Trotz der weiterhin bestehenden geopolitischen Unsicherheiten haben sich die wirtschaftlichen Erwartungen in Österreich zum Start in die zweite Jahreshälfte aufgehellt. Der UniCredit Bank Austria Konjunkturindikator legte im Juli auf minus 0,8 Punkte zu und erreichte damit den höchsten Wert seit den wirtschaftlichen Verwerfungen im Zusammenhang mit dem US-Angriff auf den Iran und der Blockade der Straße von Hormus. Die verbesserte Stimmung zeigte sich dabei in sämtlichen Wirtschaftssektoren, besonders deutlich in der Industrie.
"Die deutliche Stimmungsaufhellung gegenüber dem Vormonat erfasste alle Wirtschaftssektoren. Besonders stark fiel die Verbesserung in der Industrie aus, aber auch der Dienstleistungssektor zeigte eine merkliche Erholung", sagt UniCredit Bank Austria Chefökonom Stefan Bruckbauer.
UniCredit Bank Austria Konjunkturindikator Österreich © Statistik Austria/Wifo/UniCredit
Industrie zeigt deutlich bessere Stimmung
Besonders ausgeprägt sei die Aufhellung in der heimischen Industrie gewesen. Der entsprechende Indikator habe den höchsten Stand seit April 2023 erreicht, erläutert Bruckbauer. Im Bau habe sich die Stimmung nur moderat verbessert. Impulse seien dabei vom Hoch- und Tiefbau gekommen, während die Nebengewerbe weiterhin unter Druck gestanden seien. Im Dienstleistungssektor habe die anhaltende Verunsicherung der Konsument:innen die Entwicklung belastet. Trotz des dort weiterhin ausgeprägten Pessimismus trug der Dienstleistungssektor im Juli am stärksten zum Anstieg des Konjunkturindikators bei.
Eine wesentliche Rolle spielte dabei die nachlassende Inflation, die sich unter anderem in niedrigeren Treibstoffpreisen bemerkbar machte. Im Bau nahm die Skepsis in allen Teilbereichen etwas ab, obwohl die Auftragslage schwach blieb. In der Industrie sorgten eine bessere Auftragssituation und ein leicht nachlassender Kostendruck für positivere Einschätzungen. Unterstützung kam zudem aus dem internationalen Umfeld. Der mit den österreichischen Handelsenteilen gewichtete Indikator für die globale Industriestimmung verbesserte sich im Juli insbesondere aufgrund einer günstigeren Entwicklung in Europa.
Österreich bleibt hinter dem Euroraum
Die jüngste Verbesserung ändert allerdings nichts daran, dass die Stimmung in sämtlichen Wirtschaftssektoren weiterhin im pessimistischen Bereich liegt. Teilweise befinden sich die Werte deutlich unter ihrem langjährigen Durchschnitt.
"Die Einschätzung der wirtschaftlichen Lage in Österreich war zudem bereits den fünften Monat in Folge schwächer als im Euroraum", erklärt UniCredit Bank Austria Ökonom Walter Pudschedl. Positiv sei, dass sich der Abstand zum Euroraum in allen Bereichen verkleinert habe. Am deutlichsten sei dies im Dienstleistungssektor zu beobachten gewesen. Die größte Differenz bestehe weiterhin in der Industrie.
Schrittweise Konjunkturerholung erwartet
Der Iran-Krieg hatte im zweiten Quartal die von den beiden Ökonomen erwartete Delle in der österreichischen Wirtschaft ausgelöst. Die aktuellen Stimmungsindikatoren würden nun jedoch die Erwartungen einer schrittweisen Erholung unterstützen. Hoffnungen auf ein dauerhaftes Abkommen zwischen dem Iran und den USA sowie auf eine Normalisierung des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus hätten zu einer besseren Stimmung beigetragen. Sollten weitere Störungen ausbleiben, dürfte sich dies in den kommenden Monaten positiv auf die Wirtschaft auswirken.
Getragen werden soll die Erholung laut der UniCredit Bank Austria insbesondere von Investitionen und Konsum. Der private Konsum wurde zuletzt durch die höhere Inflation belastet. Gleichzeitig dürfen die Folgen des Konflikts weiterhin bremsend wirken. Dazu zählen vor allem Störungen der Lieferketten und höhere Energiekosten. "Mit der Entspannung der geopolitischen Lage sollte die bereits zu Jahresbeginn erkennbare moderate Erholungstendenz wieder einsetzen. Wir erwarten daher weiterhin ein Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent für 2026", so Pudschedl.
Auch 2027 dürften die Folgen des Iran-Kriegs zunächst noch Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung haben. Ein stabileres geopolitisches Umfeld und eine Normalisierung der Energiemärkte sollten nach Einschätzung der Bank Austria jedoch für bessere Rahmenbedingungen sorgen. Eine stärkere Inlandsnachfrage könnte die Erholung zusätzlich festigen. Unter diesen Voraussetzungen hält die Bank für 2027 ein BIP-Wachstum von 1,2 Prozent für möglich.
Die Konjunkturprognose der Bank Austria Expert:innen weist für 2026 darüber hinaus ein Plus der Industrieproduktion von 1,5 Prozent aus. Der private Konsum soll um 0,5 Prozent und die Investition um 0,7 Prozent steigen. Für 2027 werden Zuwächse von 2,5 Prozent bei der Industrieproduktion, 1,1 Prozent beim privaten Konsum und 1,6 Prozent bei den Investitionen prognostiziert.
Beim öffentlichen Haushalt wird für 2026 mit einem Defizit von 4,0 Prozent des BIP gerechnet, für 2027 mit 3,8 Prozent. Die öffentliche Verschuldung wird für 2026 mit 82,5 Prozent des BIP und für 2027 mit 83,4 Prozent ausgewiesen.
Arbeitsmarkt bleibt angespannt
Trotz der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung zeigt sich der österreichische Arbeitsmarkt weiterhin robust. Seit Jahresbeginn erhöhte sich die Zahl der Arbeitssuchenden lediglich um rund 4.000 Personen. Gleichzeitig gab es einen leichten Beschäftigungszuwachs. Der weiterhin bestehende Fachkräftemangel sowie das nur langsam wachsende Arbeitskräfteangebot stützen zusätzlich die Nachfrage nach Beschäftigten. Seit dem Frühjahr liegt die saisonbereinigte Arbeitslosenquote bei 7,6 Prozent.
Mit der erwarteten schrittweisen Konjunkturerholung sollte sich die Situation in den kommenden Monaten stabilisieren. Im Verlauf des Jahres 2027 könnte die Arbeitslosenquote nach Einschätzung der Ökonomen wieder leicht zurückgehen.
"Nach dem Anstieg der Arbeitslosenquote auf durchschnittlich 7,5 Prozent im Jahr 2026 sollte die wirtschaftliche Belebung 2027 zu einer allmählichen Entspannung beitragen. Im Jahresdurchschnitt erwarten wir eine Arbeitslosenquote von 7,4 Prozent", so Pudschedl. Die Beschäftigung soll laut Prognose sowohl 2026 als auch 2027 um jeweils 0,4 Prozent zunehmen.
Österreich Konjunkturprognose © UniCredit
Inflation sinkt im Juli auf 2,7 Prozent
Auch bei der Inflation hat sich die Lage zuletzt etwas entspannt. Nach einem Höchststand von 3,7 Prozent im Mai (LEADERSNET berichtete) ging die Teuerungsrate nach vorläufigen Schätzungen im Juli auf 2,7 Prozent zurück (LEADERSNET berichtete). Damit fiel sie erstmals seit Beginn des Iran-Konflikts wieder unter die Marke von drei Prozent.
Neben niedrigeren Treibstoffpreisen war der Rückgang wesentlich auf die Mehrwertsteuersenkung bei Grundnahrungsmitteln zurückzuführen. In den ersten sieben Monaten des Jahres lag die durchschnittliche Inflationsrate laut UniCredit bei 2,9 Prozent.
Der Preisdruck dürfte in den kommenden Monaten dennoch erhöht bleiben, so die Experten. Darauf weist laut Bank Austria die weiterhin über drei Prozent liegende Kerninflation. Neben einer starken Preisentwicklung im Dienstleistungssektor bestehen Risiken bei Nahrungsmitteln. Hitzebedingte Ernteausfälle könnten hier stärkere Preissteigerungen verursachen. Gleichzeitig dürften die Energiepreise weniger deutlich zurückgehen als ursprünglich angenommen, weil Raffinerieengpässe die Weitergabe niedrigerer Rohölpreise verzögern.
"Wir erwarten für Österreich im Jahresdurchschnitt 2026 eine Inflationsrate von 3,2 Prozent. Auch im Euroraum dürfte die Teuerung mit 2,9 Prozent über dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank liegen", so Pudschedl. Für 2027 weist die Prognose für Österreich eine Inflationsrate von 2,5 Prozent aus.
EZB könnte Zinsen im September erneut anheben
Für die Europäische Zentralbank (EZB) bleibt die Situation nach Einschätzung der Bank Austria anspruchsvoll. Die Rohölmärkte haben sich zwar etwas beruhigt, hohe Raffineriemargen und Kapazitätsengpässe verhindern jedoch einen stärkeren Rückgang der Energiekosten. Zusätzlich bestehen Risiken durch steigende Nahrungsmittelpreise sowie mögliche Zweitrundeneffekte des Energiepreisanstiegs.
"Die geopolitischen Risiken im Nahen Osten, die Unsicherheit auf den Energiemärkten und die robuste Entwicklung der Arbeitsmärkte sprechen dafür, dass die EZB ihren Straffungszyklus noch nicht abgeschlossen hat. Wir rechnen daher weiterhin mit einer Anhebung der Leitzinsen um 25 Basispunkte bei der September-Sitzung", so Bruckbauer.
Sollte es zu keiner weiteren Eskalation an den Energie- und Rohstoffmärkten kommen, dürfte diese Zinserhöhung nach Einschätzung der Bank Austria den Endpunkt des aktuellen Straffungszyklus markieren. Der Einlagensatz würde dadurch auf 2,50 Prozent steigen. Wegen der Gefahr einer sich verfestigenden Inflation könnte eine restriktive Geldpolitik allerdings länger erforderlich bleiben. Eine mögliche Lockerung gegen Ende 2027 könnte sich dadurch verzögern.
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