Als vor genau 60 Jahren die erste Folge von "Star Trek" über die Bildschirme des US-Senders NBC flimmerte, deutete wenig auf eine Weltkarriere hin. Die Quoten blieben mäßig, nach 79 Episoden und drei Staffeln war 1969 Schluss. Was damals wie ein gescheitertes TV-Experiment aussah, entwickelte sich letztendlich jedoch zu einem der einflussreichsten Science-Fiction-Franchises der Welt. Mittlerweile zählt Rechteinhaber Paramount elf Fernsehserien, 14 Kinofilme und mehr als 900 Episoden, während der 8. September weltweit als "Star Trek Day" begangen wird.
Zum heurigen runden Jubiläum schafft es das Franchise sogar bis ins All: ESA-Astronautin Sophie Adenot trägt das Delta-Abzeichen aus "Strange New Worlds" auf der Internationalen Raumstation (ISS). In den USA kehren zudem restaurierte Fassungen der frühen Kinofilme in Hunderte Säle zurück, während Fans in London einen Guinness-Weltrekord für den größten gemeinsam ausgeführten Vulkanischen Gruß (🖖) anstreben. Doch noch spannender als die Feierlichkeiten ist der Blick auf jene Zukunft, die "Star Trek" einst nur vorgab. Denn vieles von dem, was Requisiteur:innen in den Sechzigerjahren mit Sperrholz und Blinklichtern als Zukunftstechnik inszenierten, ist inzwischen (zumindest teilweise) Realität.
Vom Communicator zum Klapphandy
Es beginnt mit einem Requisit, das kaum größer war als eine Zigarettenschachtel. Immer wenn ein Außenteam die Enterprise verließ, klappte Captain Kirk ein handtellergroßes Gerät auf, sprach hinein und war verbunden. Kein Kabel, keine Vermittlung, kein Fahrzeug. Gedacht war das 1966 als reine Notlösung fürs Drehbuch, weil die Crew auf fremden Planeten ja irgendwie mit dem Schiff reden musste. Nebenbei formulierte die Serie damit aber eine Anforderung, an der die Telekommunikationsbranche zu diesem Zeitpunkt noch scheiterte: Erreichbar sein sollten nicht Orte, sondern Menschen.
Genau daran arbeitete sieben Jahre später Martin Cooper. Der Motorola-Ingenieur führte am 3. April 1973 in New York das erste öffentliche Telefonat mit einem Handgerät und rief ausgerechnet seinen Konkurrenten bei den Bell Labs an. Der Prototyp wog rund 1,1 Kilogramm, das daraus entstandene Modell "DynaTAC" kam erst zehn Jahre später in den Handel. Über Jahrzehnte hinweg wurde Cooper mit der Aussage zitiert, Kirks "Communicator" habe ihn zu einem Gerät ohne Kabel und ohne Auto motiviert.
In seinen Memoiren hat er diese Version später relativiert und darauf hingewiesen, dass die Entwicklung der Mobilfunktechnik bereits in den Fünfzigerjahren begann und sein Team 1966 längst auf der Zielgeraden war. Als eigentliches Vorbild nennt er heute die Armbanduhr aus den Dick-Tracy-Comics. Wie stark die Serie die Formensprache der Branche prägte, bleibt davon allerdings unberührt. Am 3. Jänner 1996 brachte Motorola mit dem "StarTAC" das erste Mobiltelefon im Muscheldesign auf den Markt, das sich mit einer Handbewegung aufklappen ließ. Es wog 88 Gramm, kostete bei Markteinführung rund 1.000 US-Dollar und wurde millionenfach verkauft. Der Namensbestandteil "TAC" stand schon bei den Vorgängermodellen für "Total Area Coverage". Warum das Unternehmen ausgerechnet ein "Star" davorsetzte, hat es allerdings nie offiziell erklärt.
Tricorder wurde zum Millionenwettbewerb
Während sich über die Herkunft des Mobiltelefons bis heute streiten lässt, ist die Sache beim "Tricorder" eindeutig. Schiffsarzt Leonard McCoy hält in der Serie ein Handgerät über eine Patientin und weiß Sekunden später, was ihr fehlt. Kein Labor, keine Wartezeit, keine Klinik. Für die Medizintechnik wurde dieses Bild zur Zielvorgabe, und die Entwickler:innen berufen sich ausdrücklich darauf. So schrieben die Qualcomm Foundation und die XPrize Foundation 2012 einen Wettbewerb aus, der das Vorbild schon im Namen trug. Gesucht war ein tragbares Gerät, das ohne ärztliche Hilfe 13 definierte Krankheitsbilder erkennt und fünf Vitalparameter laufend überwacht. Rund 300 Teams meldeten sich an, fünf Jahre später standen die Sieger fest.
Den mit 2,6 Millionen US-Dollar dotierten Hauptpreis holte 2017 das Team Final Frontier Medical Devices aus Pennsylvania rund um die Brüder Basil und George Harris, einen Notfallmediziner und einen Netzwerktechniker. Ihr Gerät "DxtER" kombiniert nicht invasive Sensoren mit einer lernenden Diagnose-Software. Aus dem Requisit war damit eine Produktkategorie geworden, an der bis heute zahlreiche Unternehmen arbeiten.
Tablet, Sprachcomputer und Übersetzer im Ohr
Nicht jedes Gerät aus dem Star-Trek-Universum hat einen Millionenwettbewerb ausgelöst, manche wurden von der Realität schlicht eingeholt. Das "PADD" etwa, jenes flache Anzeigegerät, das die Brückenoffizier:innen ab Ende der Achtzigerjahre praktisch ununterbrochen in der Hand halten, ist rund zwei Jahrzehnte später als Tablet zur eigenen Produktkategorie geworden. Ähnliches gilt für den "Bordcomputer", der auf Zuruf Auskunft gibt – was in den Sechzigerjahren als Drehbuchtrick begann, um Erklärungen unterzubringen, ist heute selbstverständlich als Sprachassistent in den meisten Lautsprechern, Autos und Telefonen verbaut.
Am weitesten fortgeschritten ist heute der "Universalübersetzer", der in der Serie jede Spezies verständlich macht. Simultane maschinelle Übersetzung in Dutzende Sprachen läuft inzwischen auf gewöhnlichen Smartphones und in Kopfhörern, wenn auch ohne die für die Serie typische Lippensynchronität. Der "Replikator" wiederum hat mit dem 3D-Druck einen technologischen Verwandten bekommen, der von Kunststoff über Metall bis zu biologischen Materialien arbeitet. Vom Nachbau einer Mahlzeit auf Zuruf ist er allerdings noch weit entfernt.
Was bis heute Fiktion geblieben ist
Doch nicht jede Vision hat den Sprung in die Realität geschafft. Ausgerechnet das ikonischste Gerät der Serie ist zugleich das aussichtsloseste: Der "Transporter" entstand 1966 aus reiner Budgetnot, weil die Produktion sich keine Landefähre und keine wöchentlichen Landungsszenen leisten konnte. Statt die Enterprise aufsetzen zu lassen, löste man die Crew einfach in Lichtpunkte auf. Aus dieser Sparmaßnahme wurde das Sinnbild des ganzen Franchise. Und genau das dürfte es auch bleiben, denn das Beamen von Materie ist nach heutigem Stand der Physik nicht realisierbar. Die Quantenteleportation funktioniert im Labor zwar seit Jahrzehnten, überträgt aber Zustände und keine Atome, und schon gar keine Menschen.
Etwas besser sieht es beim "Warp-Antrieb" aus, jener Technik, die in der Serie überhaupt erst interstellare Reisen und damit die wöchentliche Begegnung mit neuen Zivilisationen ermöglicht. Der mexikanische Physiker Miguel Alcubierre formulierte 1994 ein theoretisches Modell dafür, bei dem sich der Raum vor einem Schiff zusammenzieht und dahinter ausdehnt. In seiner Grundform benötigt es exotische Materie mit negativer Energiedichte in Mengen, die niemand herstellen kann. Neuere Ansätze etwa von Erik Lentz oder Alexey Bobrick kommen rechnerisch ohne solche Materie aus, verlangen dafür aber Energiemengen, die technisch ebenso unerreichbar bleiben.
Ähnlich verhält es sich mit dem "Holodeck". Ab den Achtzigerjahren verfügte die Enterprise über einen leeren Raum, der auf Befehl jede beliebige Umgebung erzeugte, von der Landschaft bis zur Romanfigur. Die Crew verbrachte dort ihre Freizeit, konnte durch die Kulissen gehen, Gegenstände in die Hand nehmen und den erzeugten Figuren die Hand schütteln. Moderne Virtual- und Augmented-Reality-Headsets erzeugen zwar Bilder für Augen und Ohren, an begehbaren Räumen mit physischer Materie scheitern sie aber vollständig.
Und nicht zuletzt bleibt auch der ikonische "Phaser" – die Handwaffe der Sternenflotte, die ihr Ziel mit einem gebündelten Energiestrahl trifft und je nach Einstellung nur betäubt oder zerstört – ein Requisit. Militärs weltweit arbeiten zwar seit Jahrzehnten an Laser- und Mikrowellenwaffen, diese kommen aber als tonnenschwere Systeme auf Schiffen und Fahrzeugen daher, nicht als handliches Gerät.
Wien feiert das Jubiläum im November
Gefeiert wird das 60-jährige "Star Trek"-Jubiläum auch in Österreich. Bei der VIECC Vienna Comic Con am 21. und 22. November in der Messe Wien kommen dafür gleich mehrere Schauspieler:innen und Kreative aus dem Franchise zusammen: Nicole de Boer, die in "Deep Space Nine" die Rolle der Ezri Dax verkörperte, Marina Sirtis, bekannt als Counselor Deanna Troi aus "The Next Generation", Valerie Weiss, Regisseurin zweier Folgen von "Strange New Worlds", René von Bodisco, Regisseur des "Star Trek"-Fanfilms "Kobayashi Maru", sowie der Emmy-prämierte VFX Supervisor Ante Dekovic, der an "Discovery" und "Picard" mitwirkte. An beiden Messetagen wird zudem "Kobayashi Maru" erstmals in Österreich gezeigt, jeweils gefolgt von einer Diskussionsrunde mit den Beteiligten.
"Was damals mit Captain Kirk, Mr. Spock und der USS Enterprise begann, ist längst Popkulturgeschichte. Und das Faszinierende ist: 'Star Trek' hat auch 60 Jahre später nichts von seiner Strahlkraft verloren. Generationen von Fans sind mit diesen Geschichten aufgewachsen – und im November holen wir ein Stück dieser 'unendlichen Weiten' nach Wien", so Patrick Krippner und Chang Xue, Veranstalter der Vienna Comic Con.
www.viecc.com
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