Für mehr Klicks auf seine Minecraft-Videos schaltete der Nachwuchs-YouTuber Werbung über Papas Firmenkreditkarte. Seinen ausgerechnet im Marketing tätigen Vater brachte das in gewaltige Erklärungsnot.
Wenn die Chefetage zum Gespräch bittet, verheißt das selten Gutes. Das musste kürzlich auch ein US-Amerikaner namens Dave erfahren, der laut eigenen Angaben für ein großes Marketingunternehmen arbeitet. Im Büro erwarteten ihn sein Vorgesetzter sowie Vertreter:innen der Konzernzentrale und der Finanzabteilung mit einer Aufstellung von Werbekampagnen, die innerhalb von drei Wochen über seine Firmenkreditkarte abgerechnet worden waren – in der Höhe von insgesamt 118.000 Dollar oder umgerechnet rund 103.000 Euro. Angelegt hatte er selbst allerdings keine einzige davon. Verantwortlich war laut seiner Darstellung sein neunjähriger Sohn. Wie es dazu kommen konnte, erklärte der Vater am 15. September in einem rund 14-minütigen Video mit dem Titel "Message from Dad...Mighty Mike Plays is Over", das auf dem Kanal des Kindes veröffentlicht wurde.
Sohn gründet Kanal mit wenig Resonanz
Sein Sohn Mike habe anderen YouTuber:innen oft stundenlang beim Spielen von Minecraft und Roblox zugesehen und irgendwann selbst sogenannte "Let's-Play-Videos" auf der Plattform veröffentlichen wollen, erzählt Dave. Er habe das für sinnvoller als reines Zuschauen gehalten und den Neunjährigen deshalb beim Start seines eigenen YouTube-Kanals namens "Mighty Mike Plays" unterstützt. Der Aufwand blieb überschaubar: Die Spielszenen liefen direkt von einer PlayStation 5 auf YouTube, dazu kam ein günstiges Headset, geschnitten wurde nichts. Die ersten Videos erreichten laut Dave zwischen fünf und elf Aufrufe. Mike lud trotzdem unermüdlich weiter hoch. Einer Auswertung der Analyseplattform CreatorDB zufolge entstanden seit dem ersten Upload am 7. August insgesamt 181 Videos.
Weil die Zuschauerzahlen allerdings niedrig blieben, habe sich Mike schließlich ziemlich niedergeschlagen bei seinem Vater beschwert. Zur Unterstützung seines Sohnes schaltete Dave daraufhin für eines der Videos eine YouTube-Anzeige mit einem Budget von rund 20 Dollar. Dabei wird das eigene Video gegen Bezahlung anderen Nutzer:innen als Werbung eingespielt, etwa vor oder während anderer Videos – und je höher das Budget, desto häufiger geschieht das. Seinem Sohn erklärte Dave dabei die einzelnen Schritte von der Budgetfestlegung über die Auswahl der Zielgruppe bis zum Start der Kampagne. Nicht bedacht habe er allerdings, dass in dem Google-Konto, das die Familie gemeinsam nutzte, auch noch seine Firmenkreditkarte hinterlegt war. Ausgabenlimits oder eine Kindersicherung waren ebenfalls nicht eingerichtet.
Werbung sorgte im Netz für Rätselraten
In der Folge soll Mike eigenständig weitere Werbekampagnen für seine Videos angelegt haben. Die 20 Dollar habe sein Sohn nicht als Obergrenze wahrgenommen, so Dave. Die Überlegung des Neunjährigen sei vielmehr gewesen, dass ein höheres Budget auch mehr Aufrufe bringt. Da die Firmenkarte schlichtweg jede Buchung problemlos akzeptierte, liefen die Anzeigen rund drei Wochen lang weiter, ohne dass Dave davon etwas mitbekam.
Außerhalb der Familie fiel die Werbeoffensive dagegen recht bald auf. Am 10. September veröffentlichte der Minecraft-YouTuber NeverMyFault, dessen Kanal rund 2,1 Millionen Abonnent:innen hat, ein Kurzvideo über die aus seiner Sicht seltsamste Minecraft-Werbung überhaupt. Zuschauer:innen berichteten zudem, dass ihnen ein mehr als halbstündiges Gameplay-Video von Mighty Mike als Anzeige ausgespielt worden sei. NeverMyFault soll die Kosten der Kampagne auf rund 6.000 Dollar geschätzt haben. Dave korrigierte das in seinem Video später deutlich nach oben.
Teure Aufrufe mit wenig Wirkung
Die erhoffte Reichweite brachten die Anzeigen durchaus, allerdings zu einem stolzen Preis. Laut der Auswertung von CreatorDB kommen die drei mutmaßlich beworbenen Minecraft-Videos zusammen auf knapp 690.000 Aufrufe, während die übrigen Uploads im Median bei 622 Aufrufen liegen. Legt man die 118.000 Dollar vollständig auf die drei Videos um, kostete jeder Aufruf allerdings mindestens 17 Cent. Für überspringbare YouTube-Anzeigen sind normalerweise eher ein bis drei Cent üblich.
Viel Begeisterung lösten die gekauften Aufrufe jedenfalls nicht aus. Die beworbenen Videos erreichen eine Like-Rate von 0,49 Prozent und damit weniger als die Hälfte dessen, was Mikes übrige Videos mit mindestens 1.000 Aufrufen im Median erzielen. Überraschend ist das kaum, denn beworben wurden laut CreatorDB ein 34-minütiges Minecraft-Video, eine zwölfminütige Anleitung und eine einstündige Hardcore-Session. Wer solche Inhalte ungefragt als Werbung vorgesetzt bekommt, klickt selten auf "Gefällt mir".
Auch bei den Abonnent:innen blieb der Effekt überschaubar. Am Tag vor Daves Erklärvideo zählte der Kanal 9.320 Follower, rechnerisch hat damit jede:r einzelne mindestens 12,66 Dollar gekostet. Deutlich mehr bewirkte später ausgerechnet jenes Video, in dem der Vater die Geschichte öffentlich machte. Inzwischen steht der Kanal bei knapp 100.000 Abonnent:innen (Stand: 17.9., 12 Uhr), und zwar ganz ohne zusätzliches Werbebudget.
Job und Familienfinanzen stehen auf dem Spiel
Bis zu jenem Termin im Büro will Dave vom Ausmaß der Ausgaben nichts gewusst haben. Erst beim Blick auf die detaillierte Aufstellung, die ihm die Finanzabteilung vorgelegt hatte, sei ihm klar geworden, wohin das Geld geflossen war: Die gebuchten Kampagnen trugen nämlich Namen wie "Mighty Mike" und "Epic Roblox" oder bezogen sich auf Minecraft-Gameplay.
Wie der Arbeitgeber mit dem Vorfall umgeht, ist bislang offen. Dave weiß nach eigener Aussage noch nicht einmal, ob er seinen Job behalten kann, und hält es für möglich, einen Teil der Summe oder sogar den gesamten Betrag selbst zurückzahlen zu müssen. Sechsstellige Ersparnisse habe die Familie jedenfalls nicht einfach so herumliegen, betont er.
Vater übernimmt die Verantwortung
Seinem Sohn will Dave die Schuld jedenfalls nicht zuschieben. "Ich bin der Erwachsene in dieser Situation. Ich bin derjenige, der die Limits hätte einrichten müssen", sagt er im Video. "Mighty Mike Plays" pausiert nun vorerst. Weitergehen soll es erst, wenn keine Zahlungsmittel mehr gespeichert sind und Ausgabenlimits sowie Kindersicherungen eingerichtet wurden.
Unabhängig bestätigt ist die Geschichte bislang nur teilweise. Dass Videos des Kanals als Werbung ausgespielt wurden, belegen das Kurzvideo von NeverMyFault und die Berichte von Zuschauer:innen, auch die auffälligen Aufrufzahlen sind öffentlich einsehbar. Für die Höhe der Ausgaben, das Gespräch mit dem Arbeitgeber und mögliche berufliche Folgen gibt es dagegen nur Daves Schilderung. Rechnungen oder eine Stellungnahme des Unternehmens wurden bislang nicht veröffentlicht. Mike selbst fasste seine Lage am Ende des Videos in einem Satz zusammen: "I'm definitely cooked."
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