Die ÖBB stellen die Steuerung ihres Schienennetzes auf digitale Technik um und haben dafür nun die entscheidenden Aufträge vergeben. Siemens Mobility und Hitachi Rail erhielten Rahmenvereinbarungen im Gesamtwert von rund 2,6 Milliarden Euro, um die bestehenden Stellwerke, mit denen Weichen und Signale gesteuert werden, schrittweise durch digitale Anlagen zu ersetzen. Vorausgegangen war ein mehrjähriges Ausschreibungsverfahren nach dem Bestbieterprinzip, das zu den umfangreichsten Vergaben in der Eisenbahnsicherungstechnik seit Jahrzehnten zählt.
Schlüsseltechnologie mit hohen Sicherheitsanforderungen
Ohne Stellwerke läuft im Zugverkehr nichts, denn erst sie stellen sicher, dass sich Fahrten nicht in die Quere kommen. Die digitale Technik soll diese Aufgabe künftig flexibler abwickeln und zugleich die Grundlage für weitere digitale Anwendungen schaffen. Da Stellwerke zur kritischen Infrastruktur zählen, muss das neue System zudem strenge Vorgaben bei der Informationssicherheit erfüllen und gegen Cyberangriffe geschützt sein.
"Das Digitale Stellwerk ist eine Schlüsseltechnologie für die Eisenbahn der Zukunft. Mit dieser Vergabe stellen wir die Weichen für die umfassende Digitalisierung unserer Sicherungstechnik", erklärt Johann Pluy, Vorstand der ÖBB-Infrastruktur AG. Damit sollen die Voraussetzungen für einen effizienteren, robusteren und leistungsfähigeren Bahnverkehr geschaffen werden. Zugleich würden die ÖBB damit auch international neue Standards in der digitalen Verkehrssteuerung setzen.
Vom Stellwerk bis zur Weiche an der Strecke
Die Vergabe umfasst einerseits die Innenanlagen, in denen die sicherheitskritische Logik des Stellwerks verarbeitet wird. Andererseits gehören auch die Komponenten draußen am Gleis dazu. Dort übernehmen sogenannte Object Controller, also Steuereinheiten vor Ort, die unmittelbare Ansteuerung von Signalen, Weichen und weiteren sicherheitsrelevanten Bauteilen.
Die Rahmenvereinbarungen sind auf mindestens zehn Jahre angelegt. Deutlich weiter reicht eine begleitende Servicevereinbarung, die für die gesamte Lebensdauer der Systeme von 25 Jahren gilt. Sie soll sicherstellen, dass die Anlagen über diesen Zeitraum technisch betreut, gewartet und verfügbar gehalten werden.
Neue Stellwerksgeneration startet Ende 2030 in die Pilotphase
Erste Erfahrungen mit digitalen Stellwerken haben die ÖBB bereits gesammelt. Im niederösterreichischen Achau nahm Siemens Mobility 2020 eine entsprechende Pilotanlage in Betrieb. Die im Rahmen der aktuellen Vergabe beauftragte Stellwerksgeneration soll erstmals im vierten Quartal 2030 an einem Pilotstandort eingesetzt werden. Weitere Standorte sollen folgen, bevor nach erfolgreichem Abschluss der Erprobungsphase der österreichweite Rollout beginnt. Langfristig sollen die herkömmlichen Stellwerke vollständig durch digitale Anlagen ersetzt werden.
Die Umstellung ist Teil einer umfassenderen Digitalisierung des heimischen Schienennetzes. Parallel dazu wird das stark befahrene ÖBB-Netz bis 2038 schrittweise mit ETCS Level 2 ausgerüstet.
Siemens Mobility bündelt Funktionen auf einer Plattform
"Was im Jahr 2020 als Pilotprojekt an einem Bahnhof vor den Toren Wiens begonnen hat, entwickeln wir nun gemeinsam mit den ÖBB zu einem der modernsten Bahnnetze der Welt weiter", erklärt Tanja Kienegger, Managing Director von Siemens Mobility Austria. Die neuen Lösungen sollen nach Angaben des Unternehmens zu mehr Kapazität, höherer Zuverlässigkeit und einem nachhaltigeren Bahnbetrieb beitragen.
Technisch setzt Siemens Mobility auf "Signaling X". Hinter dem Namen steht eine Softwarearchitektur, die unterschiedliche Aufgaben der digitalen Bahninfrastruktur unter einem Dach vereint – von der Stellwerkssteuerung über ETCS und die Diagnose bis hin zu Cybersecurity und den Object Controllern an der Strecke. Die Funktionen laufen dadurch auf einer gemeinsamen technischen Basis.
Hitachi Rail liefert Basistechnologie aus Wien
"Durch die Verbindung globaler Signaltechnikkompetenz mit österreichischer Ingenieursleistung schaffen wir die Voraussetzungen für ein zuverlässigeres, effizienteres und attraktiveres Bahnsystem für kommende Generationen", betont Hannes Boyer, Vice President North, Central & Eastern Europe bei Hitachi Rail. Die Partnerschaft sichere zudem nachhaltig den Standort Wien als strategisches Entwicklungszentrum und werde eine wichtige Referenz für die Digitalisierung der Bahn in Europa sein.
Der Konzern ist seit mehr als 60 Jahren in Österreich vertreten und entwickelt in Wien seit 30 Jahren eine Plattform für sicherheitskritische Bahnanwendungen, die mittlerweile weltweit genutzt wird. Auf ihr basieren unter anderem Stellwerke, ETCS-Lösungen und Feldelemente. Ihre jüngste Version soll nun auch in den digitalen Stellwerken der ÖBB zum Einsatz kommen. Im heimischen Bahnbetrieb ist Hitachi Rail bereits fest verankert, denn das Unternehmen liefert das zentrale Verkehrsmanagementsystem, über das der hochautomatisierte Zugverkehr in Österreich gesteuert und überwacht wird.
Ministerium betont Cybersicherheit und Standort
"Mit dem Digitalen Stellwerk investieren wir in das Rückgrat unseres Bahnverkehrs. 2,6 Milliarden Euro für eine moderne, digitale Sicherungstechnik bedeuten mehr Verlässlichkeit und Pünktlichkeit", erläutert Peter Hanke, Bundesminister für Innovation, Mobilität und Infrastruktur. Die Digitalisierung kritischer Infrastruktur bedeute für ihn aber auch Verantwortung, weshalb man auf Cybersicherheit und technologische Souveränität setze. Mit Siemens Mobility und Hitachi Rail seien zwei international erfahrene Unternehmen beauftragt worden, die stark in Österreich verwurzelt seien und hier Arbeitsplätze sicherten.
www.oebb.at
www.mobility.siemens.com
www.hitachirail.com
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