"Der Weg zum Gipfel erfordert gute Kondition und Ausrüstung"

Gastkommentar von Rudolf X. Ruter, Experte für Corporate Governance und Nachhaltigkeit, Buchautor und Mitglied in diversen Aufsichtsgremien.

Viele wünschen sich eine Berufung und Bestellung in ein Aufsichtsgremium am Ende ihrer Karriere. In ein Aufsichtsgremium wird Frau oder Mann aber nur bei ausreichender fachlicher und persönlicher Qualifikation berufen. Losgelöst von allen eigenen fachlichen Qualifikations- und persönlichen Kompetenz-voraussetzungsfragen, muss sich aber am Anfang jeder potenzielle Kandidat die zentrale Frage stellen: "Wo will ich Beirat oder Aufsichtsrat werden?" Das "warum" haben wir in der letzten Kolumne diskutiert.

Sebastian Hakelmacher (alias Eberhard Scheffler) ist davon überzeugt, dass man Beirat oder Aufsichtsrat "aus Ehrgeiz, Zwang, aus Gewohnheit, durch Erbschaft oder aus Versehen wird". Um das Versehen etwas einzugrenzen, sollten sie sich über das "wo" ausreichend Gedanken machen. Für welche Branche und welche Art von Unternehmen sind meine persönlichen und fachlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen am besten geeignet? In welchen Unternehmensformen habe ich bisher die meisten Kenntnisse sammeln können:

  • für große kapitalmarktorientierte Unternehmen (z.B. ATX, SMI, CAC40, DAX, MDAX)
  • für eher kleinere kapitalmarktorientierte Unternehmen (z.B. TecDAX, SDax)
  • für große nicht-kapitalmarktorientierte, mittelständische Familienunternehmen
  • für eher kleine nicht-kapitalmarktorientierte, klein- und mittelständische Familienunternehmen
  • für gemeinnützige oder kirchliche Unternehmen und Organisationen
  • für öffentliche Unternehmen des Bundes, der Länder und der Kommunen
  • für Start-Ups bzw. Jungunternehmen oder traditionsreiche, seit über 100 Jahren bestehenden Unternehmen


Bin ich eher national oder international orientiert? Wie perfekt sind meine Fremdsprachenkenntnisse? Immer mehr Aufsichtsgremien werden mit ausländischen Kandidaten besetzt und Deutsch ist schon in vielen Gremiensitzungen nicht mehr die Sitzungssprache. Sind meine bisherigen Branchenerfahrungen noch zukunftsfähig und können sie auch für andere noch von Nutzen sein? Welche bisherigen Erfahrungen habe ich in Krisen- und Ausnahmesituationen gesammelt? Lähmt mich die momentane Corona-Situation oder erkenne ich die zahlreichen Chancen – nicht nur im Digitalisierungsbereich?

Umso weniger verschiedene Branchen ein potenzieller Aufsichtsrat bisher kennenlernen durfte und umso begrenzter seine Erfahrungen mit unterschiedlichen Unternehmensformen sind, umso eingeschränkter werden seine Möglichkeiten für ein zukünftiges Beirats- und Aufsichtsmandat sein.

Grundsatz des "Hochdienens"

Wie so oft im Leben, ist das erste Mal das schwerste Mal. Für einen Kandidaten kann es daher genauso schwer sein, das "erste Mandat" zu erhalten, wie seinerzeit die erste Position mit Mitarbeiter-verantwortung. Auch auf der obersten Stufe der Karriereleiter gilt der Grundsatz des "Hochdienens". Der Kandidat sollte sich also zuerst für kleinere Unternehmen und kleinere Aufsichtsgremien bemühen als gleich auf große Industrieunternehmen zu zielen. In der Regel werden z. B. Mitglieder in den Aufsichtsrat eines ATX oder DAX Unternehmens nur dann berufen, wenn diese mindestens schon Mitglied eines Gremiums einer MDAX-Unternehmung waren oder sind. Ein Anfang wäre auch, in einer örtlichen karitativen oder christlichen Organisation oder in einem Verein eine erste Aufsichtsfunktion zu übernehmen.

Der Weg zum Gipfel erfordert also eine vorausschauende (Karriere)-Planung. Dabei sollte bedacht werden, dass es aufgrund der eigenen Kondition und Ausrüstung (bzw. fachliche und persönliche Voraussetzungen) manchmal sinnvoller erscheint, lieber im Tal oder im Basiscamp erfolgreich Verantwortung zu übernehmen als auf dem Weg zum Gipfel zu scheitern.

Wenn Sie das "Wo" ausreichend beantwortet haben, sollten Sie noch bitte die folgenden weiteren Kernfragen (Wann, Was, Wie und Wer) beantworten.

Die vorstehenden Gedanken sind entnommen der zweiten, neu bearbeiteten und erweiterten Auflage und im Juni 2021 erschienen Buches "Wie Sie Beirat oder Aufsichtsrat werden. Ein konkreter Plan für den Erfolg"

www.ruter.de


 

Kommentare auf LEADERSNET geben stets ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors bzw. der jeweiligen Autorin wieder, nicht die der gesamten Redaktion. Im Sinne der Pluralität versuchen wir unterschiedlichen Standpunkten Raum zu geben – nur so kann eine konstruktive Diskussion entstehen. Kommentare können einseitig, polemisch und bissig sein, sie erheben jedoch nicht den Anspruch auf Objektivität.

Regina Roos - Leading with Empathy - reginaroos@bluewin.ch
Sehr geehrter Herr Ruter,
Ich möchte noch einmal den Satz betonen " erkenne ich die zahlreichen Chancen – nicht nur im Digitalisierungsbereich? "
Oftmals werden wir durch Buzzwords wie Digitalisierung aus dem Fokus geholt. Riskiko Abschätzung , Nachhaltigkeut und Bewerten der Märkte für die Zukunft brauchen auch Steuerung und eine fundierte Bewertung - besonders in Zeiten wo die Supply-Chain- Ketten eine neue Wichtigkeit bekommen

Kommentar schreiben

* Pflichtfelder.

leadersnet.TV