Martin Schiefer im Interview
"Wer Steuergeld nachhaltig einsetzen will, braucht Transparenz statt grauer Theorie"

| Tobias Seifried 
| 04.11.2026

Im LEADERSNET-Interview spricht Martin Schiefer, CEO von Schiefer Rechtsanwälte, über seinen ungewöhnlichen Weg ins Vergaberecht, die Notwendigkeit von resilienten Lieferketten und strategischen Investitionen in Innovation und Verteidigung. Zudem erklärt er, warum das Vergaberecht als Belohnungs-Tool für heimische Unternehmen dienen muss.

LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Schiefer, einst waren Sie als Tourguide in Museen tätig, heute gelten Sie als führender Experte für Ausschreibungen und Vergaberecht. Wie verlief dieser Weg dorthin?

Martin Schiefer: Das war purer Zufall und mit viel Einsatz verbunden. Als Jurist musste ich mir das Studium anfangs finanzieren und habe Führungen gemacht. Sprache und das Herunterbrechen komplizierter Regulatorik auf einfache Prinzipien haben mich schon damals fasziniert.

Über den Europawahlkampf bin ich schließlich nach Brüssel gekommen, wo ich 1995 erstmals mit Vergaberichtlinien in Kontakt kam. Zurück an der Universität in Graz schrieb ich ein Gutachten zu einem Bereich, den damals alle Altvorderen belächelt hatten. Als ich mich später bei einer Großkanzlei beworben habe, wurde ich nach meiner Spezialisierung gefragt. Aus dem Bauch heraus nannte ich Vergaberecht – der Recruiter bekam glasige Augen und meinte, mich schicke der Himmel. So schnell kann es gehen.

LEADERSNET: Wie groß ist Ihre Kanzlei heute, und auf welche Kernbereiche konzentrieren Sie sich in der täglichen Praxis?

Schiefer: Wir sind mittlerweile 50 Mitarbeiter:innen, verteilt auf sechs Standorte in ganz Österreich. Unser Fokus liegt stark auf dem Beschaffungswesen im Innovationsbereich. Aktuell sind das Themen wie Verteidigung, Forschung, industrielle Kooperationen – mit dem Ziel, das Wort Industrie wiederzubeleben und für die Wirtschaft zu arbeiten. Darüber hinaus sind wir stark im Bereich Gesundheit, Wohnbau, Infrastruktur und digitale Souveränität tätig.

LEADERSNET: Im Fokus steht oft die internationale Regulatorik. Sind Ausschreibungen ein fairer Hebel für Investitionen, oder hemmt die Überregulierung gewisse Innovationen?

Schiefer: Das Vergaberecht ist im Kern ein Einkaufsrecht. Wir müssen uns anschauen, wie wir den Euro an Steuergeld in Österreich besser ausgeben. Angesichts von Umbrüchen – etwa in der Lebensmittelbranche oder bei Lieferketten, wo Rohstoffe teurer werden – muss der Einkäufer neu denken. Vergaberecht darf kein reines starres Korsett sein, sondern muss als Belohnungs-Tool dienen. Unternehmen, die die öffentliche Hand dabei unterstützen, resilienter und stärker zu werden, müssen den Zuschlag erhalten – und nicht zwingend der billigste Anbieter, der mit alten Systemen agiert.

LEADERSNET: Plädieren Sie damit grundsätzlich für mehr gesetzliche Regelung oder für das Gegenteil?

Schiefer: Ich bin für eine gezielte Schwerpunktsetzung in der Regulatorik. Die vielgescholtene Lieferkette ist vom Text her zwar sehr aufwendig, aber vom Sinn her absolut geboten. Wir müssen wissen, woher unsere Produkte und Zulieferer kommen, um heimische Strukturen zu stärken. Mein Wunsch an die Regulatorik lautet daher: bessere Schwerpunktsetzung statt reiner Paragrafenflut.

LEADERSNET: Können Sie konkrete Beispiele nennen, wie Ausschreibungen den Markt fairer gestalten und die Wertschöpfung im Land halten können?

Schiefer: Ein klassischer Fall ist der Infrastrukturbau. Für den Verband der Bahnindustrie haben wir ein Papier zum Thema "Made in Europe – Made in Austria" verfasst. Dabei geht es nicht um Protektionismus, sondern um die Bewahrung einer gut funktionierenden Industrie und das Schaffen fairer Bedingungen für unsere Champions. Im Lebensmittelbereich betrifft das die Berücksichtigung von Lebensplätzen und Bioprodukten im gesamten Prozess. Auch im Schulbau, bei der Bildung oder in der militärischen Forschung – die uns übrigens Alltags-Technologien wie Smartphone-Bildschirme beschert hat – liegen riesige Hebel. Die 70 Milliarden Euro öffentlicher Beschaffung gezielt in diese Innovationsbereiche zu lenken, wäre für ein ressourcenarmes, aber bildungsstarkes Land wie Österreich die große Chance.

LEADERSNET: Wie muss das Vergaberecht der Zukunft gestaltet sein?

Schiefer: Es sollte schlanker und schneller werden und Zukunftsthemen besser adressieren. Wir müssen weg von langen Verfahrensdauern und schwerfälligen Texten. Unternehmen müssen in die Lage versetzt werden, unkompliziert am transparenten Wettbewerb teilzunehmen. Entscheidungen müssen nachvollziehbar und begründet sein und klare Regeln definieren.

LEADERSNET: Wie stehen Sie zu internationalen Standards im Kontrast zur Entbürokratisierung?

Schiefer: Wir müssen internationale Standards einführen, diese aber konsequent entbürokratisieren. Die Wirtschaft braucht Zuverlässigkeit und Planbarkeit. Wenn sich Rahmenbedingungen ständig ändern – man denke an das Hin und Her bei der Elektromobilität und den Verbrennermotoren –, ist das Gift für den Markt.

LEADERSNET: Viele empfinden das Vergaberecht als sperrig und haben Berührungsängste. Warum sollten wir den Nutzen von Ausschreibungen positiver sehen?

Schiefer: Tennis spielen oder Geige lernen ist am Anfang auch schwierig – genauso verhält es sich mit dem Vergaberecht. Wenn man es beherrscht, erwärmt es die Herzen. Es ist eine Regulatorik, um Steuergeld so einzusetzen, dass es nachhaltig und transparent wirkt. Aufträge werden europaweit ausgeschrieben, um Wettbewerb zu sichern, während gleichzeitig regionale Aspekte, Resilienz und ESG-Kriterien berücksichtigt werden können. Ein klares Ja zu Transparenz, Wettbewerb und Nachvollziehbarkeit.

LEADERSNET: Abschließende Frage: Dürfen wir uns auf die Zukunft freuen, oder müssen wir ihr mit Sorge begegnen?

Schiefer: Natürlicherweise müssen wir uns auf die Zukunft freuen! Ich freue mich auf das Leben und ich freue mich auf die Zukunft.

LEADERSNET: Vielen Dank!

www.schiefer.at

Zur Person

Martin Schiefer ist CEO und Gründungspartner von Schiefer Rechtsanwälte. Der ausgewiesene Experte für Vergaberecht, öffentliches Wirtschaftsrecht und Infrastruktur blickt auf eine langjährige Karriere in der Beratung von Großprojekten, der öffentlichen Hand sowie Industrieunternehmen zurück.

Neben seiner anwaltlichen Tätigkeit ist er als Fachautor, Vortragender und profunder Kenner nationaler wie europäischer Beschaffungsstrukturen etabliert.

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Martin Schiefer ist CEO und Gründungspartner von Schiefer Rechtsanwälte. Der ausgewiesene Experte für Vergaberecht, öffentliches Wirtschaftsrecht und Infrastruktur blickt auf eine langjährige Karriere in der Beratung von Großprojekten, der öffentlichen Hand sowie Industrieunternehmen zurück.

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