicht stehen lassen.

LEADERSNET: Aber hätten bestimmte Innovationen, wie etwa Elektromotor und andere alternative Antriebskonzepte, nicht schon viel früher massentauglich sein müssen, wenn sich die Autoindustrie einen Ruck gegeben hätte? Immerhin wurden den fossilen Brennstoffen schon vor über 25 Jahren ein nahes Ende prophezeit.

Pesau: Die Automobilindustrie hat sehr viel geleistet. Es wird gerne vergessen, dass es gerade auch bei den konventionellen Antrieben viele Innovationen – insbesondere auf dem Gebiet des Umweltschutzes – gegeben hat. Es sind alle wesentlichen Schadstoffe massiv reduziert worden und es gibt strenge Euro-Normen, die eingehalten werden müssen. Darum bin ich überzeugt, dass die herkömmlichen Antriebe weiterhin ihre Berechtigung haben. Aber sicher gab es einige externe Faktoren, die dazu geführt haben, dass Veränderungen jetzt schneller passieren. Das ist unbestritten. Nichtsdestotrotz haben wir die Zeichen der Zeit erkannt. Wenn man sich anschaut, wie sich die großen Konzerne jetzt aufstellen, dann muss man sagen, dass mit der "klassischen" Automobilindustrie auch in Zukunft zu rechnen sein wird.

LEADERSNET: Österreich hat seit kurzem eine neue Regierung. Welche Wünsche für die Autoindustrie haben Sie an die Politik?

Pesau: Wir wünschen uns, dass sich die neue Bundesregierung und die Entscheidungsträger dazu bekennen, dass es eine innovative und starke Automobilwirtschaft in Österreich gibt. Wir wollen, dass Innovationen und die Leistungen bei der Schadstoffreduktion anerkannt werden. Zudem wünsche ich mir, dass es zu keinen weiteren Belastungen für den Autofahrer kommt. Es war in der Vergangenheit so, dass es fast jedes Jahr eine neue Steuer oder Abgabe gegeben hat, um die Autofahrer weiter zu schröpfen. Da erwarten wir uns eine Politik mit Augenmaß und sind auch zuversichtlich, dass wir da in gute Gespräche eintreten werden. Individuelle Mobilität ist in einer entwickelten Gesellschaft eine Grundvoraussetzung! (as)

www.automobilimporteure.at

www.viennaautoshow.at

Christian Pesau

Christian Pesau hat im Jahr 2000 bei der Industriellenvereinigung (IV) das Traineeprogramm begonnen und im Rahmen dessen verschiedene Stationen im Bereich Public Affairs in Wien und Brüssel absolviert. Seit über zehn Jahren leitet er den Verband der Automobilimporteure.

Dieser stellt eine eigens geregelte Standesvertretung innerhalb der IV dar. Mitglieder sind die Vertriebsgesellschaften der internationalen Automobilhersteller sowie die österreichischen Automobilimporteure. Hauptaufgaben sind die Interessenvertretung der Mitglieder gegenüber Gesetzgeber, Behörden, Institutionen und Organisationen sowie die Unterstützung seiner Mitglieder im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Imagebildung.

Pesau studierte Rechtswissenschaften an der Universität Wien, absolvierte den Universitätslehrgang für Werbung und Verkauf an der WU Wien sowie ein Master of Business Law Postgraduate Programm an der University of Salzburg Business School. Vor seinem Eintritt in die Industriellenvereinigung war der 44-jährige in verschiedenen juristischen Tätigkeiten im öffentlichen und politischen Bereich tätig.

www.iv.at

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