LEADERSNET-AEHRE-KOOPERATION
Plastic is Fantastic – Abfall oder Ressource?

Neues aus der aehre – dem Businessmagazin für Nachhaltigkeit, Zukunft & Innovation: Im Rahmen der Kooperation zwischen LEADERSNET und aehre dürfen sich die Leser:innen dieses Mal über einen Beitrag über Plastik freuen. 

LEADERSNET veröffentlicht regelmäßig Interviews, Porträts und Servicegeschichten von aehre. Dabei befasst sich das nachhaltige Businessmagazin stets mit einem der zentralen Themen der Gegenwart: Nachhaltigkeit, in all ihren Facetten von Environment über Social bis Governance, von Innovationen über Generationendiskurs bis zu Nachfolgethemen.

Nachdem es bei aehre beim letzten Mal um Mental Health am Arbeitsplatz gegangen war, dreht sich dieses Mal alles um Plastik, denn wir putzen damit unsere Zähne, tuschen die Wimpern und tragen es am Körper. Wir reinigen Küchen und Bäder damit. Wir isolieren unsere Wände und fahren sogar darin herum: An Plastik führt im Alltag kein Weg vorbei. Leider oder Gott sei Dank – das ist eine Frage der Perspektive.

 

Text: Doris Neubauer

Die Menschheit steckt mitten im Plastikzeitalter – und Plastik buchstäblich in uns und um uns herum: Kunststoffreste schweben in der Atmosphäre, finden sich in den entlegensten Polarregionen ebenso wie auf Gletschern und in Tiefseen. Sogar im menschlichen Körper wurden Mikro- und Nanopartikel von Plastik nachgewiesen: im Gehirn, im Blut, in der Lunge, der Niere und der Plazenta. Welche langfristigen Folgen das hat, erforscht die Wissenschaft derzeit intensiv.

12 Milliarden Tonnen Kunststoff

wurden seit Beginn der Plastikproduktion weltweit hergestellt. Das entspricht 1,5 Tonnen pro lebendem Menschen auf der Erde.

Während Umweltschützer:innen seit Jahren auf die ökologischen Risiken aufmerksam machen, hat die Kunststoffindustrie zum kreativen Gegenschlag ausgeholt: Mit der Kampagne "Plastic is Fantastic" will sie von Österreich bis in die USA das negative Image von Plastik korrigieren und den wahren Wert der Ressource aufzeigen. "Kunststoff ist ein nachhaltiger Werk- und vor allem auch Wertstoff, der die gesellschaftliche Anerkennung verdient, die ihm zusteht", schwärmt Dr. Karl Hagspiel, Senior Circular Economy Expert des Vorarlberger Kunststoffunternehmens ALPLA, das die Kampagne initiiert und mittlerweile eine Plastic-is-Fantastic-Association ins Leben gerufen hat.

4,5–5 Prozent

der weltweiten Treibhausgasemissionen gehen auf die globale Plastikproduktion zurück. Das entspricht den Emissionen von 514 Kohlekraftwerken unter Volllast.

Seitdem die Brüder Alwin und Helmuth Lehner 1955 in der elterlichen Waschküche in Hard am Bodensee die AlpenPlastik Heinrich Lehner KG gegründet und die ersten Kunststoffprodukte angefertigt haben, ist viel passiert: Galten Kunststoffe wie PVC und Polyethylen nach dem Zweiten Weltkrieg wegen ihrer Langlebigkeit und der günstigen Herstellung als Inbegriff des Fortschritts, geriet Plastik vor allem in den letzten Jahrzehnten zunehmend in Verruf. Zu Unrecht, meinen die ALPLA-Vertreter und sprechen von einer einseitig geführten Debatte. Sie sind überzeugt: Plastic is Fantastic – wenn man es richtig macht.

Wenn, dann richtig

"Richtig bedeutet für uns, Kreisläufe zu schließen und dabei Materialien im Kreislauf zu halten", stellt Hagspiel klar. Damit die Verpackung nach Gebrauch nicht zum Abfall, sondern zur Ressource wird, investiert das Unternehmen schon seit den 1990er-Jahren konsequent in Recylcingtechnologien.

1,3 Millionen PET-Flaschen pro Sekunde

könnten Prognosen zufolge im Jahr 2060 produziert werden.

In den weltweit 14 Recyclinganlagen werden gebrauchte PET-Flaschen zu hochwertigen Flakes und Granulaten verarbeitet, die erneut zur Erzeugung von Flaschen eingesetzt werden. Neu ist das Tray-to-Tray-Recycling, mit dem sich PET-Trays in marktfähigen Mengen wiederverwerten lassen. Derzeit liegen die Recyclingkapazitäten bei über 400.000 Tonnen jährlich, bis 2030 sollen es 700.000 Tonnen sein. Dafür investiert ALPLA pro Jahr mindestens 50 Millionen Euro und möchte heuer noch wenigstens 25 Prozent Recyclingmaterialanteil in den Verpackungen erreichen. "Wir liegen auf Kurs", gibt sich Hagspiel optimistisch. Gleichzeitig treibt ALPLA Mehrwegsysteme für Getränke und Non-Food-Produkte voran und setzt auf Design for Recycling sowie Design for Circularity, um die Produkte optimal recycling- und kreislauffähig zu gestalten.

Wiedergewinnung. In den weltweit 14 Recyclinganlagen von ALPLA werden pro Jahr über 400.000 Tonnen Kunststoff wiederverwertbar gemacht. © ALPLA

Mit neuen Erzeugnissen wie einer komplett recycelbaren PET-Weinflasche, die nach eigenen Angaben deutlich weniger als Glas wiegt und in puncto CO₂-Bilanz die Nase vorn hat, lag der Anteil recycelbarer Produkte 2024 schon bei 92 Prozent. Damit kommt ALPLA, das mittlerweile an 200 Standorten in 46 Ländern angesiedelt ist, seinem Ziel der vollständigen Rezyklierbarkeit bereits ziemlich nahe. Kreislaufwirtschaft ist aber nicht nur bei ALPLA ein zentrales Thema. Dass sie längst zu einem Leitmotiv der gesamten Kunststoffindustrie geworden ist, zeigte sich jüngst bei der K-Messe in Düsseldorf, der weltweit größten Fachmesse für Kunststoff und Kautschuk. "An jedem Stand war eine Innovation zu sehen", berichtet Christine Bunte, Hauptgeschäftsführerin des Branchenverbands PlasticsEurope Deutschland und als solche Mitveranstalterin der Sonderschau "Plastics Shape the Future".

Zukunftsfähig. Christine Bunte, PlasticsEurope Deutschland, möchte die Plastikbranche in die Klimaneutralität führen. © PlasticsEurope

Vom Kopfhörer aus Elektroschrott über wiederverwertbare Kaffeebecher aus geschäumtem Polypropylen, von Automobilteilen aus recyceltem Industrieabfall bis hin zu Innenraumverkleidungen aus Verbraucherabfällen reichte die Palette. "Sogar die Bühne der Veranstaltung bestand aus einer Holz-Kunststoff-Mischung, die recycelt werden kann", ergänzt sie.

»Smarte Systeme, Re-Use und besseres Design können den Plastikverbrauch reduzieren.«

Christine Bunte
Hauptgeschäftsführerin von PlasticsEurope Deutschland

Auch das Angebot an Produkten aus Biomasse oder leichter recycelbarem Monoplastik nehme zu, so die Expertin. Geschirrspültabs, Jacken oder Autositze bestehen zunehmend aus diesem Material statt wie bisher aus Mischkunststoffen. "Smarte Systeme, Re-Use und besseres Design können den Plastikverbrauch reduzieren", ist Bunte überzeugt. So könne die Branche die Treibhausgasemissionen des gesamten Kunststoffsystems bis 2030 um 28 Prozent verringern und bis 2050 die Klimaneutralität erreichen.

Transition RoadMap

Um zu den Netto-Null-Zielen des EU Green Deals für 2050 zu gelangen, hat PlasticsEurope eine "Transition Roadmap" und damit einen Fahrplan zur Transformation der Industrie entwickelt. Recycling gilt darin als wichtiger Schlüssel, bleibt aber eine Herausforderung. Zwar hat global gesehen die Recyclingquote erstmals die 10-Prozent-Marke überschritten und Europa ist mit einem Anteil zirkulärer Rohstoffe aus mechanischem und chemischem Recycling sowie Biomasse von 15,4 Prozent immer noch führend, doch Länder wie China holen auf. "Die Wirtschaft steht unter Druck", weiß Bunte, "große Kunststoffproduzenten haben einen längeren Atem, aber viele kleinere Recyclingunternehmen geraten schneller an die Grenzen des wirtschaftlich Verkraftbaren."

70 Millionen Tonnen Mikroplastik

sollen sich allein in den Ozeanen befinden.

PlasticsEurope arbeitet daher eng mit der Recyclingindustrie zusammen, um der angeschlagenen Branche finanzielle Unterstützung zu garantieren. Schließlich lautet das klare Ziel, den Anteil von nicht fossilem Kunststoff bis 2050 auf 65 Prozent zu erhöhen. Daran arbeitet auch das Climate-Tech-Start-up Radical Dot. „50 bis 60 Prozent dessen, was sich heute im gelben Sack befindet, landet in der Müllverbrennungsanlage oder im Zementwerk als Brennstoff - den Berg würden wir gerne recyceln“, erklärt Gründer Andreas Wagner.

Bisher seien verunreinigter Plastikabfall und Mischkunststoff kaum wirtschaftlich verwertbar gewesen. Nicht nur das Sortieren und Waschen sei energieaufwendig und kostenintensiv, bisher hätte man auch kein hochwertiges Produkt daraus herstellen können: "Du kannst aus Mischkunststoffabfällen vielleicht eine Parkbank oder eine Balkonkiste machen", zählt der gebürtige Oberösterreicher niedrig qualitative Anwendungen auf, "aber für eine hochwertige Lebensmittelverpackung reicht die Qualität des Materials leider nicht."

Innovationen. Bei der K-Messe in Düsseldorf, der weltweit größten Fachmesse für Kunststoff und Kautschuk, zeigte die Branche ihre Neuentwicklungen. © PlasticsEurope

Einer von hunderten Pfeilen

Genau hier setzt Radical Dot an: Ein neuartiges Niedertemperatur-Katalyseverfahren, das ohne externen Energieinput aus fossilen Quellen auskommt, wandelt gemischte Kunststoffabfälle effizient in Chemikalien wie grüne Essig-, Bernstein- oder Adipinsäure um. Es handelt sich dabei um Grundstoffe der Chemieindustrie, die für die Fabrikation von Kunststoffen wie Nylon oder Klebstoffen gebraucht werden. Damit bleibt der im Plastik gebundene Kohlenstoff im Kreislauf, statt als CO₂ verloren zu gehen.

Umgestaltung. Mit Radical Dot wollen Gründer Andreas Wagner und Alexandre Kremer Kunststoffrecycling revolutionieren. © Radical Dot

Der erste Prototyp an der Technischen Universität München kann im Kilogramm-Maßstab Plastik verarbeiten. Eine größere Anlage, die täglich das Hundertfache schafft und in einen Chemiepark integriert ist, befindet sich gerade in Planung und soll 2027 starten. "Vor 2030 wollen wir die erste kommerzielle Maschine mit mehreren Tausenden Tonnen Jahresdurchsatz betreiben", hat Wagner ein ambitioniertes Ziel: Er möchte 20 Prozent des globalen Plastikmülls recyceln und pro Jahr 500 Millionen Tonnen CO₂ im Kreislauf halten. "Radical Dot ist einer von Hunderten Pfeilen", meint er bescheiden und fügt hinzu: "Hoffentlich einer, der treffen wird."

2,8 Milliarden Menschen ohne Zugang zu Abfallstrukturen

Mehr "Schusskraft" wünscht sich Christine Bunte auch vonseiten der Politik. "Ich bin sehr enttäuscht, dass man beim globalen Kunststoffabkommen noch immer zu keinem Ergebnis gekommen ist", kritisiert sie.

5 Gramm Mikroplastik pro Woche?

Der häufig zitierte Vergleich mit dem Gewicht einer Kreditkarte beruht auf einer Hochrechnung, die das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung als deutlich überschätzt bewertet. Wie viel Mikroplastik Menschen tatsächlich aufnehmen, lässt sich derzeit nur mit großen Unsicherheiten abschätzen.

Erst im August dieses Jahres waren die Verhandlungen dazu gescheitert, weil sich die rund 108 Länder nicht einigen konnten. Dabei müsste vor allem das Recycling weltweit besser und vor allem schnell organisiert werden, so Bunte. Schließlich hätten noch immer 2,8 Milliarden Menschen keinen Zugang zu Abfallstrukturen.

Transformieren. Gemischte Kunststoffabfälle, die sonst nicht recycelbar sind, werden effizient in Chemikalien umgewandelt. © Key 2025

Je nach Land könne zudem ein Verbot der Deponierung unbehandelter Siedlungsabfälle viel bewirken. In Deutschland habe diese Regelung die Recycling- und Verwertungsquoten deutlich gesteigert, verweist sie auf Erfolge und fordert eine einheitliche EU-weite Umsetzung vor 2035. Rund 120 Millionen Tonnen CO₂ ließen sich durch einen völligen Verzicht auf Hausmülldeponien einsparen, zeigt eine Studie des Marktforschungsunternehmens Prognose das Potenzial dieser Maßnahme auf.

"Wir stehen an einem Scheideweg", bringt es Bunte auf den Punkt. Ob Plastik Fluch oder Segen bleibt: "Wir haben es selbst in der Hand."

Fakt: Was ist Plastik?

Plastik ist ein synthetisches Material, das aus Polymeren hergestellt wird. Es kann in verschiedenen Formen und Größen produziert werden und ist aufgrund seiner Vielseitigkeit und Haltbarkeit weitverbreitet.

Die Fertigung von Plastik erfolgt durch die Kombination von Monomeren, die zu Polymerketten verknüpft werden. Es gibt verschiedene Arten von Plastik wie Polyethylen (PE), Polypropylen (PP) und Polystyrol (PS).

Mehr zum Thema Nachhaltigkeit finden Sie im nachhaltigen Businessmagazin aehre auf www.aehre.media und in der neuen Ausgabe, die am Kiosk oder auch online erhältlich ist.

aehre – das Nachhaltigkeits-Businessmagazin

Themen: Environmental-, Social- und Governance

Geschäftsführerinnen: Maria-Grazia Nordberg und Annabel Köle-Loebell

Gründung: März 2023

Praterstrasse 66/5

1020 Wien

Tel.: +43 1 890 44 06

Kontakt: hello@aehre.media

Homepage: www.aehre.media

Kommentar veröffentlichen

* Pflichtfelder.

aehre – das Nachhaltigkeits-Businessmagazin

Themen: Environmental-, Social- und Governance

Geschäftsführerinnen: Maria-Grazia Nordberg und Annabel Köle-Loebell

Gründung: März 2023

Praterstrasse 66/5

1020 Wien

Tel.: +43 1 890 44 06

Kontakt: hello@aehre.media

Homepage: www.aehre.media

leadersnet.TV