LEADERSNET veröffentlicht regelmäßig Interviews, Porträts und Servicegeschichten von aehre. Dabei befasst sich das nachhaltige Businessmagazin stets mit einem der zentralen Themen der Gegenwart: Nachhaltigkeit, in all ihren Facetten von Environment über Social bis Governance, von Innovationen über Generationendiskurs bis zu Nachfolgethemen.
Nachdem es beim vergangenen Mal um Blackouts und der Frage, wie krisensicher wir tatsächlich sind, gegangen sind, spricht nun Sonja Kato, Leadership Couch und Inhaberin der von ihr gegründeten Agentur communikato & coaching, über "Notfall-Frauen", die immer dann zeitlich begrenzt zum Einsatz kommen, wenn Männer scheitern.
Text: Sonja Kato
Es ist fast schon ein politisches und wirtschaftliches Naturgesetz in Österreich: Wenn Systeme ins Wanken geraten, wenn Vertrauen verspielt wurde und wenn es wirklich ungemütlich wird – dann übernimmt plötzlich eine Frau.
Beim ORF: Chaos an der Spitze, der Generaldirektor geht – und wer führt durch die heikelste Phase? Eine Frau. In der Wirtschaftskammer: Turbulenzen, Vertrauensverlust, Rücktritt – und plötzlich steht mit Martha Schultz eine Frau an der Spitze und soll sanieren. Und wir müssen gar nicht weit zurückgehen: Nach dem Ibiza-Skandal 2019 war es Brigitte Bierlein, die als erste Bundeskanzlerin eine Übergangsregierung führte – bislang der Ausnahmezustand am Ballhausplatz.
Zufall? Wohl kaum
Ich habe dieses Muster selbst erlebt. Anfragen, Führung zu stabilisieren, kamen nie dann, wenn alles lief. Nie in stabilen Phasen, in denen Gestaltung möglich gewesen wäre. Sondern immer dann, wenn etwas repariert werden musste. Wenn Systeme erschöpft waren. Wenn Teams Orientierung suchten. Wenn Erwartungen hoch und die Spielräume klein waren. Aber: Was in Krisenzeiten wie Vertrauen klingt, ist oft eine systemische Verschiebung von Risiko.
Wenn die Chance des Scheiterns Hoch ist
In der Forschung nennt man das "Glass Cliff": Frauen werden bevorzugt in Führungspositionen gehoben, wenn die Lage bereits kritisch und die Wahrscheinlichkeit zu scheitern besonders hoch ist. Und: Damit die Möglichkeit, dieses Scheitern, den Frauen in die Schuhe zu schieben, bestehen bleibt. Österreich liefert aktuell ein Lehrbuchbeispiel dafür. Die Wirtschaft stagniert, Wachstum bleibt minimal, Unternehmen stehen unter Druck. Genau in dieser Phase sollen Frauen hochpotente Institutionen wie ORF und WKO reparieren, stabilisieren, Vertrauen zurückgewinnen.
Und ja – viele von uns können das
Und ja: Frauen führen anders. Oft weniger egogetrieben, stärker im System gedacht. Wir hören allen Standpunkten zu, bevor wir entscheiden. Wir bauen Brücken, während andere noch Schuldige suchen. Genau diese Fähigkeiten werden in der Krise plötzlich wertvoll. Aber genau darin liegt die Provokation: Warum erst dann? Warum gelten diese Qualitäten im Normalbetrieb als "weich", als "nice to have", aber im Ausnahmezustand als überlebensnotwendig?
»Wir müssen eine andere Frage stellen: Warum traut man Frauen erst in Krisen zu, ein System zu tragen.«
Sonja Kato
Die unbequeme Wahrheit ist: Frauen werden in Österreich in der Krise berufen, weil uns das Wegräumen mehr zugetraut wird als das Errichten. Und selbst diese Aufgabe wird nur temporär übergeben: Interimslösung, Übergang, Stabilisierung – das sind oft die Kontexte weiblicher Führung. Während im Hintergrund bereits wieder an der "dauerhaften" – und auffällig oft männlichen – Nachfolge gearbeitet wird.
Rettungsanker statt Machtfaktor
Das ist kein Zufall, sondern hat Struktur und folgt dem Prinzip des Patriarchats. Wenn wir also ernsthaft über Leadership von Frauen sprechen wollen, müssen wir eine andere Frage stellen. Nicht: Warum Frauen in Krisen führen.
Sondern: Warum man ihnen erst dann zutraut, ein System zu tragen. Solange sich daran nichts ändert, bleibt weibliche Führung in Österreich das, was sie viel zu oft ist: ein Rettungsanker – aber kein Machtfaktor. –
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