LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Neumayer, seit mittlerweile 15 Jahren sind Sie Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV). Sie haben schon öfter betont, dass wir in Zukunft länger arbeiten müssen, um unseren Wohlstand zu erhalten. Was sind die aktuellen Kernforderungen der IV für den Industriestandort Österreich?
Christoph Neumayer: Unsere Forderungen orientieren sich sehr stark an der aktuellen wirtschaftlichen Lage der Industrie. Wir müssen primär einige zentrale Themen adressieren. Das ist einerseits die Kostenstruktur für Unternehmer:innen in Österreich – allen voran die Energiepreise, die gleichermaßen Haushalte wie Betriebe belasten. Das zweite große Thema ist die Bürokratie und die Komplexität, mit der Unternehmen täglich konfrontiert sind. Wir müssen unseren Staat insgesamt einfacher und effizienter gestalten. Österreich ist im internationalen Vergleich ein teurerer Standort. Das können wir durch höhere Innovationskraft, Qualität und Geschwindigkeit kompensieren – aber wir dürfen nicht zu kompliziert sein. Hier müssen wir ansetzen.
LEADERSNET: Welche Einstellung benötigen wir, um wieder auf die wirtschaftliche Überholspur zu kommen? Braucht es dafür primär nationale Anstrengungen oder eine gesamteuropäische Lösung?
Neumayer: Es braucht ein nahtloses Zusammenspiel auf allen Ebenen. Auf regionaler Ebene gibt es erhebliche Gestaltungsspielräume bei Infrastruktur und Zukunftsinvestitionen. Auf nationaler Ebene setzen wir den Rahmen etwa über die Steuergesetzgebung. Aber ohne Europa geht es nicht. Österreich und der Standort Wien leben intensiv vom Export, der internationalen Vernetzung und dem Tourismus. Wir benötigen stärkere europäische Partnerschaften und eine engere Abstimmung. Während wir bei Sicherheit, Bildung und Infrastruktur national unsere Hausaufgaben machen müssen, müssen wir auf EU-Ebene Barrieren im Binnenmarkt abbauen – etwa bei der grenzüberschreitenden Entsendung von Arbeitnehmer:innen oder der Vollendung des gemeinsamen Kapitalmarktes. Angesichts des immensen Drucks aus China und der Handelsschranken aus den USA kann die Antwort nur ein geschlossenes Europa geben.
LEADERSNET: Österreich verfügt über zahlreiche innovative Industrieunternehmen und Weltmarktführer. Wie stark und resilient ist der heimische Standort im globalen Wettbewerb tatsächlich?
Neumayer: Unsere Resilienz hängt direkt mit unserer Innovations- und Forschungsleistung zusammen. Wir müssen schlichtweg schneller und klüger sein und die besseren Produkte entwickeln – insbesondere in Zukunftsfeldern wie der Künstlichen Intelligenz oder der Biotechnologie, wo Wien als Pharmastandort eine hervorragende Rolle einnimmt. Entscheidend ist jedoch, dass es uns gemeinsam mit Universitäten und Forschungseinrichtungen gelingt, wissenschaftliche Erkenntnisse rasch in marktfähige Produkte und Dienstleistungen zu übersetzen, die auch hierzulande produziert werden. Nur so sichern wir die regionale Wertschöpfung.
LEADERSNET: Kann die heimische Industrie durch ihre Innovationskraft als eigentlicher Motor der Energiewende fungieren?
Neumayer: Davon bin ich zutiefst überzeugt, sofern wir strategisch klug vorgehen. In der Industriellenvereinigung haben wir dafür die "Taskforce Green Tech" etabliert, in der sich zahlreiche Vorzeigebetriebe – etwa aus der Wärmepumpenbranche – engagieren. Allerdings ist die Dekarbonisierung eine Herkulesaufgabe, die enorm viel Kapital erfordert. Hier ist die Politik gefordert, Anschubfinanzierungen zu leisten und Transformationen zu begleiten. Ein Paradebeispiel ist die Umstellung der voestalpine auf Elektrobogenöfen. Das erfordert gigantische Mengen an Grünstrom und den entsprechenden Netzausbau. Wenn wir hier zügig die notwendigen Genehmigungen erteilen, schaffen wir eine Win-win-Situation: Jede Tonne Stahl, die in Österreich CO₂-effizient erzeugt wird, schützt das globale Klima und hält gleichzeitig hochgradig wettbewerbsfähige Arbeitsplätze im Land.
LEADERSNET: Wie lange kann sich der Standort Österreich die hohen Kosten noch leisten, bevor Investitionen abwandern? Welche Vision verfolgt die Industriellenvereinigung?
Neumayer: Ein Standort bleibt nur dann erfolgreich, wenn die Balance stimmt. Österreich ist ein Hochlohnland – das ist positiv und gut vertretbar, solange dem eine entsprechend hohe Produktivität und Innovationskraft gegenüberstehen. Die von der Bundesregierung erarbeitete Industriestrategie enthält viele richtige Empfehlungen, etwa zur Forschungsförderung oder zu entlastenden Maßnahmen wie einem wettbewerbsfähigen Industriestrompreis. Unser großer Pluspunkt ist Instrumente wie die Forschungsprämie, die bei Ansiedlungsentscheidungen oft den Ausschlag gibt. Dennoch müssen wir aufpassen, dass es nicht zu einer schleichenden Deindustrialisierung kommt. Der internationale Druck hat enorm zugenommen, andere Nationen machen ihre Hausaufgaben ebenso. Wir müssen das Tempo drastisch erhöhen.
LEADERSNET: Ganz persönlich gefragt: Wie viel Freude macht Ihnen diese Aufgabe nach 15 Jahren an der Spitze der Industriellenvereinigung noch?
Neumayer: Das Faszinierende an dieser Position ist, dass sich der Markt und das Umfeld permanent verändern. Einerseits arbeitet man eng mit den Unternehmer:innen zusammen, wo sich unglaublich viel bewegt, neue Akteur:innen dazukommen und neue Märkte erschlossen werden. Andererseits arbeitet man intensiv mit der Politik. In den letzten 15 Jahren gab es zahlreiche Wechsel in den Bundesregierungen und bei den Ansprechpartner:innen. Herausforderungen wie die Pandemie, der Krieg in der Ukraine oder die geopolitischen Spannungen am Persischen Golf spüren wir direkt über die Märkte und Energiepreise. Das macht die Tätigkeit extrem abwechslungsreich und fordernd – und genau deshalb bleibt sie spannend und bereitet mir nach wie vor große Freude.
LEADERSNET: Wie lautet Ihr abschließender Appell an Politik, Wirtschaft und Bevölkerung, um den Wohlstand in Österreich nachhaltig zu sichern?
Neumayer: Wir müssen gemeinsam auf dem aufbauen, was Generationen vor uns erarbeitet haben. Der "österreichische Traum" und unser hoher Lebensstandard sind nicht gottgegeben. Um dieses Niveau zu halten, werden wir uns alle wieder ein Stück weit mehr anstrengen und den Fokus klar auf Leistung, Innovation und Standortattraktivität richten müssen. Wenn uns dieser Schulterschluss gelingt, wird Österreich auch in Zukunft ein hochgradig lebenswerter und prosperierender Standort bleiben.
LEADERSNET: Vielen Dank.
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