Ob ein "Hallo" als freundliche Selbstverständlichkeit oder als zu salopp empfunden wird, hängt vor allem davon ab, wer es hört. Besonders ältere Menschen stören sich mitunter daran, wenn Jüngere nicht "Grüß Gott" sagen, wie sie in Interviews für eine Studie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) beklagten. Dabei untersuchten die Forscher:innen, welche Gruß- und Abschiedsformeln Menschen im ländlichen Österreich tatsächlich verwenden und welche Rolle Alter, Region und Situation dabei spielen. Ausgewertet wurden Gespräche mit 152 Erwachsenen aus 13 Ortschaften, zudem gab es ein Experiment mit fiktiven Alltagsbegegnungen.
"Hallo" hat "Grüß Gott" im Alltag überholt
Veröffentlicht wurde die Untersuchung im Fachjournal Languages, im Fokus standen Jüngere zwischen 18 und 35 und Ältere ab 60. Aus den Gesprächen werteten die Forscherinnen zunächst 131 spontane Begrüßungen aus. Diese entstanden nebenbei, etwa wenn die Interviewer:innen nach einem einstündigen Gespräch unter Freund:innen zurück in den Raum kamen.
In knapp zwei Dritteln der Fälle fiel dabei "Hallo". Auf "Servus" entfielen rund zehn Prozent, auf "Grüß dich" beziehungsweise "Griaß di" knapp acht Prozent. Das betont lockere "Hey" oder "Hi" kam mit sechs Prozent sogar häufiger vor als "Grüß Gott", das nur bei knapp fünf Prozent der Begrüßungen zu hören war. Ausgerechnet jener Gruß, den viele Ältere vermissen, spielt im spontanen Alltag also kaum eine Rolle. Direkt angesprochen wurde das Gegenüber dabei kaum, schließlich kommen "Hallo" oder "Servus" ohne "du" oder "Sie" aus. Nur in rund jedem zwölften Gruß steckte ein "Du" (z. B. in "Griaß di"), vor allem in westlichen Orten wie Tarrenz in Tirol und Raggal in Vorarlberg. Ein gesiezter Gruß fiel kein einziges Mal.
Ältere griffen spontan allerdings deutlich seltener zum "Hallo" als Jüngere. Für Studienautorin Katharina Korecky-Kröll hat "Hallo" seinen lockeren Beigeschmack inzwischen weitgehend verloren, nur ziehen die Generationen die Grenze an unterschiedlichen Stellen. Während Jüngere auch Unbekannte so ansprechen, bleibt das Wort bei Älteren eher dem engsten Umfeld vorbehalten. Außerhalb davon wirkt es auf sie schnell zu salopp. Auffällig ist zudem, dass "Hallo" besonders oft als Antwort auf ein vorangegangenes "Hallo" fiel. Wer so begrüßt wird, grüßt also meist gleich zurück.
In der örtlichen Bäckerei bleibt es beim "Griaß di"
Wie stark die Situation den Gruß bestimmt, zeigte das Experiment mit 22 Teilnehmer:innen aus sechs der untersuchten Orte. Sie sollten sich zwei Alltagsszenen vorstellen – den Besuch eines Modegeschäfts in Wien und jenen der Bäckerei im eigenen Heimatort – und dabei angeben, wie sie dort eine jüngere beziehungsweise ältere Verkäuferin begrüßen würden. Im Wiener Geschäft entschied sich mehr als die Hälfte für "Grüß Gott", gefolgt von "Hallo" und "Guten Tag". In der heimischen Bäckerei wählten hingegen mehr als 60 Prozent "Griaß di", meist ergänzt um den Vornamen der Verkäuferin, und auch hier kam "Hallo" an zweiter Stelle. Anders als bei den spontanen Begrüßungen spielte das Alter keine Rolle, weder jenes der Teilnehmer:innen noch jenes der Verkäuferin. Dialektgrüße sind damit auch bei Jüngeren fest verankert.
Wie sehr der Ort mitentscheidet, zeigt sich besonders an einem Gruß, der außerhalb Vorarlbergs und mancher Tiroler Regionen irritieren mag: Dort ist "Heil" im Dialekt bis heute üblich. Im Experiment verwendeten ihn junge Vorarlberger:innen vor allem bei der Verkäuferin aus dem eigenen Ort, in der Wiener Szene blieben sie bei "Grüß Gott" oder "Hallo". Anderswo wird der Gruß wegen seiner Nähe zum NS-Gruß gemieden. Seine Verwendung sei vor Ort aber nicht als "Ausdruck einer rechten Gesinnung" zu verstehen, betont Korecky-Kröll.
Beim Abschied hält sich der Dialekt
Bei den 73 aufgezeichneten Verabschiedungen zeigt sich ein anderes Bild als bei den Begrüßungen. Hier liegt mit "Pfiat di" und seinen Variationen ein traditioneller Dialektgruß vorne, auf den gut 27 Prozent entfielen. Besonders häufig war er in Tux und Hüttschlag zu hören, zudem verwendeten ihn Personen ohne Matura deutlich öfter. Knapp dahinter folgten Formeln wie "Bis später" oder "Bis nachher". Das führen die Forscherinnen allerdings auf die Aufnahmesituation zurück, da sich die Beteiligten meist nur für eine Stunde verabschiedeten. Auf Platz drei landete das eigentlich norddeutsche "Tschüss", gefolgt von "Ciao" und "Baba".
Wie jemand grüßt, verrät zudem viel darüber, wie sich die Person verabschiedet. Wer im Dialekt grüßt, verabschiedet sich meist auch im Dialekt. Die Kombination aus "Griaß di" und "Pfiat di" war die Einzige, die mehrheitlich von Älteren stammte. Wer dagegen "Hallo" sagt, greift auch beim Abschied eher zu "Tschüss", "Baba" oder "Ciao", diese Gruppen bestanden ausschließlich aus Jüngeren. Eine Sonderrolle nimmt "Servus" ein. Es ist die einzige Formel, die sowohl zur Begrüßung als auch zum Abschied taugt, in den Aufnahmen nutzte sie aber niemand für beides. Als Begrüßung kam "Servus" zudem deutlich häufiger von Männern als von Frauen.
Ältere klagen öfter übers Grüßen, als sie selbst grüßen
Dass die Jungen das Grüßen verlernt hätten, lässt sich aus den Daten nicht ablesen. Auffällig ist vielmehr, dass sich Ältere in den Aufnahmen deutlich häufiger über Grußgewohnheiten äußerten: 71,5 Prozent ihrer grußbezogenen Äußerungen waren Kommentare und nur 28,5 Prozent tatsächliche Grüße. Bei den Jüngeren war das Verhältnis mit 54,3 zu 45,7 Prozent wesentlich ausgeglichener.
Wie emotional das Thema sein kann, zeigt etwa auch die Erzählung einer älteren Frau aus Passail in der Steiermark. Als ein Lehrling sie im Geschäft mit "Hallo" begrüßte, wies sie die junge Frau zurecht: "Sie, i bin net Ihr 'Hallo'." Jüngere fühlten sich dagegen eher von der Strenge der Älteren unter Druck gesetzt. Eine junge Frau aus Oberwölz erzählte etwa, dass sie die Anonymität der Stadt genieße, weil dort niemand schief schaue, wenn sie einmal nicht grüße. Im Heimatort gelte man dagegen schon als unfreundlich, wenn man im Supermarkt zu wenig "Hallo" sage.
Das Klischee vom grüßfaulen Nachwuchs dürfte laut der Studienautorin auch eine Frage der Perspektive sein. Ältere erwarteten eher, von Jüngeren zuerst gegrüßt zu werden, und "fühlen sich weniger dazu verpflichtet, selbst zu grüßen", so die Linguistin. Für die ältere Generation habe der Gruß zudem viel mit Respekt zu tun. Jüngere grüßten sehr wohl regelmäßig, meist eben mit "Hallo", nur mache sich diese Generation über die Form weniger Gedanken.
Die gesamte Studie können Sie hier nachlesen.
www.oeaw.ac.at
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