Interview mit Kevin Riedl
"Ein ehrliches 'Nein' ist kein Pessimismus, sondern Risikomanagement"

Im LEADERSNET-Interview spricht Kevin Riedl, Gründer von Wavect, über Founder-led Delivery, ehrliche Produktentscheidungen, Vibe Coding, KI-Qualität und darüber, warum erfolgreiche Software mehr braucht als funktionierenden Code.

LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Riedl, Wavect beschreibt sich als Software Product Studio und nicht als klassische Softwareagentur. Was bedeutet dieser Unterschied konkret?

Kevin Riedl: Eine klassische Softwareagentur baut oft das, was im Briefing steht. Ein Software Product Studio hinterfragt zuerst, ob dieses Produkt überhaupt gebaut werden sollte, für wen es Wert schafft und wie es am Markt bestehen kann. Bei Wavect GmbH geht es nicht nur um Code, sondern um Produktentscheidungen: Was ist der kleinste sinnvolle Start? Welche Funktion bringt echte Nutzung? Wo verbrennen wir Budget, ohne dem Geschäftsmodell näherzukommen?

Der Unterschied ist: Wir verkaufen nicht primär Entwicklerstunden, sondern Verantwortung für ein digitales Produkt. Deshalb verbinden wir Produktstrategie, Softwarearchitektur, Full-Stack-Entwicklung, KI-Integration und Qualitätssicherung in einem sehr engen Team. Unser Ziel ist Software, die nicht nur fertig wird, sondern genutzt, verstanden und verkauft wird.

LEADERSNET: Wann ist ein digitales Produkt aus Ihrer Sicht wirklich erfolgreich, reicht es, wenn Software technisch funktioniert?

Riedl: Nein. Technisch funktionierende Software ist nur die Eintrittskarte. Erfolgreich ist ein digitales Produkt erst dann, wenn es ein reales Problem löst, regelmäßig genutzt wird und einen messbaren Beitrag zum Geschäft leistet, etwa durch Umsatz, Effizienz, geringere Fehlerquoten oder bessere Kundenerfahrung.

Viele Teams verwechseln "es läuft" mit "es funktioniert am Markt". Für uns ist ein Produkt dann stark, wenn Technik, Nutzerverhalten und Geschäftsmodell zusammenpassen. Ein sauber programmierter MVP, den niemand nutzt, ist kein Erfolg. Ein schlankes Produkt, das echte Nachfrage beweist und schnell weiterentwickelt werden kann, ist viel wertvoller.

LEADERSNET: Viele Softwareprojekte starten mit großen Erwartungen, scheitern aber an Budgetüberschreitungen, Verzögerungen oder geringer Nutzung. Woran liegt das meistens?

Riedl: Meistens scheitern Softwareprojekte nicht an zu wenig Code, sondern an zu wenig Klarheit. Es wird zu früh gebaut, zu spät getestet und zu lange an Annahmen festgehalten. Unternehmen definieren große Feature-Listen, aber selten die Frage: Welcher Teil davon muss wirklich stimmen, damit dieses Produkt wirtschaftlich Sinn ergibt?

Budgetüberschreitungen entstehen oft, weil Scope, Verantwortung und Erfolgskriterien schwammig sind. Geringe Nutzung entsteht, weil Teams intern begeistert sind, aber zu wenig echten Kontakt zum Markt haben. Gute Softwareentwicklung beginnt deshalb vor der ersten Zeile Code: mit Discovery, technischer Planung, Marktvalidierung und der Bereitschaft, falsche Features früh zu streichen.

LEADERSNET: Wavect arbeitet mit founder-led delivery und ohne klassische Account-Manager-Handoffs. Warum macht das für Kund:innen einen Unterschied?

Riedl: Weil bei Software jede Übergabe Informationsverlust bedeutet. Wenn jemand verkauft, jemand anderer plant und ein drittes Team baut, verschwinden oft genau die Nuancen, die später über Qualität, Budget und Geschwindigkeit entscheiden. Bei Founder-led Delivery sind die Personen, die mit dem:der Kunden:in sprechen, auch in Produktentscheidungen, Architektur und Umsetzung involviert.

Für Kund:innen bedeutet das: weniger Theater, weniger stille Post, mehr Verantwortung. Bei Wavect sitzen Christof Jori und ich als Gründer direkt in den Projekten, Produkt, Scope, Architektur, Code-Review und Delivery bleiben eng verbunden. Das macht Entscheidungen schneller und ehrlicher, gerade bei komplexen Softwareprodukten, KI-Anwendungen oder MVPs mit unsicherem Markt.

LEADERSNET: Sie sprechen davon, dass ein ehrliches "Nein" Teil guter Softwareentwicklung ist. Wann sagen Sie einem Unternehmen: "Dieses Produkt sollten Sie so lieber nicht bauen"?

Riedl: Wir sagen Nein, wenn das Produkt zwar technisch baubar ist, aber wirtschaftlich, organisatorisch oder strategisch keinen Sinn ergibt. Zum Beispiel, wenn ein Unternehmen eine große Plattform bauen will, aber noch nicht bewiesen hat, dass ein einzelner Kernprozess überhaupt Nachfrage erzeugt. Oder wenn KI eingesetzt werden soll, obwohl eine einfache Regel, ein Formular oder ein bestehender Prozess schneller, günstiger und verlässlicher wäre.

Ein ehrliches Nein ist kein Pessimismus, sondern Risikomanagement. Schlechte Softwareprojekte scheitern selten plötzlich, sie scheitern in vielen kleinen Ja-Sagern. Unser Job als Software Product Studio ist es, Kund:innen nicht in den falschen Build hineinzuberaten. Manchmal ist die beste technische Entscheidung, noch nicht zu bauen, kleiner zu starten oder ein Feature komplett zu streichen.

LEADERSNET: Viele Unternehmen testen derzeit Chatbots, KI-Tools oder interne Pilotprojekte. Was unterscheidet aus Ihrer Sicht echte Wertschöpfung von bloßer KI-Demo?

Riedl: Eine KI-Demo beeindruckt in einem Meeting. Echte Wertschöpfung hält im Alltag stand. Der Unterschied liegt darin, ob ein KI-System einen konkreten Prozess messbar verbessert: spart es Zeit, reduziert es Fehler, beschleunigt es Entscheidungen, senkt es Kosten oder schafft es neue Umsätze? Wenn diese Frage nicht beantwortet ist, ist es wahrscheinlich nur eine Demo.

Bei KI-Integration achten wir auf drei Dinge: Erstens muss der Use Case wirtschaftlich sinnvoll sein. Zweitens braucht das System Guardrails, Monitoring und Evaluation, damit falsche Antworten erkannt werden. Drittens muss KI in bestehende Systeme eingebunden werden, CRM, ERP, Datenbanken, interne Tools, statt als isolierter Chatbot neben der Organisation zu stehen. Die wertvollen KI-Produkte sind selten die lautesten Demos, sondern die leisen Systeme, die echte Arbeit abnehmen.

LEADERSNET: KI verändert auch die Softwareentwicklung selbst. Welche Risiken entstehen, wenn Unternehmen AI-assisted Development oder sogenanntes Vibe Coding mit echter Softwarequalität verwechseln?

Riedl: AI-assisted Development kann ein enormer Beschleuniger sein. Das Problem beginnt, wenn Geschwindigkeit mit Qualität verwechselt wird. Vibe Coding erzeugt oft sehr schnell einen sichtbaren Prototypen, aber ein Prototyp ist noch kein Produkt. Was häufig fehlt, sind Architektur, Security, Tests, Fehlerbehandlung, Datenmodellierung, Deployment-Prozesse, Wartbarkeit und klare Verantwortung.

Das Risiko ist, dass Unternehmen glauben, sie hätten bereits Software, obwohl sie eigentlich nur eine Demo mit technischem Schuldenberg haben. Gerade bei KI-generiertem Code braucht es erfahrene Engineers, die prüfen, ob das System stabil, sicher und langfristig wartbar ist. Bei Wavect sehen wir AI-assisted Development nicht als Ersatz für Softwarequalität, sondern als Werkzeug. Die Qualität entsteht weiterhin durch Architekturentscheidungen, Code-Review, QA, Monitoring und Produktverstand.

LEADERSNET: Wavect arbeitet international, kommt aber aus Tirol. Was braucht es, damit mehr digitale Produkte aus Österreich auch außerhalb des Heimatmarktes erfolgreich werden?

Riedl: Österreich hat sehr gute Engineers, starke Ausbildung und viele solide Unternehmen. Was oft fehlt, ist nicht Talent, sondern internationaler Produktmut. Wer nur für den Heimatmarkt denkt, baut oft zu klein, zu lokal und zu vorsichtig. Digitale Produkte aus Österreich müssen von Beginn an so gedacht werden, dass sie auch für Kund:innen in Deutschland, Europa oder global verständlich, kaufbar und skalierbar sind.

Dazu braucht es klare Positionierung, englische Kommunikation, saubere technische Standards und den Willen, echte Nischen international zu besetzen. Tirol ist für uns kein Nachteil, im Gegenteil. Ein Software Product Studio aus Tirol kann international arbeiten, wenn es klar sagt, wofür es steht: schlanke Softwareprodukte, starke Produktentscheidungen und technische Qualität. Der Markt interessiert sich am Ende nicht dafür, ob ein gutes digitales Produkt aus Wien, Berlin, London oder Ampass kommt. Er interessiert sich dafür, ob es ein echtes Problem besser löst als die Alternativen.

LEADERSNET: Vielen Dank!

www.wavect.io

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