LEADERSNET: Was fasziniert Sie am meisten an Ihrer Arbeit – die Technik, das Regelwerk oder die Möglichkeit, Systeme effizienter zu machen?
Rene Maderthaner: Mich fasziniert vor allem, dass man mit technischer Analyse Dinge sichtbar machen kann, die sonst zu spät auffallen. Bei Gebäuden hängt sehr viel zusammen: Energiebedarf, Komfort, Nutzung, Regelung, Anlagentechnik und natürlich die Frage, was das Ganze im Alltag kosten wird. Spannend wird es genau dort, wo man die Standardplanung auf den Prüfstand stellt. Ein Gebäude kann auf dem Papier stimmig wirken und im Betrieb trotzdem laufend Probleme machen. Wenn man diese Zusammenhänge früh erkennt, kann man Entscheidungen fundierter treffen.
LEADERSNET: Ihr Ingenieurbüro beschäftigt sich mit Energiekonzepten, dynamischer Gebäude- und Anlagensimulation sowie technischem Monitoring. Worin liegt dabei Ihr konkreter Beitrag für Eigentümer:innen, Betreiber:innen und Projektverantwortliche in der Immobilienwirtschaft?
Maderthaner: Unser Beitrag liegt darin, Probleme sichtbar zu machen, bevor sie entstehen oder im Betrieb teuer werden. Viele Entscheidungen wirken in der Planung plausibel, zeigen ihre Schwächen aber erst später: wenn Räume nicht komfortabel sind, wenn der Energiebedarf aus dem Ruder läuft, wenn Anlagen nicht stabil arbeiten oder wenn Nutzer:innen sich laufend beschweren. Wir prüfen daher nicht nur, ob etwas theoretisch funktioniert, sondern wie es sich im echten Betrieb auswirkt. Für Eigentümer:innen, Betreiber:innen und Projektverantwortliche ist das vor allem deshalb relevant, weil Fehlentscheidungen bei Gebäuden meist nicht einmalig teuer sind. Sie verursachen oft über Jahre hinweg Mehrkosten, Ärger und Folgeaufwand.
LEADERSNET: Mit welchen Tools oder Methoden unterstützen Sie Ihre Kund:innen bei der Umsetzung komplexer technischer Entscheidungen?
Maderthaner: Wir arbeiten mit dynamischen Simulationsmodellen, Lastprofilen, Betriebsdaten und strukturierten technischen Auswertungen. Das eigentliche Werkzeug ist aber nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist, dass aus technischen Informationen eine verständliche Grundlage für Entscheidungen wird. Ein:e Eigentümer:in oder Projektverantwortliche:r muss am Ende nicht jedes Detail der Modellierung kennen. Er:sie muss verstehen, wo das Risiko liegt, welche Variante robuster ist und welche Entscheidung später weniger Probleme verursacht.
LEADERSNET: Welche Rolle spielen Digitalisierung und Automatisierung generell in Ihrer Branche – wo liegen die Chancen bzw. wo sehen Sie dabei die größte Gefahr?
Maderthaner: Die große Chance liegt darin, dass Gebäude heute viel mehr über sich selbst verraten als früher. Man kann aus Daten erkennen, ob eine Anlage sinnvoll läuft, ob etwas unnötig Energie benötigt oder ob ein System ständig gegen sich selbst arbeitet. Die größte Gefahr ist aus meiner Sicht nicht die Technik, sondern die Illusion, dass Daten allein schon etwas lösen. Es reicht nicht, Messwerte zu sammeln und irgendwo darzustellen. Man muss sie deuten können und daraus konkrete Schritte ableiten. Sonst entsteht nur ein digitaler Ablageplatz, aber keine Verbesserung im Betrieb.
LEADERSNET: Welche technologischen Entwicklungen beobachten Sie derzeit mit besonderem Interesse – und bei welchen glauben Sie, dass sie Ihre Branche in den nächsten Jahren grundlegend verändern könnten?
Maderthaner: Ich beobachte besonders aufmerksam die Weiterentwicklung von Simulation, Monitoring und das Verbinden all dieser Informationen in einem digitalen Zwilling. Ich glaube, dass sich in den nächsten Jahren stärker durchsetzen wird, was eigentlich naheliegend und viel grundlegender ist: Planung, Inbetriebnahme und Betrieb nicht länger als getrennte Welten zu behandeln. Ein Gebäude ist am Ende kein schönes Konzept, sondern ein dauerhaft genutztes System. Und genau daran wird sich in Zukunft noch stärker messen lassen, ob eine technische Entscheidung wirklich gut war.
LEADERSNET: Ihr Unternehmen ist verankert sowohl in der Planers-Szene als auch in der Facility-Management-Szene. Warum?
Maderthaner: Weil viele Probleme, über die man sich später im Betrieb ärgert, deutlich früher entstehen. Wer Problemgebäude im Bestand genauer anschaut, erkennt schnell wiederkehrende Muster: gut gemeinte Entscheidungen, die in der Realität nicht robust genug sind, falsch eingeschätzte Lasten, unklare Betriebsweisen oder Technik, die auf dem Papier schlüssig aussieht, doch in den ersten Betriebsjahren zeigt sich bald, dass es trotzdem nicht so läuft wie erwartet. Ohne die Anlagen zu monitoren und zu analysieren, ist man sich als Betreiber:in der Fehl-Performance auch gar nicht bewusst. Es empfiehlt sich, die Inbetriebnahme durch eine unabhängige dritte Instanz begleiten und prüfen zu lassen – Stichwort: Technisches Monitoring –, denn üblicherweise überprüft sich die Errichter-Firma selbst. Dieses Wissen aus der Betreiberrealität gehört aus meiner Sicht viel stärker nach vorn in die Planung. Je früher man versteht, wie ein Gebäude später wirklich funktionieren soll, desto eher lassen sich teure Umwege vermeiden.
LEADERSNET: Können Sie ein aktuelles Projekt nennen, das sinnbildlich für Ihre Arbeitsweise und Ihr Innovationsverständnis steht?
Maderthaner: Ein aktuelles Beispiel ist ein Wohnbauprojekt mit geothermischer Versorgung. Dort untersuchen wir mit dynamischer Simulation, welche Leistungen tatsächlich erforderlich sind und wie das Erdsondenfeld sinnvoll ausgelegt werden kann. Wir bilden mit Simulation auch das Erdsondenfeld nach und untersuchen das Verhalten über die Jahrzehnte, damit eine robuste Entscheidung zur Anzahl der erforderlichen Erdsonden getroffen werden kann. Hier gibt es oft erhebliches Einsparpotenzial.
Oder unser Einsatz im Bestand: in einem erst fünf Jahre jungen Bildungs-Neubau – architektonisch sehr hübsch – wird im Betrieb über deutliches Unbehagen in den Büroräumlichkeiten berichtet. Grund: die thermische Behaglichkeit und die Qualität der Innenraumluft sind vor allem im Winter unzureichend. Ursache: Falsche Entscheidungen bei der Realisierung. Dringend Notwendiges aus der Planung wurde im Nachhinein gestrichen, das Konzept geht so nicht auf. Hier erarbeiten wir nun Lösungsvarianten. Das ist alles mit Mehrkosten verbunden, die man hätte vermeiden können. Anhand von Simulationen eines Referenzraums zeigen wir beispielsweise die Auswirkungen von Planungsentscheidungen auf die Behaglichkeit und machen damit die Auswirkungen auf Energiebedarf und Behaglichkeit sichtbar. Von der Wahl der Fensterqualität und der Wandaufbauten über die Wahl der Raumheizungssysteme oder Lüftungsauslässe – wir erstellen fundierte Entscheidungsgrundlagen für Investitionen. Damit es im Nachhinein nicht zu solchem Ärger und Folgekosten kommt.
LEADERSNET: Der Leitsatz "Ingenieurbüros: Motor für Innovation und Technik" – wo sehen Sie sich konkret in diesem Antriebssystem? Zahnrad, Zündfunke oder vielleicht sogar das Navigationssystem?
Maderthaner: Am ehesten als Zündfunke. Nicht im Sinn von Lautstärke, sondern im Sinn von: Dinge früh ansprechen, die später entscheidend werden. Wir bringen Fragen auf den Tisch, die in vielen Projekten zu spät gestellt werden. Zum Beispiel: Wird dieses Gebäude später wirklich gut beherrschbar sein? Wird die Technik im Alltag robust laufen? Entsteht hier ein gutes Gebäude – oder nur eines, das in der Planungsphase überzeugend ausgesehen hat?
LEADERSNET: Ist es als innovatives Ingenieurbüro leicht am Markt?
Maderthaner: Nein, leicht ist es nicht. Wer Leistungen anbietet, deren Nutzen oft erst später sichtbar wird, muss mehr erklären als jemand, der nur eine klassische Standardleistung verkauft. Gleichzeitig merken wir, dass das Verständnis wächst – vor allem dort, wo Eigentümer:innen und Betreiber:innen schon erlebt haben, was schlechte technische Entscheidungen im Alltag anrichten können. Wenn einmal Beschwerden, unnötige Kosten oder dauernde Betriebsprobleme da sind, wird sehr schnell klar, dass es wirtschaftlicher gewesen wäre, früher genauer hinzuschauen.
LEADERSNET: Wie beurteilen Sie die Zukunftsperspektiven für junge Menschen in Ihrem Berufsfeld?
Maderthaner: Ich halte sie für gut. Gebäude werden technisch anspruchsvoller, die Anforderungen an Energieeffizienz und Dekarbonisierung steigen, und gleichzeitig wächst der Druck, dass Gebäude nicht nur nachhaltig geplant und gebaut, sondern auch nachhaltig betrieben werden. Wer systemisch denkt und Interesse an den Themen Energie- und Gebäudetechnik zeigt, findet hier ein spannendes Feld. Es braucht Menschen, die nicht nur rechnen oder auslegen, sondern die Folgen einer Entscheidung im späteren Alltag mitdenken können.
www.ib-maderthaner.at
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